Das Reserve-Infanterie-Regiment 236 in der Champagne

Erstürmung des Maisons de Champagne-Ferme und der Höhe 185 und Kämpfe um diese

15. Februar bis 13. Mai 1917 – Reserve-Infanterie-Regiment 236

Schon lange war es als großer Nachteil empfunden worden, dass der Franzose von dem Höhenzug westlich der Champagne-Ferme aus guten Einblick in unsere Stellungen und das rückwärtige Gelände hatte. So fiel es ihm leicht, den Verkehr in und hinter unserer Linie durch Feuerüberfälle dauernd zu stören. Es war daher verständlich, dass das A.O.K. auf Mittel und Wege sann, diesen unerwünschten Zustand zu ändern. Der von langer Hand sorgfältig vorbereitete Plan war jetzt reif geworden. Das Unternehmen, das den Decknamem „Schnepfenstrich“ erhielt, war so gedacht, dass die verstärkte 102. I.B. nach Sturmreifschießen der feindlichen Stellung durch Artillerie und Minenwerfer den erwähnten Höhenzug bis zur Linie 9 – Graben südlich 59 – 120, – 53 – 4 an einem noch näher zu bestimmenden Tage in Besitz zu nehmen hatte. Die Angriffsgruppe unter der Führung des Regiment Kommandeurs 235, Oberstlt. von Mengersen umfaßte das I./ 233, II./ 235 und II./236. Die Führung des Letzteren hatte Hptm. Klein. Der Angriff dieser Gruppe sollte durch gleichzeitige Unternehmen der 52. Res. Div. bei Tahure und des XXVI. Korps bei Servon unterstützt werden. Die Aufgabe unseres II./ 236 war, am linken Flügel der Angriffsgruppe die Linie Sektweg südlich – 75 – 53 – 4 – 655 – zu erreichen und festzuhalten. Auf diese Aufgabe wurden die Bataillone in einem besonders dafür geeigneten Gelände eingeübt. Die Zeit vom 20. – 28. Januar verging mit der Ablösung aus der Stellung, dem Erreichen der entgültigen Quartiere und dem Einrichten in denselben sowie mit Vorübungen aller Art, unter denen körperliche Übungen nicht die geringste Rolle spielten. Am 29. Januar fand erstmals eine Übung sämtlicher Kompagnien mit Einschluß der M.G.K., Minen- und Granatwerfer und der Nachrichtentrupps am Übungswerk Le Chesne statt. Die Übungen wurden an den folgenden Tagen wiederholt und so systematisch betrieben, daß schließlich jeder einzelne Mann wußte, was er beim Angriff zu tun hatte. Um die Übungen noch erfolgversprechender zu gestalten, war das Übungswerk nach den wirklichen Verhältnissen ausgebaut worden. Die höheren Kommandostellen überzeugten sich durch mehrfache Besichtigungen vom Fortgang der Vorbereitungen. Auch der kommandierende General fand sich ein. Hand in Hand damit liefen Ausbildungskurse für die Angehörigen aller Waffengattungen. Es wurde auch nicht unterlassen, die Offiziere und Mannschaften der M.G.K. sowie die Sturmtrupps im Gebrauch des französischen M.G. zu unterweisen. Bei den Übungen wirkten ferner Artillerie- und Infanterieflieger mit. Die Vorbereitungen wurden am 10. Februar abgeschlossen mit einer Besichtigung des Sturmbataillons am Übungswerk durch S. Exzellenz, den kommandierenden Herrn General. Am 11. Februar morgens marschierte das Bataillon von Neuville nach Falaise zurück. Nachmittags erfolgte in Monthois die letzte Besprechung mit dem Herrn Divisions-Kommandeur. Am 12. Februar wurde nur Innendienst abgehalten. Am 13. Februar wurde das Bataillon mit der Bahn nach Ardeuil befördert und in der Nacht vom 13./14. Februar mit dem ihm zugeteilten Sprengkommandos und Flammenwerfern in die Stellung vorgezogen. Auf dem Weg dahin fielen jedermann die Veränderungen ins Auge, die inzwischen eingetreten waren. Von der Schneelandschaft hoben sich überall auf den Höhen die neuen Artilleriestellungen ab. An den Hängen in der Stellung reihte sich Minenwerfer an Minenwerfer, und auch die M.G.-Stände hatten eine Vermehrung erfahren. Der Verkehr war außerordentlich lebhaft. Von der Feldbahn wurde Munition und Baumaterial aller Art nach vorn gebracht. Kolonnen von Arbeitsmannschaften wimmelten die Straßen entlang. Die Batterien schossen sich ein, und es war ein Lärm, der bald Erinnerungen an die Sommeschlacht aufkommen ließ. Wenn auch das Einschießen möglichst unauffällig vorgenommen wurde, so begannen die Franzosen doch allmählich unruhig zu werden. Sie erwiderten das Feuer und schickten ihre Flieger zur Erkundung über unsere Stellung. Selbst wenn diese aber wichtige Beobachtungen gemacht hätten, zu einer Auswertung derselben durch den Gegner wäre es jetzt zu spät gewesen und das Unheil, das der feindlichen Stellung drohte, nahm seinen Lauf.

In der Stellung wurden Bataillons-Stab, 5./236 und M.G.K. im Lager Tränke Nord, die 6./236 im nördlichen Teil des Altrocktunnels, nördlich Punkt 658, und die 7./ und 8./236 im Ludwigskorridor, zwischen 658 und 707, untergebracht. Die 4 leichten Minenwerfer des Bataillons waren bereits am 09. Februar vorgenommen worden, um unter den Befehl des Kommandeurs der Minenwerfer der 51. Reserve-Division zum Feuerschutz der linken Flanke eingesetzt zu werden. Die ruhigeren Feuerverhältnisse des Vormittags des 14. Februar wurden von dem Bataillon dazu benutzt, die Kompagnie-, Zug- und Gruppenführer sowie jeden einzelnen Mann der Stoßtrupps von der Sturmausgangsstellung aus über die Zahl und Lage der in das eigene Drahtverhau zu sprengenden Sturmgassen, die beim Sturm einzuschlagenden Wege, die Einbruchsstellen und die zu erreichenden Ziele genau zu unterrichten. Um einen auffälligen Verkehr in den Gräben, der dem Gegner die Angriffsabsicht hätte verraten können, zu vermeiden, fand die Unterweisung der einzelnen Kompagnien nach einer bestimmten Zeiteinteilung nacheinander statt. Auch wurde darauf gehalten, daß die Orientierung durch Beobachtung über Bank mit größter Vorsicht und nicht in der Nähe von Artillerie- und MW-Beobachtungsstellen erfolgte. Vom Spätnachmittag des 14. Februar ab wurde den Sturmkompagnien volle Ruhe gewährt. Am 15. Februar mit beginnender Morgendämmerung erfolgte ihre Ausrüstung mit Handgranaten, Sandsäcken, Leucht- und Signalmunition. Darauf rückten die 5./236 unter Lt. Zangerle und 6./236 unter Lt. Schnetzle mit den ihnen zugeteilten M.G. in die für die Bereitstellung während des Vorbereitungsfeuers vorgesehene schußsichere Unterkunft in der K1 und D1-Linie zwischen 640 und 700 und übernahmen in diesem Teil der Gräben die Beobachtung und Postengestellung. Der Anschluß rechts und links wurde aufgenommen. Die Befehlsstelle des II./236 wurde in einem Unterstand des K-1 Grabens hart westlich 655 eingerichtet. Die 7./236, Führer Lt. Bischoff, und die 8./236, Führer Lt. Sellke, blieben im Ludwigskorridor. Mit der Beendigung dieser Bereitstellung, die im 7.20 Uhr vorm. gemeldet wurde, unter den Befehl des Führers der Angriffsgruppe. Gleichzeitig wurde die Sicherheitsbesatzung der K1 und D1 Linie des rechten Bataillonsabschnittes (I./236) von 645 nach Osten bis 700 zusammengeschoben. Diejenige Kompagnie des rechten Gefechtsbataillons, die die Sicherheitsbesatzung des K1-Grabens bildete und in der Morgendämmerung vorgezogen worden war, wurde im Altrocktunnel als Regimentsreserve bereit gehalten. Um 7.20 Uhr standen auch die 7 M.G. des Regiments in ihren Feuerstellungen in der k1-Linie von J1 und J2 bereit; sie hatten die linke Flanke der Angriffstruppe gegen Rückschläge aus der Hessenschlucht zu sichern

Pünktlich um 09 Uhr vormittags setzte das Vorbereitungsfeuer der auf insgesamt 127 Batterien verstärkten Artillerie und der Minenwerfer ein. Zahlreiche Flieger und Fesselballone beobachteten und leiteten das Feuer. Der Gegner erwiderte nur schwach. In den Feuerpausen von 11.20 bis 11.50 Uhr und von 02 bis 02.30 Uhr wurden Erkundungspatrouillen vorgetrieben, die übereinstimmend meldeten, daß das feindliche Drahtverhau und der französische Graben an der Einbruchsstelle vollständig zerstört seien. Um 02.30 Uhr nachm. wurde das Vorbereitungsfeuer wieder aufgenommen. Gleichzeitig lebte auch das feindliche Artilleriefeuer auf und steigerte sich bis gegen 03 Uhr zu ziemlicher Heftigkeit, um dann bis zum Beginn des Sturmes wieder abzuflauen. Um 03.35 Uhr nachm. stand das Bataillon in der Sturmausgangsstellung bereit. Pünktlich zur bestimmten Zeit, um 03.44 Uhr nachm., brach es mit den ersten Wellen vor. Von einzelnen Stoßtrupps wurden zum Vorgehen Sappen benutzt, in denen sie sich schon vorher bereitgestellt hatten. Im übrigen dienten die mit Sprengrohren zu Beginn der Feuervorbereitung in das eigene Drahtverhau gebahnten Sturmgassen als Ausfalltore. Das Vorbrechen erfolgte gleichzeitig auf der ganzen Linie unter dem Schutze des die Gräben in der Hessenschlucht niederhaltenden Feuers der M.W. und M.G. Nach 2 Minuten hatten die letzten Sturmwellen die Ausgangsstellung verlassen. Während des Vorgehens wurden die Sturmkompagnien durch französische M.G. vom Teller her und aus der Hessen und Etange-Schlucht herauf lebhaft beschossen; sie ließen sich aber durch dieses Feuer in der Verfolgung ihres Zieles nicht beirren. Um 03.47 bereits konnte dem Regiment gemeldet werden, dass 5./ und 6./ 236 mit der letzten Welle den ersten französischen Graben überschritten und dass noch kein feindliches Sperrfeuer eingesetzt habe. Um 03.54 stiegen vor der Champagne-Ferme weiße Leuchtkugeln auf, dass Zeichen, dass die befohlene Linie genommen war. Gleich darauf setzte lebhaftes Artilleriefeuer des Gegners ein, dass aber kaum als Sperrfeuer angesprochen werden konnte. Die 5./ und 6./ 236 erreichten das Ziel im ersten Anlauf und stießen auf keinen nennenswerten Widerstand. Meist kamen die Franzosen erst aus ihren Unterständen heraus, als sie bereits von den ersten Sturmwellen überrannt waren. Durch das Vorbereitungsfeuer zermürbt und durch unser überraschendes Vorgehen eingeschüchtert, ließen sie sich zum größtenteil willenlos als Gefangene abführen. Die, welche Widerstand zu leisten versuchten, wurden im Handgranatenkampf oder mit der blanken Waffe niedergezwungen. Den M.G. des Sturmbataillons boten sich unmittelbar nach dem Erreichen der neuen Linie lohnende Ziele in zwei von der Artilleriehöhe auf die Champagne-Ferme feuernden französische M.G. und in den südwärts und in den Laufgräben sich zurückziehenden Resten der gegnerischen Grabenbesatzung . Sie verfeuerten etwa 2000 Patronen mit dem Erfolge, daß die M.G. des Feindes bald schwiegen. Die Stoßtrupps der 5./ und 6./236 räumten die von der neugewonnenen Linie feindwärts führenden Gräben auf und riegelten sie als Sappen ab. Die beiden Reservekompagnien des Sturmbataillons, die 7./236 hinter dem rechten, die 8./ hinter dem linken Flügel, hatten mit dem Antreten der Kompagnien in vorderer Linie zum Sturm die Sturmausgangsstellung besetzt. Von hier aus ging noch die halbe 7./236 bis zur zweiten französischen Linie vor, während die 8./236 Sicherungen in die Linie 655 – 4 vorschob, um den Anschluß mit der 6./236 vorzunehmen.

Der Angriff hatte sich dank der eingehenden und sorgsamen Schulung der Sturmtruppe in den vorausgegangenen Wochen und der guten Wirkung unseres Artillerie- und Minenfeuers programmmäßig abgewickelt und war glänzend gelungen. Die Stimmung bei den Kompagnien war entsprechend vorzüglich. Alle Teile begannen sofort, sich in der eroberten Stellung einzurichten. Es war verhältnismäßig leicht, den Graben rumzudrehen, weil in der Hauptsache die noch gut erhaltenen Sandsäcke nur auf die Rückenwehr umgeschichtet zu werden brauchten. Schwierig dagegen war das Aufräumen der Gräben und Verbindungswege, die durch Balken, Bretter und Draht vielfach versperrt waren. Bei 53 war die Stellung besonders stark zerstört. Einigermaßen Deckung boten noch die Gräben 53 – 53a – 4, die, solange noch kein Graben in der Linie 53 – 4 ausgehoben war, von der 6./236 als vordere Verteidigungslinie gewählt wurden. Ebenso war die erste französische Linie zwischen 49 und 50 so verschüttet, daß die 7./236 sie nicht, wie ursprünglich vorgesehen war, besetzen konnte, sondern auf die zweite französische Linie 79 – 70b – 70a vorgreifen mußte, wodurch die 5./236 gezwungen wurde, sich nach vorn gegen den Sektweg hin zusammenzuschieben. Schwierigkeiten bereitete auch das Eindringen in den festgefrorenen Boden der Linie 4 – 655, in der man sich zunächst auf die Einrichtung von Granattrichtern zu verteidigungsfähigen Schützennestern beschränken mußte. Stellen, die von unserem Vorbereitungsfeuer verschont geblieben waren, wurden nur in geringer Zahl angetroffen. Die von der 7./ 236 unmittelbar nach dem Sturm begonnene Aushebung eines Verbindungsweges von 640 nach 1 war gegen Abend beendet. Bei den Aufräumungsarbeite stieß man in der Linie 70a – 2a – 2 – 3 auf zahlreiche Gasflaschen, die, zu Batterien vereinigt, in besonderen Stollen aufgestellt waren. Nachdem schon im Anschluß an die Sturmwellen der erste Trägertrupp schnell Drahthindernisse, Handgranaten, S-Munition und Signalmunition in die gewonnene Linie hatte vorbringen können, gestatteten die Feuerverhältnisse von beginnender Dämmerung ab einen ungehinderten Nachschub an Pioniermaterial, sodaß bereits am Morgen des 16. Februar ein lückenloses Hindernis vor dem Graben 53 – 53a am Sektweg und weiterhin über 4 bis 655 vorhanden war. Stellenweise, so z.Bsp. bei der Sappe bei 4 und vor dem Sektweg, konnte unbeschädigt gebliebenes Drahtverhau des Gegners in das neue Drahthindernis mit einbezogen werden. Das III./236 leistete mit 2 Kompagnien beim Materialtransport und Umbau der eroberten Stellung sowie beim Rücktransport der Verwundeten wertvolle Hilfe. Die 12 leichten Minenwerfer des Regiments schossen sich, ohne daß sie vorgezogen werden brauchten, auf Sperrfeuer vor der neuen Linie ein. Das Artilleriefeuer des Gegners nach dem Sturm blieb im allgemeinen schwach. Lebhafteres Feuer erhielt u.a. das Gelände zwischen den beiderseitigen früheren Stellungen. Gegenangriffe des Feindes auf die eroberte Linie wurden nicht festgestellt. Hatte er solche versucht, so waren sie in unserem Sperrfeuer erstickt.
Die Ausbeute an Gefangenen betrug 2 Offiziere, 127 Mann. Diese Zahl würde sich vermutlich nicht unwesentlich erhöht haben, wenn nicht die Kurzschüsse unserer Artillerie auf unseren bisherigen K1-Graben zwischen 645 und 655 einen Teil der aus der Stellung bei der Champagne-Ferme zurückströmenden Gefangenen nach dem Abschnitt des R.I.R. 235 hinübergetrieben hätten. Erbeutet wurden ferner viele Waffen, Munition, Ausrüstungsgegenstände und etwa 200 Gasflaschen, die in der vorderen französischen Linie eingebaut waren und von unseren Pionieren tunlichst rasch sichergestellt wurden. 2 der erbeuteten M.G., System Hotchkiß, wurden durch den Sturmtrupp der 5./236 feuerbereit gemacht und in den folgenden Kämpfen verwendet, solange die Munition reichte.

Reserve-Infanterie-Regiment 236
Höhe 185 von Osten gesehen am linken Bildrand

Die Verluste der Sturmkompagnie beim Sturm selbst betrugen nur einige Verwundete, häuften sich aber später. Schon bei Abgabe unseres Sperrfeuers lagen nach den Meldungen der 5./ und 6./ 236 dauernd einzelne Schüsse auf der neugewonnenen Stellung. Das war empfindlich, wäre aber allenfalls noch zu ertragen gewesen. Katastrophal aber wirkte es sich aus, daß unsere Artillerie von etwa 4 Uhr Nachmittag ab dauernd einzelne Schüsse schweren Kalibers auf den ganzen Bereich der neuen Stellung zwischen dem bisherigen K-1 Graben und dem Sektweg abgab. Obwohl fortwährend das Signal rot-rot gegeben wurde, und die Befehlsstellen die verschiedenen Artilleriegruppen von jeder Meldung über Gefährdung durch eigene Batterien verständigten, war es nicht möglich, diese Kurzschüsse abzustellen. Durch sie entstanden schwere Verluste. So verlor die 6./236 12 Tote, 2 Verwundete, die M.G.K. 5 Tote, 1 Verwundeten. Die glänzende Stimmung der Truppe schlug infolgedessen um, und konnte auch dadurch nicht wieder hergestellt werden, daß es endlich gelang unser Artilleriefeuer richtig zu legen. Die Gesamtverluste betrugen am 15. Februar 29 Tote, 70 Verwundete. Sie waren – furchtbar zu sagen – fast alle auf das Konto der eigenen Artillerie zu buchen.

Die Nacht vom 15./16. Februar verlief ruhig. Am frühen Morgen wurde der Angriff einer feindlichen Patrouille gegen 53 abgewiesen. Ein bald darauf unternommener Angriffsversuch des Gegners erstickte in unserem Sperrfeuer. Der Vormittag des 16. Februar brachte nur schwaches Artilleriefeuer des Gegners, sodaß der Tag zum weiteren Ausbau der genommenen Stellung genutzt werden konnte. Gegen Mittag ging französische Infanterie von 9 gegen Westen vor uns versuchte, im Handgranatenkampf die neue Stellung aufzurollen. Es blieb bei dem Versuch. Artillerie und Minenwerfer nahmen daraufhin die vom Feinde in der Hessenschlucht noch besetzten Gräben 1 1/2
Stunden lang unter wirksames Zerstörungsfeuer. Um 3 Uhr nachm. mußte aber schon wieder ein feindlicher Patrouillenvorstoß gegen Sappe 5 südlich 752 mit Handgranaten abgewehrt werden. Gegen Abend lebte das feindliche Artilleriefeuer auf, ohne aber nenneswerten Schaden anzurichten. Leider wiederholten sich auch an diesem Tage die Kurzschüsse der eigenen Artillerie. Andauernd fielen Geschosse schweren Kalibers, die nach der Schußrichtung unzweifelhaft als von der eigenen Artillerie herrührend festgestellt wurden, auf die neue Stellung. Das Regiment stand dieser Erscheinung machtlos gegenüber, nachdem alle Versuche, diese Kurzschüsse abzustellen, fehlgeschlagen waren. Die Verluste an diesem Tage betrugen 3 Tote, 21 Verwundete.

In der Nacht vom 16./17. Februar erfolgte die Ablösung des II./236 durch das I./236, dessen Kompagnien sich schon während der vergangenen Tage an den Material- und Verpflegungstransporten nach der neuen Stellung rege beteiligt hatten. Das II./236 rückte in die bisherige Stellung des I./236 ein. Der Wechsel vollzog sich ohne Zwischenfälle und Verluste. Während dieser ganzen Nacht lag der Regimentsabschnitt unter mäßigem Beunruhigungsfeuer der feindlichen Artillerie. Auch tagsüber am 17. Februar wurde dieses Feuer nicht lebhafter. Es wurde jedoch festgestellt, daß sich der Feind unter Fliegerbeobachtung mit schweren Kalibern auf die neue Stellung einschoß. Alle einigermaßen ruhigen Tagesstunden wurden zum weiteren Ausbau der Stellung benutzt. Das Drahtverhau wurde verstärkt, ein Teil der Schützennester in der Linie 655 – 4 wurde mit einander verbunden. Die Verluste bis zum Abend waren empfindlich und beliefen sich auf 9 Tote, 38 Verwundete.

Auch in der Nacht vom 17./18. Februar wurden die Arbeiten planmäßig weitergeführt. Begonnen wurde die Aushebung eines neuen Kampfgrabens in der Linie 52 – 4. Ferner trat eine neue Abschnittseinteilung und eine neue Gliederung des Regiments ein. Im Laufe des 18. Februars nahm das feindliche Artilleriefeuer an Heftigkeit zu. Das stärkere Auftreten schwerer Kaliber war nicht mehr zu verkennen. Trotzdem waren die Verluste mit 2 Toten, 15 Verwundeten geringer, als an den Vortagen.

In der Nacht vom 18./19. Februar wurde das II./236 durch das III./78 abgelöst und von Ardeuil aus abtransportiert. Mehrere Stunden später löste das I./78 das I./236 ab, das durch das stetig zunehmende Artilleriefeuer des Feindes und den anstrengenden Schanzdienst sehr erschöpft war. Der Abtransport der Bataillone verzögerte sich wegen starken feindlichen Feuers um einige Zeit. Die Gefechtstätigkeit erfuhr am 19. Februar keine Veränderung gegen die Vortage. Der Ausbau der neuen Stellung war nunmehr so gefördert, daß in der Linie 655 – 453 ein verteidigungsfähiger, durchlaufender, volle Deckung bietender Graben mit zahlreichen Unterschlüpfen bestand, der in der ganzen Ausdehnung ein starkes Drahtverhau vor sich hatte. Die übrigen Gräben und Verbindungswege waren aufgeräumt und in abwehrfähigen Zustand versetzt. Die Sappen waren gut abgedämmt und stark verdrahtet. Der 19. und 20. Februar verliefen unter gleichbleibenden Verhältnissen und brachten dem Regiment keine Verluste. In der Nacht vom 20./21. Februar wurde endlich auch das III./236 aus der Stellung herausgezogen und folgte den beiden andern nach. An seine Stelle war das II./78 getreten. Als letzter übergab am 21. Februar früh der Regimentsstab den Befehl über den Abschnitt dem Stab des I.R. 78.

Über die Kämpfe schreibt der Regimentskommandeur: „Dank der sachgemäßen Vorbereitung war die Stimmung aller Sturmtruppen sehr zuversichtlich. Sie wurde geradezu glänzend, als wir bei unserer Rückkehr in die Stellung die vielen Batterien und Minenwerfer sahen. Während das II./236 als Sturmbataillon dem Regt. 235 zugeteilt war, hatte das Regiment mit dem I. und III. Batl. die linke Flanke des Angriffs gegen die Hessenschlucht, die für uns unangenehme Überraschungen bringen konnte, zu decken. Um selbst sehen zu können, hatte ich mir von Lt. Haubold einen besonderen Beobachtungsstand im K-2 Graben bauen und einen Stollen daneben als Gefechtsstand mit allen nötigen Fernsprechkabeln versehen lassen. Wir waren so in der Flanke unseres Angriffs mit vortrefflicher Übersicht. Als das zweite Vorbereitungsfeuer der Artillerie und Minenwerfer einsetzte, beobachtete ich mit Lt. Haubold aus diesem Beobachtungsstand. Wir stellten fest, daß unser Feuer ganz vorzüglich lag. Die Sprengwirkung war des tiefgefrorenen Bodens wegen von ungeheurer Wirkung. Der Feind erwiderte das Feuer schwach. Wir unterrichteten Artillerie und Minenwerfer über unsere Beobachtungen. Leider dauerte die Herrlichkeit nicht lange. Wir waren kaum eine Viertelstunde da, als eine von den wenigen schweren Batterien des Gegners auf den Stand schoß. Zuerst schlug das Feuer nur in der Nähe ein, bald aber lag es unheimlich genau, und Lt. Haubold meldete mir, daß der Stand nur splittersicher sei, worauf wir ihn verließen. Nach wenigen Minuten war der Stand zusammengeschossen. Leider waren auch unsere Leitungen zerstört. Wir kehrten deshalb in den Tunnel zu unserem alten Gefechtsstand zurück. Nachdem ich noch gesehen hatte, wie die Sturmkolonnen aus den Gräben stiegen, kam ich gerade noch zur Zeit, um der Artillerie und der Division die neu erreichten Linien zu melden. Wir freuten uns außerordentlich über unseren Erfolg, der noch dazu mit ganz geringen Verlusten errungen war. Aber dann kam das Furchtbare. Die Kompagnien meldeten dauernd Kurzschüsse unserer eigenen Artillerie und dadurch entstanden schwere Verluste. Wir arbeiteten fieberhaft am Fernsprecher, wobei die Lts. Schaaf und Renter unermüdlich waren. Es war sehr schwer durchzukommen, aber endlich bekamen wir die Division und auch die Artillerie. Sie vernahmen deutlich unsere Klagen, wir gaben die genauen Punkte an, wo die Kurzschüsse lagen, aber aufgehört haben sie nicht. Die Kompagnien schickten die durch Kurzschüsse Verwundeten zu mir in den Gefechtsstand. Sie baten um Abhilfe. Ich versuchte alles. Wir telefonierten dauernd und schilderten unsere Lage; wir ließen Leuchtkugeln an den verschiedensten Punkten mehrfach abschießen. Aber nichts half, und die Verluste wuchsen. Es war eine Nervenprobe sondergleichen. Erst nach Stunden gelang es, das Artilleriefeuer richtig zu legen. Aber nur vorübergehend; denn am nächsten Tag kamen schon wieder Kurzschüsse. Ich war trotz aller Bemühungen machtlos sie zu verhindern.

Am Vormittag des 16. Februar war das feindliche Artilleriefeuer so gering, daß ich die ganze neu gewonnene Stellung außerhalb der Deckungsgräben abgehen konnte. Mehrfach versuchte der Franzose, aus der Hessenschlucht anzugreifen. Es gelang aber stets Sperrfeuer der Artillerie beizeiten zu bekommen, das auch richtig saß, wodurch die Versuche im Keim erstickt wurden.“

Die Truppe war sehr erholungsbedürftig. Die einzelnen Teile des Regiments wurden nach der Ablösung wie folgt untergebracht: Regimentsstab in Poix Terron, Bataillons-Stab I, 1./236 und 1. M.G.K. in Mondigny, 2./236 in Poix Terron, 3./236 und 4./236 in St. Loup Terrier, Bataillonsstab II, 6./ und 8./236 in Guignycourt, 5./236 und 2. M.G.K. in St. Pierre, 7./236 in Fontigny, Bataillonsstab III, 9./ und 12./236 in Vaux-Montrenil, 10./ und 11./236 und 3. M.G.K. in Chesnois, IPK in Wignycourt. Die Ruhezeit wurde zur Erholung von den anstrengenden Kampf- und Arbeitstagen und zur weiteren Ausbildung verwendet. Am 27. Februar wurde das Regiment durch den kommandierenden General besichtigt, der seine Anerkennung für die Leistungen bei und nach dem Unternehmen „Schnepfenstrich“ aussprach und eine Anzahl Auszeichnungen verteilte, nachdem schon vorher der Regimentskommandeur, Major Lauffer, das Ritterkreuz des Königlichen Hausordens von Hohenzollern verliehen bekommen hatte.

Leider hatten schon bald die guten Tage ihr Ende und das Regiment übernahm wieder seinen bisherigen Abschnitt in der Stellung südlich Rouvroy. Dieser hatte inzwischen eine Erweiterung erfahren und war jetzt in 3 Bataillons-Abschnitte gegliedert, den linken, wie bisher, I3 und I4, den mittleren, wie bsiher J1 und J2, und den neuen rechten, I a, an der Champagne-Ferme. Am 04. März früh löste das II./236 im linken Bataillons-Abschnitt das II./78 und, nachdem es am Abend durch das eigene I. Btl. hier ersetzt worden war, das III./78 im mittleren Abschnitt ab. Der Stab bezog den Gefechtsstand im Ludwigskorridor, die 8./236 besetzte den neuen Flankierungsgraben von 4 – 655 und weiterhin den neuen Kampfgraben nach 705, die 7./236 im Anschluß hieran den Graben von 705 – 732. Die 5./236 lag als Bataillons-Reserve im Ludwigskorridor zwischen 658 und 715, und die 6./236 wurde als Regiments-Reserve im Altrock-Tunnel untergebracht. Das III./236 löste in der Nacht vom 05./06. März das I./236 im linken Abschnitt ab und legte die 9./236 in den Abschnitt I3 zwischen 732 und 752, die 12./236 in den Abschnitt I4 zwischen 752 und 800, die 11./236 in die Hohlweg-Stellung (südöstlich vom Arthurhang), die 10./236 an den Arthurhang, wo auch der Stab seinen Gefechtsstand bezog. Das abgelöste I./236 übernahm in der Nacht vom 05./06. März vom I./78 den neuen rechten Bataillons-Abschnitt und gliederte sich wie folgt: Die 2./236 besetzte mit 1 Zug den Sektweg zwischen 53 und 127, mit 1 Zug die Champagne-Ferme und mit 1 Zug den alten K1-Kampfgraben bei 640. Die 1./236 rückte mit 2 Zügen in die Linie 53 – 4 und mit 1 Zug in die Linie 4 – 2, die 3./236 als Bataillons-Reserve mit 6 Gruppen in den alten K1-Graben zwischen 637 und 645, und mit 6 Gruppen in den D1-Graben zwischen 647 und 652, die 4./236 als Regiments-Reserve in den Ludwigskorridor zwischen 650 und 658. Der Bataillonsstab bezog den Gefechtsstand bei 637. Die M.G.-Kompagnien wurden auf die 3 Bataillons-Abschnitte verteilt. Der Regimentsstab brachte sich am 06. März vormittags in dem Gefechtsstand Tränke-Süd unter.

Arthurhang
Bataillonsgefechtsstand am Arthurhang

Im Laufe des 6. März wuchs das feindliche Artilleriefeuer zu großer Heftigkeit an und hielt bis zum Abend in gleicher Stärke an. Die beiderseitige Fliegertätigkeit war ebenfalls sehr lebhaft. Alle Anzeichen deuteten darauf hin, dass der Gegner ernstliche Angriffsabsichten hegte. Die Führung blickte mit Sorge auf die Stellung an der Champagne-Ferme, die nicht vorteilhaft war. Östlich der Ferme sprang sie im rechten Winkel nach Morden um und war deshalb umfassenden Angriffen ausgesetzt. Die Ferme selbst lag tief und wurde im Süden von der Artilleriehöhe überragt. Im Osten befand sich die von der Ferme aus nicht einzusehende Hessenschlucht, in der zahlreiche gute Unterstände den Franzosen das Bereitstellen starker Kräfte ermöglichten. Der Regiments-Kommandeur hatte deshalb z. Zt. vorgeschlagen, bei dem Angriff vom 15. Februar die Hessenschlucht ebenfalls zu nehmen. Dem Vorschlag wurde leider nicht entsprochen. Die Ferme enthielt zwar zwei geräumige Unterstände, die bisher jeder Beschießung widerstanden hatten; die Stellung hier bot aber noch nicht die Möglichkeit einer zweckmäßigen Tiefengliederung der Besatzung, weil die Ferme etwa 300 m vor unserer alten Stellung lag, und ein richtiger Ausbau der Gräben um die Ferme herum bei der Nähe und beherrschenden Lage der feindlichen Stellung noch nicht durchführbar gewesen war. So hatten u. a. Gräben für rückwärtige Staffeln noch nicht angelegt werden können. Auf diesen Umstand war auch die oben erwähnte allzu ausgedehnte Tiefengliederung der 2./236 zurückzuführen. Der Bataillons-Führer, Hptm. von Houwald, hatte aber seine Bedenken dagegen auf Seite stellen müssen, nachdem die Kompagnie überzeugend dargetan hatte, dass der Graben zwischen 70 und 70a unbelegbar sei und deshalb auch schon die abgelöste Kompagnie des III./78 die angefochtene Gliederung eingenommen hatte. Der Übelstand ließ sich also nicht beseitigen. Er sollte leider in den nachfolgenden Kämpfen eine schwerwiegende Rolle spielen.

Eine Antwort auf „Das Reserve-Infanterie-Regiment 236 in der Champagne“

Nachdem ich von meiner Großmutter und meiner Mutter vieles über meinen im 1. Weltkrieg gefallenen Großvater Willy Lutsche gehört hatte, war es mir erst jetzt möglich, seinen Spuren über die deutsche Kriegsgräberfürsorge nachzugehen und erfuhr von der engagierten Arbeit zum Erhalt des Andenkens dieser Männer. Dankbar bin ich vor Allem, dass mit diesem Mahnmal und der Arbeit ein Zeichen für künftige Generationen gesetzt wird, den Frieden und die Völkerverständigung zu erhalten.

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