Das Reserve-Infanterie-Regiment 236 in der Champagne

Am 07. März frühmorgens setzte das feindliche Artilleriefeuer auf dem ganzen Regimentsabschnitt in voller Stärke wieder ein. Besonders heftig lag es auf den Gräben bei der Champagne-Ferme und auf der Ferme selbst. Gegen 8 Uhr vorm. erhielt die Ferme den ersten Volltreffer, der die Ostseite der Keller zerstörte und ein M.G. zertrümmerte. Ein Teil der Besatzung gelangte noch ins Freie, der größere Teil mußte drin bleiben, weil gleich darauf sämtliche Ausgänge verschüttet wurden. Später wurde das feindliche Feuer etwas rückwärts verlegt, der Feind stieß zwischen 77 und 53 von Süden her vor, umzingelte die Ferme und wies die Versuche der Besatzung, die sich gerade einen Ausgang geschaffen hatte, den Keller zu verlassen, mit Handgranaten ab. Die Besatzung harrte bis zur Nacht aus. Im Schutz der Dunkelheit gelang es ihr, das zweite noch unbeschädigte M.G. in Stellung zu bringen und den andrängenden Gegner eine Zeitlang damit niederzuhalten. Bald hernach wurde aber das Gewehr außer Gefecht gesetzt und der Unteroffizier Biedassek nebst dem Schützen Neumann verwundet. Die Besatzung gab auch jetzt die Lage nicht verloren. Trotz seiner Verwundung gelang es Neumann, mit Hilfe des Schützen Tomkewitz, den ernster verwundeten Uffz. Biedassek mit sich führend und den Gegner mit Handgranaten angreifend sich durchschlagen und in den eigenen Kampfgraben zurückzukehren.

Während dies geschah, hatte heftiges Schneetreiben eingesetzt, das im Laufe der Nacht etwas abflaute, am 08. März vormittags aber wieder zunahm. Das feindliche Artilleriefeuer liegt nun wieder mit voller Wucht auf der Stellung. Die Gräben im Bereich der 1./ und 2./236 sind bald zerstört, beide Kompagnien haben schwere Verluste. Der Führer der 2./236, Lt. Faßbender, wird verschüttet und kampfunfähig. Lt. Schween übernimmt die Führung der Kompagnie. Die Verbindung nach rückwärts ist fast völlig unterbunden. Trotzdem gelingt es, einen Zug der 3./236 unter Lt. Henning nach vorn in den K1-Graben zu werfen. Um die Mittagszeit drängen die Dinge der Entscheidung zu. Starke Bereitstellungen des Feindes werden genau erkannt, und sein Angriff scheint unmittelbar bevorzustehen. Das Regiment will die Brigade über die Lage unterrichten und den Einsatz der eigenen Artillerie herbeiführen, kann sie aber erst nach längerer Zeit erreichen. Die feindlichen Bereitstellungsgräben werden jetzt genau bezeichnet, und es wird betont, daß die Stellung ohne Zerstörungsfeuer der Artillerie nicht zu halten sei. Trotzdem wird es 3 Uhr nachm., bis unsere Batterien langsam einsetzen, und auch dann nicht so stark und wirkungsvoll, wie es gewünscht war. Um 03.45 Uhr nachm. geht der Feind in dichten Gruppen aus der Hessenschlucht gegen die Gräben beiderseits der Champagne-Ferme vor. Die Sperrfeuersignale der Grabenbesatzung werden vom Regiments-Gefechtsstand aufgenommen und 12 Minuten lang nach hinten weiter gegeben, ohne das sie bemerkt werden. Als dann das Sperrfeuer um 03.58 Uhr einzusetzen beginnt, ist es zu spät. Die Franzosen sind inzwischen in Stärke von mehrerer Kompagnien aus der Hessenschlucht und von Süden her herangekommen und schicken sich an, in die Stellung einzudringen. Der Führer des I. Zuges der 1./236, Vizefeldwebel Welsch, der östlich der Champagne-Ferme zwischen 4 und 53 eingesetzt ist, empfängt, zusammen mit Uffz. Mertens, dem Gefr. Klein und dem Musk. Rexroth den anlaufenden Gegner mit Gewehrfeuer, muß sich dann aber, als er sieht, daß die wenigen Mann die Flut nicht aufhalten können, zurückziehen, um der Gefangennahme zu entgehen. Ganz hervorragend schlug sich der Uffz. Hechold der 2./236. Er brachte es fertig, mit den Musketieren Heinz und Neumann nicht nur der Gefangennahme sich zu entwinden, sondern auf seinem Rückzug noch 11 Franzosen gefangenzunehmen und in die eigene Linie mitzubringen. Er schüchterte die Leute durch Vorspiegelungen ein, ließ sie vor sich hergehen und hielt die überall auftauchenden Feinde mit der vorgehaltenen Waffe in Schach. Die genannten beiden Musketiere hatten sich schon vorher beim Beobachten im feindlichen Artilleriefeuer sehr unerschrocken gezeigt. Lobende Erwähnung verdient auch der Musk. Fleischmann der 2./236, der als Gefechtsordonnanz von Unterstand zu Unterstand eilte, in der Dunkelheit sich verlief und in die Champagne-Ferme gelangte, die er vom Feind verlassen fand. Immer wieder zwang ihn das feindliche Feuer in irgend einen Unterschlupf hinein, bis er nach 24 Stunden die eigenen Gräben glücklich wieder erreichte. Einige Leute der 1./236, die sich vor dem feindlichen Feuer in den Unterstand ihres Kompagnieführers flüchten wollten, fanden den Unterschlupf eingedrückt und eine Reihe Toter darin, unter ihnen den Führer des 1. Zuges, Lt. Fourdant. Von der ganzen 1./ 236 fanden sie nur noch 4 Unteroffiziere, 8 Mann zusammen, über die Lt. Strauß den Befehl übernahm.

Arthurhang
Bataillons-Geschäftszimmer am Arthurhang

Als der Gegner in die Stellung der 1./ und 2./ 236 eingedrungen war, führte Lt. Henning seinen Zug aus dem R1-Graben durch die Kirschbaumallee zum Gegenstoß gegen die Champagne-Ferme vor. Als er sich nach einigen Minuten nach seinen Leuten umdrehte, sah er sich allein auf weiter Flur, die Gruppen zersprengt von feindlichen Feuer, verschwunden. Der Führer der 3./236 Lt. Viehmann, setzte nun den 2. Zug zum Gegenstoß an mit dem Befehl, den Gegner aus der Stellung wieder herauszuwerfen. Auf Befehl des Regiments schloß sich gleich darauf Lt. Viehmann selbst mit dem Rest der Kompanie diesem Gegenstoß an. Es kam aber zu keinem einheitlichen, wirksamen Vorgehen, da die Gruppen in dem starken französischen Sperrfeuer zersprengt wurden und aus der Hand ihrer Führer gerieten. Schließlich wurde auch noch die vom Regiment dem Bataillon zur Verfügung gestellte 4./ Komp., Führer Lt. Ricken, zum Gegenstoß angesetzt, aber auch sie war nicht imstande, die Bewegung mit der nötigen Wucht auszuführen und den Erfolg zu erzwingen. Um 5 Uhr unterstellt das Regiment dem I./236 weiterhin die 6./236 unter Führung des Lt. Schnetzle. Das Bataillon befielt: “ 6./236 stellt sich beiderseits 640 zum Gegenstoß auf.“ Dieser Befehl wird gleich darauf wiederrufen und die Kompagnie zum Schutz der linken Flanke der Stellung eingesetzt. Während noch die Kompagnie diese Bewegung nach links hin im feindlichen Feuer auszuführen versucht, erreicht sie der Befehl des Regiments: „6./236 macht sofort Gegenstoß auf die Champagne-Ferme.“ Die Kompagnie muß also wieder kehrt machen und sich nach rechts wenden. Durch diese Bewegungen im starken feindlichen Feuer gerät sie völlig durcheinander und ist zerstreut, bevor sie wirksam in den Kampf einzugreifen vermag. Die Reste der 1./ und 2./236 sind jetzt im K1-Graben so durcheinander gemischt, dass eine Befehlsführung kaum mehr möglich ist.

Um 05.30 Uhr nachm. wird die Bereitstellung starker feindlicher Angriffstruppen in der Hessenschlucht gegenüber dem Kompagnie-Abschnitt J2 erkannt. Bald darauf konzentriert sich das feindliche Feuer auf diesen Abschnitt, dem binnen kurzen der feindliche Angriff folgt. Er wird durch Infanterie- und M.G.-Feuer aus J2 und J3 mit starken Verlusten für den Gegner abgeschlagen. 1 1/2 Stunden später versucht der Feind vor J1 gegen unseren Graben vorzugehen, muß aber in unserem Sperrfeuer wieder zurückweichen.

Inszwischen sind nochmals Bemühungen im Gange, die verlorenen Gräben wieder in unsere Hand zu bringen. Um 8 Uhr abends stößt Lt. Harstick als Führer einer Offiziers-Patrouille mit dem Stoßtrupp der 8./236 vor, um von Osten her in die Champagne-Ferme einzudringen. Er gelangt nicht weiter als bis Punkt 4, wo zwei feindliche M.G. ein weiteres Vordringen unmöglich machen. Nach seiner Rückkehr muss Lt. Harstick für den durch Schulterschuß verwundeten Führer der 8./236 Lt., Lt. Sellke, die Führung der Kompagnie übernehmen. um 09.45 Uhr nachmittags erhält die 4./236 erneut den Befehl, gegen die Champagne-Ferme vorzugehen. Sie versucht es, bleibt aber in Kurzschüssen der eigenen Artillerie stecken.

Das Regiment lasst nun zunächst die Verbände ordnen, so gut dies in der Dunkelheit zu bewerkstelligen geht. Als dies geschehen ist, befiehlt es Folgendes: „Die verlorene Stellung ist wiederzunehmen Hierzu werden 4./, 8./ und 5./236 eingesetzt. Die 4./236 hat die Gräben vor 640 von Südosten her aufzurollen; die 8./ 236 arbeitet der 4./ von Norden her entgegen und tritt dann in Fühlung mit ihr. Die 5./236 hat die Linie 655-4 aufzurollen und westlich 4 Anschluß an die beiden anderen Kompagnien zu nehmen.“

Diese Bewegung wird von der 5./236 eingeleitet und von der 8./236 bis Punkt 4 durchgeführt; ihre von 705 und 655 vorgegangenen Stoßtrupps finden aber keinen Anschluß gegen 640 hin, weil der Vorstoß der 4./236 gescheitert ist; und müssen wieder zurückgehen. Es ist Mitternacht, als sich dies abspielt. Zwei Stunden nach Mitternacht befiehlt das Regiment der 6. Kompagnie, mit ihrem Stoßtrupp von 655 über Punkt 4 vorzugehen, ein Zug der 4./236 soll östlich ausholend mitwirken. Ein Stoßtrupp der 6./236 bleibt wiederum bei Punkt 4 hängen, der Zug der 4./236 unter Führung des Lt. Burmeister kann diesmal zunächst Raum gewinnen, muß aber schließlich wieder zurückgehen, da ihm die Unterstützung der 6./236 versagt bleibt. Um 5 Uhr früh des 09. März macht das Regiment einen letzten Versuch die Lage wiederherzustellen und befiehlt dem Führer des I./236 Hptm. von Houwald, seine Kompagnien sofort zum Gegenstoß anzusetzen. Aber auch dieser Befehl wird von der rauhen Wirklichkeit zur Aussichtslosigkeit verurteilt, denn es ergibt sich, daß die erschöpften Kompagnien zu einem energischen Vorstoß nicht mehr fähig sind.

Nach Tagesanbruch wird das I./236 durch das III./236 – ohne 9. Komp., die in J 3 zurückbleibt – abgelöst, und Major Ebel übernimmt den Befehl im westlichen Abschnitt. Die Reste der 1./ und 2./236 unter Lt. Schween werden in den Altrocktunnel, 3./236 in den Hohlweg und 4./236 in den Arthurhang verlegt. Major Ebel besetzt mit der 10./ und 11./236 die vordere Linie und läßt die 12./236 zur Verfügung des Regiments im Altrocktunnel in Bereitschaft. Das II./236 bleibt im mittleren Abschnitt. Der Kompagnie-Abschnitt J4 wird vom Regiment 234 übernommen. Da die vielen mißlungenen Gegenstöße des Vortages und der vergangenen Nacht gezeigt haben, daß an Wiederinbesitznahme der verloren gegangenen Stellungsteile ohne Unterstützung der Artillerie nicht zu denken ist, setzt die Brigade auf nachm. 3 Uhr einen Gegenangriff auf die Champagne-Ferme an. Zu diesem Unternehmen werden die 10./ und 11./236 bereitgestellt; die 12./236 erhält Befehl, sofort nach Losbrechen der vorderen Kompagnien in die Sturmausgangsstellung nachzurücken. Dem III./236 wird außerdem noch die im Altrocktunnel bereitgehaltene 12./234 zur Verfügung gestellt. Die 10./236 unter Leutnant Güß stellt sich mit 2 M.G. zwischen 630 und 640, die 11./236 unter Lt. Löhmann mit 3 Stoßtrupps, einem Kleif und zwei M.G. zwischen 640 und 645 bereit. Der Angriff beginnt etwa nach einstündiger Artillerievorbreitung um 03.15 nachmittags. Die 10./236 erreicht den Sektweggraben bei 127 und rollt ihn von hier aus nach Osten auf. Die 11./236 stößt bei Punkt 4 auf starken Widerstand und erleidet schwere Verluste. Kurz vor 4.25 Uhr nachm. fällt Lt. Höhmann. Seine Leute können sich gegen die stark besetzten Gräben bei der Champagne-Ferme nicht weiter vorarbeiten; ein Teil von ihnen flutet unter dem Eindruck des Todes ihres Führers in die K-1 Linie zurück. Hier sammelt sie Lt. Brünler, der Führer der 12./236, und setzt sie zur Verstärkung der Kompagnie Güß ein. Der Befehl über die vorn gebliebenen Teile der 11./236 übernimmt Lt. Haamann. Bald darauf wird der Führer der 3./ M.G.K., Lt. Weller, durch Kopfschuß verwundet. Die 10./236 kann, nachdem der Angriff der 11./236 ins Stocken geraten ist, den Anschluß an sie nach Osten nicht gewinnen und kommt in Bedrängnis. Die eigene 12./236 und zwei Züge der 12./234 werden deshalb nach vorn nachgeschoben. Trotzdem erweist sich ein Weiterkommen vorn als unmöglich. Da aber ein Verbleiben in der erreichten Stellung ohne Anschuß auf die Dauer ausgeschlossen war, wurde am Abend der Befehl erteilt, den Graben von 655 bis 4 wieder zu räumen, die übrige Stellung aber unbedingt zu halten. Die eingesetzten Züge der 12./234 wurden wieder zurückgenommen.

Die Lage war hiernach folgende: Die 10./236 hatte den Graben westlich der Champagne-Ferme von 630 bis 127 in Besitz und nach Westen hin Anschluß an Regt. 235. 2 Züge der 12./236 lagen in den Gräben von 71 nach 70b und von da nach 70 und 49. Nach Einruch der Dämmerung fühlte Uffz. Ludwig von der 10./236 bis zur Baumreihe an der Champagne-Ferme vor und stellte fest, daß die Ferme und die Gräben bei ihr vom Feind besetzt waren. Noch blieben die Verwundeten der 11./236 zu bergen. Im Schutz der Dunkelheit gelang dies aber restlos, und auch die Leiche des Kompagnieführers, Lt. Höhmann, wurde zurückgebracht.

Am 10. März blieb die Lage im allgemeinen unverändert. Am 11. März wurde der Gegner wieder regsamer und machte in der Frühe einen Patrouillenvorstoß gegen Punkt 127 am Sektweg, der aber durch Handgranaten abgewiesen wurde. Am Vormittag verursachten Gasgranaten der feindlichen Artillerie auf das Gelände zwischen 70, 71 und 70b bei der 12./236 schwere Verluste. 38 Gasvergiftete müssen aus einem Stollen geborgen werden. Von ihnen sind mehrere Mann schwerkrank, 6 tot.

In der Morgendämmerung des 12. März lösen die Reste der 1./ und 2./236 unter Lt. Schween die 12./236, Führer Lt. Dietrichs, am Arthurhang ab, und die letztere rückt als Reserve des Bataillonsführers in den Ludwigskorridor. Schon im Laufe des Vormittags gehen wieder Klagen über Kurzschüsse der eigenen Artillerie beim Bataillon ein. Die Bedienung eines leichten M.G. wird durch eine eigene Granate außer Gefecht gesetzt. Um 04.10 Uhr nachm. greift der Feind die Stellung des Rgts. 235 westl. von 127 an und stößt über den Sektweg nach Norden vor. 5 Minuten später bedrohen starke feindliche Kräfte von 75 her die Stellung der 12./236 unter Lt. Brünler und die der 10./236 zwischen 630 und 127. Die 9./236 unter Lt. Dietrichs wird deshalb zur Unterstützung der beiden Kompagnien herangezogen. Um 04.30 Uhr geht der Gegner von Westen, Süden und Osten gegen unsere Stellung am Sektweg vor, und es gelingt ihm, bei 127 einzudringen. Er versucht nun, das Loch zu erweitern und den Graben gegen 105 und 79 aufzurollen. In dieser äußerst kritischen Lage bricht Major Ebel an der Spitze der 10./ und 11./236 zum Gegenstoß vor und wirft die Franzosen wieder aus der Stellung hinaus. 9 Gefangene und 2 leichte M.G. bleiben dabei als Beute in seiner Hand. Der Feind macht daraufhin noch mehrere Versuche, die Lage zu seinen Gunsten zu wenden, aber ohne Erfolg. Am Abend kann Major Ebel dem Regiment melden, daß das Bataillon die Stellung von 127 bis 630 und von 71 über 70b bis 70 und zurück über 49, 50 bis 640 fest in der Hand habe. Die Verluste waren allerdings sehr schwer. Ein Teil von ihnen mußte leider auf Kurzschüsse der eigenen Artillerie verbucht werden. Sie waren zuweilen so empfindlich, daß Major Ebel beim Regiment die sofortige Einstellung des Feuers unser gesamten Artillerie forderte, widrigenfalls er das Kommando vorn nicht weiterführen könne. Gefallen waren die Lts. Hokamp, Merten und Güß. Viehmann übernahm die Führung der 9./, Lt. Ludwig diejenige der 10./236.

Trotzdem nun die umkämpften Stellungsteile fest in unserem Besitz sich befinden, ist unsere Lage nichts weniger als angenehm, denn dem Feind ist es gelungen, westlich 127 beim Regt. 55 über den Sektweg hinaus vorzudringen und die Gräben von 105 nach 106 und 107 zu besetzen. Unsere Stellung ist somit von Osten und Westen her bedroht und sitzt als schmaler Keil in der Zange des Gegners. Es muß deshalb der schwere Entschluß gefaßt werden, die unhaltbaren Grabenstücke aufzugeben. Das geschieht in der Nacht vom 12./13. März. Nach Sprengung der Unterstände und unter Mitnahme alles verwendbaren Materials werden die Gräben 71 – 127 und 70b bis 70 geräumt und bei 71 und 70b als Sappen abgeriegelt. Vordere Linie ist nunmehr der Graben 71 – 70b – 49 – 640.

Die Kompagnien des III./236 waren bis auf wenige Gruppen zusammengeschmolzen und bedurften dringend der Ablösung. Diese wurde ihnen am 14. März zuteil. In der Morgendämmerung diesen Tages rückte das II./399 in die Stellung des II./236, das dadurch frei wurde. Dann löste die 8./236 die Reste der 10./ und 12./236 in der vorderen Linie westlich der Champagne-Ferme ab. Die abgelösten Gruppen rückten in den Altrocktunnel. Die 6./236, Führer Lt. Vortmann, besetzte alsbald die Linie 640 – 645 im Anschluß an die 8./236. Nachmittags löste die 7./236 die 9./236 in der Stellung von 630 – 71, die 5./236 die 11./23 zwischen 71 und 70b ab. 9./ und 11./236 begeben sich ebenfalls in den Altrocktunnel, wo sich vor allem die Verbände ordnen. Major Ebel behält das Kommando im Kampfabschnitt vorerst noch bei.

Nach der Ablösung nimmt die Gefechtstätigkeit vorübergehend wieder zu. Ein vom Feind gegen die Stellung westlich und nördlich der Champagne-Ferme unternommener starker Angriff bricht in unserem vereinigten Artilleriefeuer zusammen. Noch einmal verursacht unsere Artillerie, die wiederum dauernd zu kurz schießt, einen dramatischen Auftritt. Um die Artillerie von der Berechtigung der Klagen der Infanterie zu überzeugen, ersucht Major Ebel den Verbindungsoffizier der schweren Artillerie, Lt. Lemsch, sich persönlich von der Richtigkeit der Behauptungen der Kompagnien zu überzeugen. Lt. Lemsch findet jedoch selbst keine Erklärung für die nun schon so lange währende missliche Erscheinung, vermag sogar nicht einmal zu erreichen, daß die Kurzschüsse jetzt endlich aufhören.

Der Regimentskommandeur ruft den Divisionskommandeur persönlich an, teilt ihm den Tatbestand mit und bittet dringend um Abhilfe. Er erhält die Antwort, die Division werde die Artillerie sofort benachrichtigen. Wahrscheinlich handele es sich aber nicht um Kurzschüsse der eigenen Artillerie, sondern um das Feuer einer feindlichen Batterie, die in der Flanke stände. Darauf wendet sich der Regimentskommandeur unter Umgehung des Dienstweges an den Chef des Stabes beim Generalkommando, der ihm versichert, er werde mit allen Mitteln und rücksichtslos um Abhilfe bemüht sein. Hätte Major Lauffer diese befriedigende Antwort nicht bekommen, so war er entschlossen gewesen, seine Beschwerde schließlich beim Oberbefehlshaber vorzubringen.

Auf den oft geäußerten Einwand, die Infanterie halte feindliche Geschoßeinschläge für Kurzschüsse der eigenen Artillerie, ist Folgendes zu erwidern: durch die jahrelange Tätigkeit im feindlichen Feuer hatte man eine außerordentliche Gewandheit im Erkennen der Schußrichtungen bekommen und konnte dementsprechend Deckung nehmen. Wer sich diese Kenntnis nicht hätte aneignen können, wäre mit der Zeit rettungslos der feindlichen Artillerie zum Opfer gefallen.

Am 15. März übergab Major Ebel das Kommando über den Kampfabschnitt an den Stab des II./399 und folgte seinen Kompagnien in den Altrocktunnel nach. In der darauffolgenden Nacht wurde das gesamte III./236 durch das II./172 abgelöst und bezog Ruhequartiere in Savigny. Dort verblieb es bis zum 27. März und verbrachte die Zeit in der üblichen Weise. Vor allem mußte es seine Gefechtsfähigkeit wiederherstellen, die stark gelitten hatte. Seine Verluste in den Tagen vom 05. bis 15. März betrugen: 4 Offiziere tot, 4 verwundet, 60 Unteroffiziere und Mannschaften tot, 133 verwundet, 10 vermißt. Es bedurfte der hingebungsvollen Arbeit aller Offiziere, um die mit Ersatzmannschaften aufgefüllten Verbände möglichst bald wieder zu einer kampffähigen Truppe zusammenzuschmelzen.

Das I./236 war inszwischen (am 14. März) durch das II./399 ebenfalls in der Stellung abgelöst worden und hatte die gewohnten Ruhequartiere in Falaise bezogen. Auch es hatte starke Verluste gehabt. Sie betrugen: 1 Offizier tot, 4 verwundet, 2 vermißt, 55 Unteroffiziere und Mannschaften tot, 64 verwundet, 85 vermißt. Es erhielt noch am Ablösungstage 67 Mann Ersatz, eine Zahl, die entfernt nicht ausreichte, die Verluste auszugleichen. Im übrigen verlief die Ruhezeit in der gewohnten Weise. Am 20. März erkrankte Hptm. von Houwald und mußte das Offiziers-Lazarett in Vouziers aufsuchen. Die Führung des Bataillons übernahm vertretungsweise Lt. Ricken. Am 24. März ging das Bataillon wieder nach vorn, nachdem es noch kurz zuvor weitere 176 Mann Ersatz zugeteilt erhalten hatte, und löste das II./236 in der Stellung ab.

Dieses hielt seit 15. März im Wechsel mit dem II./399 die neue vordere Linie westlich und nördlich der Champagne-Ferme besetzt und leistete mit allen verfügbaren Kräften Arbeitsdienst im K-1 Graben der Abschnitte I3 und I4. Die stark zerstörten Drahthindernisse wurden ausgebessert und verstärkt, die Gräben entschlammt und tiefer gezogen, die Stolleneingänge freigelegt und die Unterstände wieder hergerichtet. Die Gefechtstätigkeit während dieser Zeit war schwach, die Verluste waren dementsprechend geringfügig. Nach seiner Ablösung durch das I./236 bezog es am 25. März seinerseits die Ruhequartiere in Falaise. Nach der Ankunft verabschiedete sich der Bataillonsführer, Hptm. Klein, der zum Major befördert worden war und zum Feldrekrutendepot in Gent abreiste, von seinem Bataillon. Die Führung des Bataillons behielt Hptm. Fricke bei, der sie schon seit dem 03. März vertretungsweise übernommen hatte und vorher Führer der 3./236 war.

Am 28. März erhielt dieses Bataillon Befehl zur Übernahme der in den Bereich der 54. Res.-Div. fallenden Stellung südlich Somme-Py. Es marschierte über Sapigny – St. Morel – Liry – Orfeuil nach dem Frankfurter Lager und bezog hier die Ruhequartiere des R.I.R 247. Am 29. März rückte es zur Ablösung des II./247 nach der Stellung vor. Hier erlebte es nichts, was der besonderen Erwähnung wert wäre, denn die Gefechtstätigkeit in diesem Abschnitt war sehr gering.

Am 12. April vormittags wurde das Bataillon durch das III./236, dessen Erlebnisse seit 20. März wir weiter unten erfahren werden, in der Stellung abgelöst und bezog Unterkunft in den Lagern bei Orfeuil. Abends, als das schon einige Tage hörbare Artilleriefeuer aus Richtungs Reims immer stärker anschwoll, wurde das Bataillon alarmiert und rückte nach Orfeuil, von wo der Abtransport erfolgen sollte. Der Einsatz blieb ihm aber erspart, und es begab sich in der Nacht in das Lager zurück. Am Tag darauf wurde die Alarmbereitschaft wieder aufgehoben und der normale Dienst nahm seinen Fortgang. Es trafen 170 Mann Ersatz ein, die auf die Kompagnien verteilt wurden. Zwei Tage später, am 15. April abends, erfolgte der Abmarsch in die alte Stellung südlich Ripont, westlich der Champagne-Ferme, wo das II./R.I.R. 248 abgelöst wurde. Den Befehl über den Abschnitt behielt der Stab des R.I.R. 247 weiter bei.

Das I./236, das das II./236 am 25. März in dessen Stellung im linken Bataillons-Abschnitt südlich Ripont abgelöst hatte, blieb in dieser Stellung bis zum 01. April. In den Morgenstunden dieses Tages wurde es durch das III./248 und marschierte über Séchault – Manre – Aure in das Frankfurter-Lager nebst Umgebung, wohin das II./236 vier Tage zuvor verlegt worden war. Gleichzeitig übernahm der Hptm. Husten, der von Aachen überwiesen worden war, vorher aber schon im Felde gestanden hatte, die vertretungsweise Führung des Bataillons. Dieses blieb hier zunächst bis zum 05. April Divisionsreserve. Am 05. April rückte es vor in die Stellung und wurde Kampfbataillon. Am Abend des 19. April wurde es durch das I./247 abgelöst und marschierte in das Lager zurück, von wo es am Nachmittag des 20. April mittels Fußmarsches über Liry das Ruhequartier Falaise wieder erreichte.

Sehen wir uns nun nach dem III./236 um, das, wie wir gehört haben, am 17. März sich in Savigny in Ortsunterkunft einquartiert hatte. Seine Ruhezeit sollte nicht lange währen. Schon am 20. März gab die Division den Befehl für ein neues Unternehmen an Höhe 185 bekannt, daß unter dem Decknamen „Kibitzfang“ vor sich gehen sollte. Tag und Stunde wurden bis auf weiteres offen gelassen. Unterstützt durch zahlreiche Minenwerfer und eine starke Artillerie im Verein mit den Artillerien der Nachbardivisionen und mit Einsatz ansehnlicher Luftstreitkräfte (3 Ballone, 2 Flieger-Staffeln, 1 Schutzstaffel) sollte der Kommandeur des R.I.R. 234, OTL Freiherr von Edelsheim, mit dem I./234 , II./235 und III./236 die vom Gegner entrissene Höhenstellung am Sektweg wiedernehmen. Dem III./236 fiel hierbei die Aufgabe zu, die Grabenteile westlich der Champagne-Ferme, die dem Feind Mitte März hatten überlassen werden müssen, zurückzuholen. Es war keine Kleinigkeit, mit den noch nicht genügend erholten Kompagnien ein Unternehmen solcher Bedeutung durchzuführen, zumal soeben erst weitere 156 Ersatzmannschaften zur Einreihung in das Bataillon eingetroffen waren. In unermüdlicher Arbeit wurden die Schwierigkeiten aber überwunden, und am 27. März rückte das Bataillon in die Stellung ab. Der Angriff war auf den 28. März angesetzt. Am 27. März um 6 Uhr nachm. bezog der Bataillonsstab den Gefechtsstand bei 637, und kurz vor Mitternacht trafen die Kompagnien im Altrocktunnel ein. Ihre Bereitstellung für den Angriff begann am 28. März um 03.30 Uhr früh und war um 05.25 Uhr beendet. Es standen die 9./ und 11./236 in vorderer Linie, und zwar die 9./236 in 3 Wellen zwischen 70b und 71, westlich und östlich 69a und in Linie 69a – 49, Stoßtrupps und Pioniere bei 70b, die 12./236 mit 1 Zug im Graben 49 – 69a, mit 2 Zügen im alten K1-Graben zwischen 630 und 640, hinter dem rechten Angriffsflügel gestaffelt, im Anschluß links an sie 1 Zug der 10./236 in der Linie 50 – 1 – Sappe 9. Die beiden übrigen Züge der 10./236 bildeten die Reserve des Bataillons.

Die Bereitstellung wurde dem Regiment 234 um 5.26 Uhr vormittags gemeldet. Der Angriff wurde durch kräftiges Artillerie- und Minenwerferfeuer vorbereitet. Die Wirkung des Feuers war ersichtlich eine gute, Kurzschüsse wurden nicht beobachtet. Um 05.53 vorm. gingen die Sturmwellen der Infanterie in schneidigem Angriff vor und übersprangen die neu angelegten französischen Gräben, stießen aber bereits bei 79 und südlich 70 auf hartnäckigen Widerstand. Bei 79 gelang es den Sturmtrupps der 9./ und 10./236, nach kurzem, aber heftigem Kampf den Feind zurückzuwerfen und in den Gräben 79 – 78 und 79 – 127 – 105 durchzustoßen. Der geschlagene Gegner wich in Haufen gegen 127a und Champagne-Ferme aus. Dagegen gelang es der 11./236 in dem feindlichen M.G.- und Infanterie-Feuer, das aus Richtung Hessenschlucht den Angriff des Bataillons flankierte, nicht, über Punkt 70 hinaus nach Süden vorzudringen. Der tapfere Kompagnieführer, Lt. Hamann, der an der Spitze seiner Leute den Angriff leitete, sowie Vizefeldwebel Büker derselben Kompagnie wurden durch Kopfschuß schwer verwundet. Es war nicht möglich, die feindlichen M.G. durch unser eigenes M.G.-Feuer niederzuhalten, da bald hier, bald dort ein französisches Schnellladegewehr auftauchte, und unsere M.G. auch durch feindliches Schrapnellfeuer in ihrer Tätigkeit stark behindert wurden. Auch die angesetzten Minen- und Granatwerfer hatten nur vorübergehend Erfolg. Um 06.30 Uhr nachm. fiel Lt. Appenrodt beim Abgehen der eroberten Stellung durch Kopfschuß. Die befohlene Linie war im allgemeinen erreicht und Anschluß an II./234 zwischen 127 und 105 hergestellt; doch konnte die Verbindung zwischen 70 und 76 noch nicht eingerichtet werden, da das Gelände von französischen M.G. bestrichen wurde. Die Verbindung zwischen 9./ und 11./236 wurde zunächst durch einzelne Posten in Granattrichtern hergestellt; erst in der Nacht 28./29. März konnte ein richtiger Graben angelegt werden. Sofort nach dem Angriff am 28. früh versuchten die Franzosen, aus Champagne-Ferme von 77 über 75 gegen 78 vorzudringen und unseren Kompagnien in die Flanke zu kommen. Der Stoß wurde aber duch Infanterie- und M.G.-Feuer abgewiesen. Nur ein Franzosennest bei Punkt 75 hielt sich noch längere Zeit. Es wurde um 09 Uhr vorm. erledigt. Zur Deckung der linken Flanke wurde um 10.30 Uhr vorm. ein M.G.-Zug südlich 70 eingesetzt.

Der Ausbau der eroberten Gräben wurde unverzüglich in Angriff genommen. Teilweise mußten die Leute auf dem Rücken liegend, sich eingraben, denn ein Stück der wiedergewonnen Stellung war eingeebnet, und der Gegner störte die Arbeiten sehr. Mehrere feindliche Flieger kreisten nach dem Sturm über unseren Gräben und beeinträchtigten, teils direkt duch M.G.-Feuer, teils durch Lenken ihres Artilleriefeuers, unsere Tätigkeit. Umfangreichere Arbeiten konnten daher während des Tages nicht ausgeführt werden, wie auch das Vorbringen des in der Ausgangsstellung reichlich bereitgehaltenen Materials durch den Brigadeweg unmöglich war. Jedoch gelang es, der kämpfenden Truppe warmes Essen nach vorn zu bringen, was viel zur Erhaltung der Kampfkraft beitrug.

Um 02.50 Uhr nachm. wurde beobachtet, daß der Feind die Gräben bei der Champagne-Ferme und zwischen 109 und 77 auffüllte. Artillerie und Minenwerfer, sofort verständigt, zerstreuten die feindlichen Ansammlungen.

Nach Anbruch der Dunkelheit kamen die Arbeiten trotz der Schwierigkeiten rasch vorwärts. Am Morgen des 29. März war es möglich, sämtliche Gräben gegen Sicht gedeckt zu durchschreiten. Ein einfaches Drahtverhau war vor der ganzen Linie vorhanden, die Sappenköpfe waren hinreichend verstärkt und verdrahtet. Bald nach Mitternacht vom 28./29. März wurde eine stärkere feindliche gegen 127 vorfühlende Patrouille durch Infanterie- und M.G.-Feuer abgewiesen. Dabei blieben 3 Gefangene in unserer Hand.

In den Morgenstunden des 29. März wurde die 9./236 durch die 12./236 abgelöst. Die Beobachtung war vormittags durch Nebel und Schneegestöber gestört. Der Feind verhielt sich ziemlich ruhig, und der Tag brachte keine besonderen Ereignisse. Dagegen versuchten die Franzosen in den ersten Nachtstunden des 30. März einen kräftigeren Vorstoß aus Richtung 127a und 77, der aber in dem gut liegenden Sperrfeuer unserer Artillerie, Minen- und Granatwerfer schon vor der Entwicklung zusammenbrach. Die Ablösung des Bataillons durch das I./248 sollte gegen Mitternacht vom 29./30. März erfolgen. Teils wegen der vorstehend beschriebenen Kampfhandlungen, teils wegen des furchtbaren Schlammes, in dem die Leute oft bis zur Hüfte wateten, zog sie sich bis zu den Morgenstunden des 30. März hin. Etwa 40 Mann des Bataillons waren dermaßen erschöpft, daß sie nicht mehr imstande waren, sich allein aus dem Schlamm herauszuarbeiten. Kommandos, die zur Hilfeleistung ausgesandt waren, brauchten den ganzen 30. März, bis sie sämtliche Leute ausgegraben hatten. Ein großer Teil von ihnen hatte Stiefel und Strümpfe in dem Schlamm eingebüßt und mußte erst neu ausgerüstet werden. Die Gewehre waren sämtlich unbrauchbar und konnten nur notdürftig gereinigt werden. Der Kommandowechsel zwischen dem Stab des III./236 und dem des I./248 fand am 30. März um 8 Uhr vorm. statt. Das Bataillon blieb in Bereitschaft im Altrocktunnel.

Um 10.20 Uhr drohte ein feindlicher Angriff gegen 127 und 105, und nochmals mußten alle kampffähigen Offiziere und Mannschaften der abgelösten Kompagnien an der Abwehr sich beteiligen. Der Gegner stand im Graben 127a – 127 mit aufgepflanztem Seitengewehr. Bald darauf stürzte er, etwa 60 Mann stark, gegen den Sektweg vor. Gleichzeitig wurde auch von Osten her, aus Richtung Champagne-Ferme, angegriffen. Dieser Angriff war bald abgewiesen, dagegen suchten die Gegner am Sektweg in immer neuen und kühn geführten Vorstößen die Stellung bei 127 aufzurollen. Das Vernichtungsfeuer unserer Artillerie, M.W. und M.G. zwang sie jedoch nieder. Trotzdem hielt sich der Feind noch geraume Zeit vor unserer Stellung und gab den Angriff erst auf, als er von drei Seiten von M.G.-Feuer gefasst wurde. In diesem Feuer schmolz der Angriffstrupp schließlich bis auf wenige Mann zusammen. Aber auch diese blieben noch bis Anbruch der Dunkelheit etwa 70 m östlich 127 in Abwehr und gingen erst dann weiter zurück. Damit war der Angriff restlos abgeschlagen, ohne daß es dem Gegner gelungen war, sich irgendwo in unserer Stellung wieder festzusetzen, und das abgelöste III./236 konnte endgültig an seine Schonung denken.

Die Verluste des Bataillons betrugen:
1 Offizier tot, 1 verwundet, 19 Unteroffiziere und Mannschaften tot, 60 verwundet. Die Beute belief sich auf 50 Gefangene, 1 M.G., 5 Schnellladegewehre, 1 M.W. A.O.K. und alle vorgesetzten Stellen bis herunter zum Regiment erkannten die Leistungen der Sturmkompagnien in besonderen Tagesbefehlen an und widmeten den im Kampfe gefallenen Offizieren, Unteroffizieren und Mannschaften Worte ehrenvollen Gedenkens. Der Tagesbefehl des Regiments vom 29. März lautete:

„An den Erfolgen des gestrigen Tages hat das III./236 wiederum hervorragenden Anteil gehabt. In schwerem Nahkampf hat es die feindliche Stellung erobert und Gefangene und Beute eingebracht. Heldenmütig stürmten Lt. Appenrodt, Führer der 9./236, an der Spitze der Sturmtrupps ihren Kompagnien voran. Lt. Appenrodt blieb auf dem Feld der Ehre. Das Regiment blickt mit Bewunderung und Stolz auf das III./236 und seinen kampferprobten Führer.“

Die Gesamtverluste des III./236 in den Kämpfen um Höhe 185 und Champagne-Ferme im Februar und März beliefen sich auf: 5 Offiziere tot, darunter 3 Kompagnie-Führer, 5 verwundet, darunter 2 Kompagnie-Führer, 83 Unteroffiziere und Mannschaften, 232 verwundet. Immerhin waren diese schweren Opfer nicht umsonst gebracht, denn die eroberte Stellung blieb nunmehr fest in der Hand der deutschen Truppen.

Das III./236 war vollständig abgekämpft und hätte vollständige Ruhe dringend notwendig gehabt. Leider konnte sie ihm nicht sofort in wünschenswertem Maße zuteil werden. In den Morgenstunden des 31. März wurde es auf Lastkraftwagen über Monthois nach dem Ruhelager des RIR 247 abtransportiert und in der Nacht zum 01. April im Gefechtsabschnitt des I./247 im Raum von Somme-Py eingesetzt. Erst am 05. April wurde es hier durch das I./236 abgelöst und konnte das Ruhelager südlich Orfeuil beziehen, wo es vorübergehend einigermaßen Erholung fand. Als ein kleiner Schmerz wurde es allerdings empfunden, daß die Verpflegung bei der 54. Res.-Div. nicht so gut war wie bei der eigenen Division. Das wenige Wissenswerte über die Stellungstage im Abschnitt Somme-Py haben wir schon erfahren. In den Tagen vom 17. – 19. April trat das Regiment zur 51. Res.-Div. zurück und übernahm seine alte Stellung gegenüber der Champagne-Ferme wieder.

Es wurden eingesetzt: II./236 im Abschnitt rechts, III./236 im Abschnitt links. Das I./236 ging als Ruhebataillon nach Falaise. Am 19. April übernahm der Regimentsstab den Befehl im Abschnitt und schlug den Gefechtsstand im Altrocktunnel Ost auf. Kaum war diese Geschäftsübernahme beendet, kam Meldung von vorne, dass die feindliche Artillerie unsere vorderen Gräben unter Leitung von Ballonen und Fliegern beschieße. Sollte es denn gleich wieder ernstlich losgehen? Richtig, am 20. April vormittags setzt die Beschießung wieder ein und steigert sich gegen Abend bis zum Trommelfeuer. Das Hintergelände liegt gleichfalls unter starkem Abriegelungsfeuer. Die Nachmittags innerhalb der Bataillone eingetretene Ablösung wurde sofort unterbrochen; was bereits nach vorn gerückt war, hatte dort zu bleiben. Gegen 7 Uhr ließen sich bei 75 Bewegungen des Feindes wahrnehmen. Als vollends bemerkt wurde, daß um 7.20 Uhr der feindliche Graben südlich 127 – 75 – 70a sich anfüllte, war es klar, daß ein Angriff bevorstand. Sofort wurde Vernichtungsfeuer der Artillerie und M.W. angefordert. Dieses setzte um 7.30 Uhr ein. Schon glaubten die Kompagnien nach halbstündiger Dauer desselben, daß die Gefahr vorüber sei, als die Franzosen mit starken Kräften in 2 Wellen überraschen schnell in unsere Stellung eindrangen, die schwache Postierung der 8./236 westlich 127 niedermachten, die Besatzung in den Stollen in Stärke von 1 Zugführer und 28 Mann gefangen nahmen und mit den Gefangenen im Laufschritt in ihre Linie zurückkehrten. Auch in den Gräben 79 – 70 – 70b drangen starke Trupps des Gegners ein. Die Besatzung der 7./236 verteidigte sich aber mit Schußwaffe und Handgranaten. Sofort nach dem Vorstoß des Feindes in unsere Stellung, setzte automatisch der Gegenstoß ein, ausgeführt von 2 Zügen der 7./236, 1 Zug der 6./236 und den Stoßtrupps der 5./, 6./ und 8./236. Sie drangen im Brigadeweg vor, faßten den Gegner und warfen ihn in erbittertem Nahkampf unter schweren, blutigen Verlusten für ihn wieder aus der Stellung hinaus. Während dieses Handgemenges kehrten 12 Mann der 7./236, die bereits gefangen abgeführt worden waren, nachdem es ihnen gelungen war, sich wieder frei zu machen, in ihren Graben zurück; stürzten sich sofort auf den im Weichen begriffenen Gegner und beschleunigten so seine Niederlage. Der Feind ließ viele Tote in unserem Graben und im Vorgelände liegen. Auch unsere Verluste waren beträchtlich. Lt. Kremer der 8./ 236, ein vobildlich tapferer Offizier, war gefallen. Lobende Erwähnung verdient die Besatzung eines leichten M.G., die sich bis zum letzten Mann wehrte. Die gute Unterstützung von seiten unserer Artillerie und Minenwerfer während des Kampfes wurde dankbar anerkannt. Die vermißten Mannschaften gehörten fast durchweg dem jüngsten Ersatz an. Ihr Versagen erscheint begreiflich, wenn berücksichtigt wird, daß die zur völligen Eingliederung in die altgediente Truppe erforderliche Zeit nicht vorhanden gewesen war; die Leute, die sich durchgeschlagen hatten, waren alte Mannschaften.

Das war ein heißer Empfang gewesen, den das Regiment in seiner alten Stellung gefunden hatte! Die Truppe durfte nun aber hoffen, daß hiermit die Kämpfe um die umstrittenen Gräben endgültig abgeschlossen waren. Am 17. April erhielten die Lt. Christmann und Haamann, die sich bei dem Unternehmen „Kibitzfang“ ausgezeichnet hatten, das E.K. I verliehen. In den Nächten vom 23. bis zum 28. April führte der Vizefeldwebel Ludwig der 10./236, ein alter bewährter Patrouillengänger, eine Reihe kühner Angriffserkundungen aus, die, wenn ihnen auch der erwartete Erfolg, Gefangene mitzubringen, versagt blieb, doch eine nicht zu unterschätzende moralische Wirkung hatten und dem Feinde bewiesen, daß der Angriffsgeist in den Kompagnien des Regiments ungeschwächt weiter fortbestand. Bei diesen Patrouillengängen wirkten u.a. mit der Uffz. Westhäuser 11./236 und die Gefr. Mende und Spelthahn der 10./236, die durch Handgranatensplitter verwundet wurden. In der Nacht vom 26./27. April wurde das II./236, mit dessen Führerstelle der Hptm. Fricke am vorhergehenden Tage endgültig beliehen worden war, durch das I./236 in der Stellung abgelöst und bezog Ruhequartiere in Savigny.

Am 30. April wurde mit den Erkundungen für eine Gewaltpatrouille begonnen, die als Erwiderung auf den Überfall des Gegners vom 20. April gedacht war, und den schönen Decknamen „Maikäfer“ erhielt. Als Leiter des Unternehmens war der Führer der 2./236, Lt. Körding, ausersehen. Ferner beteiligten sich noch daran die Vizefeldwebel Pick, Jung II, und Schönrock der 1./236, 3 Gruppen des Bataillons-Sturmtrupps, 4 Gruppen des II./236 und 2 Gruppen der 7./Pi 28 und der R.P.K. 51. Die Infanterie bestand nur aus freiwilligen Mannschaften des I./236. Es war die Aufgabe gestellt, die französischen Gräben von Punkt 77 südlich Champagne-Ferme über 75, 70a bis 2a zu nehmen und Gefangene einzubringen. Am 05. Mai von 10.20 bis 10.25 Uhr begann die artilleristische Vorbereitung. Nach einer Pause von 5 Minuten setzte der zweite Feuerüberfall ein. Gleichzeitig drangen die Sturmtrupps in die feindliche Stellung ein. Der Vorstoß hatte vollen Erfolg. Es wurden 41 unverwundete und 1 verwundeter Franzose, darunter 1 Sergeant vom französischen R.I. 230. Dabei zeichneten sich durch besondere Tapferkeit aus die Unteroffiziere Fischermann und Jansen der 4./236 und der Uffz. Repp der 7./Pi 28. Die eigenen Verluste betrugen 4 Verwundete, von denen 2 bei der Truppe verblieben. Eine Stunde nach Rückkehr unserer Abteilung griff der Feind seine eigenen längst wieder von uns geräumten Gräben mit heftigem Handgranatenfeuer an, um sie wieder in seinen Besitz zu nehmen, ein Vorgang, der, wie sich denken läßt, unserer Grabenbesatzung einen ausnehmend großen Spaß bereitete. Die Leistungen der Patrouille fanden die Anerkennung und das uneingeschränkte Lob aller vorgesetzten Kommandobehörden bis hinauf zum Armee-Hauptquartier. Unter die Teilnehmer wurde eine größere Geldbelohnung verteilt. Lt. Körding erhielt einige Wochen später das Ritterkreuz des Kgl. Hausordens von Hohenzollern.

Mit diesem Unternehmen schloß die über das normale Maß hinausgehende Gefechtstätigkeit in diesem Abschnitt der Stellung ab. Kurz vor der Ablösung, am 09. Mai, wurde dem Lt. Schaaf die Stelle des Regiments-Adjutanten, die er schon vorher vertretungsweise verwaltet hatte, endgültig verliehen. Am 10. Mai gab die Division den Ablösungsbefehl bekannt, nachdem die 51. Reserve-Division vom 14. Mai ab durch die 20. Reserve-Division ersetzt und als Heeresgruppenreserve hinter der 1. Armee im Raum Aussonce – Allincourt – La Neuville – Ville sur Retourne untergebracht werden sollte. Mit dieser Ablösung hatten auch die Erholungstage des jeweiligen Rugebataillons in Falaise und Savigny aufgehört. Das dort nicht nur Dienst aller Art abgehalten worden, sondern auch allerhand Kurzweil zu ihrem Rechte gekommen war, lehrt kommender Befehl des III./236 vom 13. Mai, den uns die Akten aufbewahrt haben: „Ich bestrafe den … mit 3 Tagen mittleren Arrest, weil er entgegen dem ihn bekannten Verbot mit Handgranaten in der Aisne gefischt hat.“ So groß heute unser Mitgefühl mit diesem Wackeren, der sicher auch dem Feinde gegenüber mit seinen Handgranaten umzugehen wußte, auch sein mag, der freundliche Leser erhält durch diesen Befehl, die beruhigende Gewißheit, daß Ordnung beim Regiment geherrscht hat und jedem Missetäter die gerechte Strafe ereilte.

Dies ernste Kapitel der schweren Kämpfe um Höhe 185 und Champagne-Ferme soll mit der Erzählung einer heiteren kleinen Geschichte, die der Regimentskommandeur erlebte, geschlossen werden. Er schreibt: „Während der vielen wochenlangen Kämpfe war der Altrocktunnel dauernd mit Reserven und abgekämpften Truppen angefüllt, die dort verpflegt wurden und auch ihre Latrinen hatten. Als solche dienten Loren, über die ein Brett gelegt war, Waren sie voll, wurden sie bei den Feuerpausen herausgeschoben und hinter dem Tunnel einfach umgekippt. Gegen Schluß der Kämpfe hatte sich infolgedessen dort ein beträchtlich großer Teich gebildet. Zu seiner Beseitigung wurde von den den Ärzten des Regiments verschiedene Vorschläge gemacht. Auf eine Patentlösung war man noch nicht gekommen. Als die den Eingang zum Tunnel gewöhnlich beschießende französische Flankenbatterie gerade einmal schwieg, gingen eine größere Anzahl von Rgts.-Angehörigen außerhalb des Tunnels sparzieren, um mal wieder frische Luft zu schöpfen. Ich kam auch an dem Teich vorbei und war mir darüber klar, daß er schnellstens beseitigt werden müsse. Da setzte plötzlich wieder die französische Batterie mit ihrem schweren Feuer ein und wir verschwanden im Tunnel. Es erfolgte der ohrenbetäubende Einschlag einer schweren Granate und unmittelbar darauf vielstimmiges Geschrei. Besorgt wollte ich wieder nach dem Ausgang, in der Meinung, es hätte schwere Verluste gegeben. Aber ich komme nicht weit. Eine Menge total mit Dreck bespritzter und laut schimpfender Leute stürzt mit entgegen. Eine Granate war in den Teich gegangen, hatte ihn restlos entleert und seinen Inhalt über Gerechte und Ungerechte gleichmäßig verteilt. So hatte denn ein französisches Geschoß die gesuchte Patentlösung gefunden.


Eine Antwort auf „Das Reserve-Infanterie-Regiment 236 in der Champagne“

Nachdem ich von meiner Großmutter und meiner Mutter vieles über meinen im 1. Weltkrieg gefallenen Großvater Willy Lutsche gehört hatte, war es mir erst jetzt möglich, seinen Spuren über die deutsche Kriegsgräberfürsorge nachzugehen und erfuhr von der engagierten Arbeit zum Erhalt des Andenkens dieser Männer. Dankbar bin ich vor Allem, dass mit diesem Mahnmal und der Arbeit ein Zeichen für künftige Generationen gesetzt wird, den Frieden und die Völkerverständigung zu erhalten.

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