Heinrich Wilhelm Koch – Ausbildung

Straßburg, Januar – Juni 1915

6. Januar 1915

Die Augenblicklichen Ereignisse nötigen mich dazu, die empfangenen Eindrücke anders als in Briefen und in meinem Gedächtnis aufzubewahren. Diese Aufzeichnungen werden mir später, wenn ich diesen Krieg überlebe, eine schöne und klare Erinnerung bieten an eine dann entschwundene, für unser deutsches Vaterland entscheidungsvolle Zeit.

Dieses sind meine Beweggründe zur Anlegung eines Tagebuchs.

Jetzt bin ich in der ersten Batterie, 21cm-Mörser Bataillon, Ersatz 14 und liege augenblicklich auf der Elsau bei Straßburg. Wo bin ich nicht schon überall gewesen seit jenem Samstag, dem 3. Oktober 1914, wo ich in das 1./ Rekruten-Depot des 14. Fuß Artillerie Regiments eintrat, das damals in den Baracken ¾ Stunden von Kehl weg lag. Ich glaube, am 27. Oktober kamen wir dann von dort weg in die Werder Kaserne in Straßburg (Fuß-Artillerie Kaserne, heute Quartier Sénarmont, rue du Nideck). Dort blieben wir ungefähr 8 Wochen, bis wir Alte in die Ersatz-Batterien aufgeteilt wurden. So kam ich mit mehreren andern Kameraden ins Fort Bose (bei Kehl, Appenweier) zur 6. Ersatz Batterie. Am 24. Dezember, am Tag des Weihnachtsabends, kam ich mit 4 anderen Rekruten: Hafer, Mayer, Jahn und Siffert. Da empfingen wir endlich die lang ersehnten Waffen, Karabiner und Seitengewehr und 15 scharfe Patronen. Auch empfingen wir noch unser Weihnachtsgeschenk, ich ein Buch Island Fischer von Pierre Loti. In der Werder-Kaserne wurden wir eingekleidet. Da wir keine Tornister empfingen, packten wir die dort empfangenen Sachen in die Zeltbahn und wanderten in die Elsau. So feierten wir unser Weihnachtsfest unter beinahe Unbekannten. Wer hätte vor einem Jahr an so etwas gedacht?

Die Weihnachtsfeiertage gingen gut herum, da kein Dienst war. Am Montag ging es wieder nach Fort Bose, um die Tornister zu holen. Auch empfingen wir dort eiserne Portion und Verbandspäckchen. Da konnten wir unsre Kameraden noch einmal sehen.

Am nächsten Tag, am Dienstag, ging gleich der Dienst ordentlich los und zwar mit Bettungsbau fûr unsre Mörser: eine interessante aber bei dem herrschenden Wetter schmutzige Arbeit. Man lernt aber etwas dabei. So wechselten Geschütz und Fuß-Exerzieren miteinander. Hier und da kamen auch Ausmärsche, welche das Einerlei unterbrachen.
Gestern, als wir beim Geschütz-Exerzieren waren, fuhr ein Militärzug gerade nach dem Ober-Elsaß vorbei, da stockte unser ganzer Betrieb. Vom Feldwebel – Leutnant bis zum Kanonier herunter winkte alles zu den Glücklichen herauf, die zum Kriege gehen durften.
Der Posten erzählte, daß in der vorhergehenden Nacht 17 Eisenbahnzüge mit Militär durch die Straße gefahren sind, alle ins Ober-Elsaß: da scheint etwas im Wege zu sein.

7. Januar

Heute endloses Regenwetter wie immer und dabei Fuß – und Geschütz-Exerzieren, dafür durften wir auch um 10 Uhr schon abmarschieren.

Auch heute sahen wir einen Eisenbahnzug, der Kriegsmaterial – Automobile – nach dem Ober-Elsaß schleppte. Der Dienst den wir heute hatten, war im allgemeinen kein besonders schwerer. Den Mittag hatten wir Unterricht bei Feldwebel – Leutnant Lehnhoff über Orientierung. Dabei frug er auch, wer das Morse-Alphabet wüßte. Ich war der einzige, und mußte es an die Tafel schreiben.

Heinrich Wilhelm Koch
Heinrich Wilhelm Koch

8. Januar

Wieder ein Tag vorbei. Heute morgen bekamen wir Abteilungsweise Aufgaben gestellt. Ich war bei Unteroffz. Efinger mit Mayer und 11 anderen. Sie lautete: ist der Weg bei Höhe 193NW (in der Nähe von Mittelhausbergen) für schwere Mörser passierbar? Wir fanden heraus, daß das der Fall war. Auf dem Rückweg sahen wir dann noch bei Maubeuge erbeutete französische 155 mm Kanonen, mit denen jetzt die 13 cm Leute bewaffnet werden. Dabei traf ich auch noch einige Bekannten von der 6./ Ersatz-Batterie.
Sonderbar an den Geschützen ist der Verschluß und die Beobachtungsleiter. Einen besonders vorteilhaften Eindruck machen sie nicht. Heute abend vervollständigte ich meine Ausrüstung durch ein Fernrohr, einen Compaß und eine Generalstabs Karte von Straßburg u. Umgegend.

9. Januar

Heute morgen besuchten wir das naturhistorische Museum Straßburg. Welch ein Gegensatz! Dort in Frankreich unsre Kameraden in hartem, entbehrungsreichem Kampfe, und wir müssen es uns gut sein lassen. Wie lang dauert denn das noch, bis man endlich auch an uns denkt und uns eine schwierigere Aufgabe gibt? Hier exerzieren wir an Geschützen, von denen wir wissen, daß wir sie doch nicht ins Feld mitnehmen.

10. Januar

Heute hatten wir Gottesdienst in einem Schulsaal. Kriegspfar. Schulz hielt die Predigt über das Thema: Gott hat das Recht lieb. Ich hatte nicht gedacht, daß er ein so guter Prediger ist aber sein ganzer Stil ist dem eines vollendeten Predigers würdig.

11. Januar

Einen schöneren Tag im Dienst als den heutigen habe ich noch selten erlebt. Mittags besahen wir uns die Verladeübung eines Mörsers durch die 2. Batterie mittelst einer Kopframpe.

12. Januar

Der schöne Tag von Aranjuez war bald vorbei. Als wir heute mittag beim Abprotzen etwas zu vergnügt waren und unsrer Freude zu großen Ausdruck gaben, befahl der Feldwebel Schüler „in Linie antreten”. Da geschah das von den alten Leuten soviel erzählte berüchtigte: hinlegen! Mit einer wahren Wonne ließen wir es über uns ergehen, ist es doch wie die Linientaufe, sozusagen eine Rekrutentaufe.

17. Januar

Diese vergangene Woche wird mir wahrscheinlich gut gedenken, denn sie war sozusagen eine Schwung-Woche. Wegen einer Keilerei zwischen dem Sanitäts-Gefreiten Domino und der Ordonnanz bekamen wir mehr Dienst und viel Schwung von denen beide beides nicht mitmachten. Die alte, ehrwürdige Einrichtung der Putz – und Flickstunde, die jedoch mehr eine Spiel – und Lesestunde war, kam wieder zu Ehren.
Am Freitag wurde nachmittags ein Mörser mit allem marschbereit gemacht. Für eine Übung im Bataillon für morgen.
Der Samstag wieß in seinem Programm wieder einen Ausmarsch von 30 – 35 km Länge auf. Es ging von Elsau, Grüneberg, Lingolsheim, Enzheim, Bläsheim über den Glöckelsberg (wo vorzügliche Artillerie Stellungen für 10 cm und 13 cm Kanonen gebaut sind) nach Geispolsheim, Grafenstaden und zurück dem Kanal entlang nach Elsau. Wir hatten zwischen Lingolsheim und Enzheim einen starken Regensturm zu bestehen, der uns fast bis auf die Haut durchnaßte. Als sich der Regen verzogen hatte, trocknete uns der Sturm und der Sonnenschein wieder schon aus. Unser Froh sein nahm durch den Regen nicht im mindesten ab, je gewaltiger der Sturm brauste, um so mehr erschollen die Lachsalven in unsrer Kolonne. Der heutige Sonntag war eine wahre Erholung, doch mußten wir vorher noch einen feldmarschmäßigen Appell bestehen an dessen Klippen ich glücklich vorüberkam.

18. Januar

Der Montag fing gut an, Schneewetter und Kälte scheint jetzt den Einzug halten zu wollen. Der Weg ging über Grüneberg, Ostwald, Grafenstaden, Geispolsheim, Enzheim (hier erhielten wir unser Mittagessen durch die Feldküche) und zurück über Lingolsheim, Grüneberg.
Ich glaube nicht, daß einer während des Marsches fror, denn das Gepäck bringt einen bald zum dampfen.
Das war mein erster Marsch mit vollem Gepäck. Die neuen Riemen meines Tornisters drückten nicht schlecht, doch gings ganz gut; froh war ich aber doch als ich endgültig ablegte.

Ein erfreuendes Gerücht kursiert augenblicklich bei uns: wir sollen neue Geschütze bekommen, wahrscheinlich neue Mörser. Hoffentlich kriegt es auch Wahrheit. Beobachtungswagen und – Gerät  sind schon abgegeben, die Bettungswagen sollen auch noch folgen.
Wie schön wäre das, mit den Geschützen ins Feld zu ziehen, die die Entscheidung in dem Feldzug gebracht haben und bringen werden.

21. Januar

Das Gerücht neue Mörser bekommen zu sollen scheint sich zu bewahrheiten.
Unsere Unteroffiziere und Geschützführer müssen dran exerzieren; auch wir waren schon einmal dabei, und zwar bei der Übernahme des Versuchsmörsers, der in der Exerzierhalle der Werderkaserne stand. Daran müssen wir jetzt ausgebildet werden. Unterdessen haben wir allen möglichen anderen Zeitvertreib: Bettungsbauen alter Mörser, Ausmärsche (wie heute zum Fuchs am Buckel), Appell an Wäsche, Stiefel, Waffen und andres Krimskrams mehr.

Wie oft wollte ich einmal mit Tante Barb an den Fuchs am Buckel, da kam ich nun hin.
Wie schön muß die Landschaft dort im Mai sein, wenn die Bäume mit neuem Blätterschmuck sich in dem tief dunkelgrünen Wasser spiegeln und die ersten Frühlingsboten, die Schneeglöckchen, zwischen den vorjährigen Blättern hervorlugen. Aber Friede, und auch heute Friede, während draußen in Frankreich männermordender Krieg tobt… Wie erschütternd wirkt dieser Kontrast, dieser tiefe, stille Waldesfriede in dem man nur sich selber fühlt und dieses Kampfgetöse, wo man sich als Glied eines Ganzen für das Ganze aufopfert. Wie oft sehnte ich mich früher nach dem Leben eines Robinson, ganz still für mich und mit den Tieren des Waldes, und doch, wie schön ist es, ein Glied im Menschengeschlechte, ein Glied eines Ganzen Deutscher zu sein.

25. Januar

Hurra! Wir haben sie! Nagelneue Mörser, bis jetzt nur 2. Am Samstag Mittag kamen sie an, ganz Elsau war in Aufruhr. Na, es wird  immerhin noch 8 – 14 Tage dauern bis wir fortkommen. Wohin? Weiß niemand. Am Samstag hat mich das Verhängnis nun doch ereilt und ich kam auf Wache. Ich konnte so wenigstens meine Korrespondenz erledigen.

27. Januar

Kaisers Geburtstag als Soldat. Schon 7:50 traten wir an. Unser Leutnant hielt eine Anrede, dann marschierten 20 ausgeloste Mann zum Kleberplatz zum Festgottesdienst. Ich war unter den Zuschauern. Welch ein Unterschied zwischen jetzt und den Friedenszeiten, wo schon frühmorgens alle Soldaten in den Kasernen in nervöser Hast alles zur Parade rüsten. Sonst hallen von den Forts 101 Salutschüsse herüber, jetzt dröhnen dazu am Westen und Osten die gewaltigen Stimmen von Mörsern Haubitzen. Hoffentlich dürfen auch wir mit unseren gewaltigen Geschützen bald den Reigen fortsetzen.

6. Februar

Ein Monat vergangen und damit der sechste Kriegsmonat und immer droht die Kriegsgefahr. Noch mehr, der Krieg droht erbittert zu werden, wirklich bis aufs Messer geführt zu werden: gerade zwischen Deutschland und England. Welches Maß von Heimtücke verraten nicht die Maßregeln Englands gegen Deutschland? Und ist nicht die Blockade – Erklärung der englischen Küste durch Deutschland (Gegenblockade 1915) ein Beweis, daß Deutschland wirklich gewillt ist, den Krieg bis aufs Messer aufzunehmen? Jedes feindliche Handelsschiff soll in Grund gebohrt werden, wenn es Konterbande führt.
Auch wir sollen jetzt endlich am großen Kriege teilnehmen. Keine 10 Tage sollen wir mehr da sein, wie gestern unser Feldwebel sagte. Wir sind ja vor geübt. Geschützexerzieren, Fahrübung, Deckungsbau. Alltäglich bildet jetzt der Kronenburger Übungsplatz unser Ziel wo eifrig geschaufelt, gehackt, Bohlen gelegt, exerziert und herumgefahren wird. Es ist Befehl vom Generalkommando, so schnell wie möglich marschbereit zu machen und keine Kosten zu scheuen.

9. Februar

Tagtäglich ziehen Eisenbahnzüge an der Gallenmatte (Pré Saint-Gall) vorbei gegen Süden. Wohin, nach Mühlhausen oder nach den Karpathen?
Gestern zog ich mit 3 anderen als letzte Wache auf der Gallenmatte auf, die Geschütze werden schon abgegeben. Automobile, Gulaschkanonen und Truppen fuhren ununterbrochen jenem unbekannten Bestimmungsort entgegen. Werden wir auch auf dem Weg folgen? Nach Feldwebel Kohler haben wir sämtliche Zubehörteile schon, nur einige Richtmittel fehlen noch.
Er sagte auch, daß der Befehl vom Generalstab wäre, das Bataillon müsse am 15. unbedingt fertig sein, wenn nicht würde der schuldige Teil bestraft werden. Nach ihm konnte Sonntag Verladen der Fahrzeuge, Montag Abfahrt sein. Jetzt fehlen nur noch einige Mannschaften. Meyer sagte uns, daß die Elsässer der Ersatz-Batterien dazu ausgewählt worden seien (!), gänge es demnach gegen Rußland? Jetzt sind wir die 9te Batterie, 3e Bataillon vom Reserve – Fuß – Art. Reg. 14. Was kommt noch? Das werden die nächsten Tage lehren.

16. Februar

Und sie lehrten es. Am 11. morgens Donnerstag mußten wir Pferde holen in Baracken bei der Tramkaserne (wobei wir vorher noch eine Stunde Schwung bekamen). Mittags rüsteten wir die Geschütze aus und verpackten Geschirr für die Pferde. An den nächsten Tagen war ich mit Sergeant Krause bei Wagenhaus 13 um Zubehör zu empfangen. Auf einer solchen Reise kamen wir sogar bis Fort Bismarck (heute Fort Kleber in Wolfisheim), um in einer alten Mörser – Batterie Schanzzeug zu empfangen.
Am Sonntag 14. selbst hatten wir keine Ruhe. Bataillonsbesichtigung durch Mayor Nitsche, verbunden mit einem Ausmarsch mit allen Fahrzeugen nach Hausbergen. Um 2 waren wir wieder zu Hause. Am Montag war große Besichtigung vor S.E. General – Inspekteur der Fuß – Art. Lauter. Er hielt noch eine Ansprache folgendermaßen: „Soldaten! Die Hauptwaffe in diesem Kriege sind Infanterie und die schwere Artillerie des Feldheeres. Jedes ist angewiesen auf das andre. Das ihr die dem Kaiser gelobte Treue halten wollt, bezeugt mir mit dem Rufe S.M. Der Kaiser Hurra, Hurra, Hurra!” Dann gings wieder heim. Von diesem Augenblick an datiert unsre Marschbereitschaft. Wir haben Verstärkung bekommen, auch Fahrer, sind jetzt 244 Mann und 6 Offiziere stark, haben 24 Fahrzeuge mit 170 Pferden. 8./13 hat jetzt aufgehört, wir sind 9./14 geworden III Bataillon Res. Fuß – Art. Reg. 14, 9./ Reserve – Batterie.
So sind wir denn heute am warten. Unterdessen machen wir einige Kleinigkeiten, aufräumen, den ganzen Unrat zu einem Freudenfeuer auftürmen, Baden usw. Wir warten.
Was für Aufhebens man mit uns macht! Infanterie rückt still aus, für uns erscheint sogar der General – Inspekteur, mit Sang und Klang wird man fortbegleitet. Wir warten.

21. Februar

Wenn wir damals am Montag gleich fort wären, könnten wir jetzt schon in Rußland sein. Es herrscht unter uns eine begreifliche Nervosität und Aufregung, weil wir so oft mit unserem Fortkommen genasführt worden sind. «Ran an den Feind» ist unsre Losung und es soll uns eine wilde Freude sein, die ersten scharfe Schüsse aus unsern Mörsern dem Feind entgegen zusenden.

25. Februar

Heute hat sich der Hoffnungsschimmer fortzukommen wieder etwas gebessert, indem unsre kranken Pferde (Brustseuche) – es sind in unsrer Batterie 28 Stück – ausgewechselt werden sollen. Außerdem sollen wir auch ungefähr 40 Vorratspferde mitbekommen, wenn im Fall wieder ein Krankheitsfall eintrifft.

Heute Abend wurde uns mitgeteilt, daß unsre Postsachen alle in der Batterie gelesen, bzw. kontrolliert werden sollen. Leider mußte ich heute eine Äußerung unseres allgemein beliebten und geachteten Leutnants… über die Elsässer hören, wobei ich mich tief berührt fühlte, daß der Zaberner Fall (Zabern-Affäre 1913) zu solch einer beleidigenden Lüge und Beschimpfung für die Elsässer aufgebauscht wurde.

Anmerkung:
Am 27. Februar 1915 beendete der für den am folgenden Tage erhaltene Marschbefehl die Zeit in der Heimat und besiegelte den Abmarsch ins Feld und somit in eine ungewisse Zukunft.
Die Fahrt zum Ziel des Regiments, allen zu diesem Zeitpunkt noch unbekannt, führte per Zug auf kürzestem Weg in die Champagne, wo es am 1. März 1915 in Somme-Py ausgeladen wurde.

Der folgende Eintrag beschreibt die kurze Reise:

28. Februar
Endlich ist unser Wunsch in Erfüllung gegangen. Gestern bei einer Fahrübung kam der Befehl zum Abrücken. Mit schmuckigen Geschützen wurden wir dann in Neudorf um 6 Uhr verladen. Welcher Abschied von Elsau. Und erst unsre Fahrzeuge beflaggt und geschmückt. Ganz Elsau war beflaggt, versammelt um uns noch das Geleit zu geben.
Um 9 Uhr setzte sich unser langer Zug in Bewegung. Bruch und ich kamen mit 2 Fuhren und 4 Pferden in einen Wagen. Wir hatten ein feines Lager so zwischen den Pferden auf dem Heu. So ging’s dann über Straßburg, Metz, Diedenhofen (Thionville) nach der letzten Station auf deutschem Gebiet: Fentsch (Fontoy).
Jetzt fahren wir schon einige Stunden auf französischem Boden, eine öde Landschaft, waldarme, fast überall gelbe Weiden.
Welcher Unterschied zu unserem gesegneten Elsass. Unsere letzte Station war Longuyon.
Wohin solls gehen, nach Verdun, Reims, Arras, Montmedy wie es heißt? Die Zukunft wird’s lehren.Schon an der Grenze, welche Zerstörung, ganze Dörfer niedergeschossen. In dem französischen Grenzort war kein Haus verschont. Es ist besetzt von einer bairischen Eisenbahnabteilung. Nun durchfahren wir schöne, waldige, wasserreiche Höhenzüge, sonst war alles Weide.

Schon da sieht man den Unterschied gegen Deutschland, da jedes Stückchen Erde ausgenutzt, während in Frankreich der Romantischen Natur viel mehr freien Lauf gelassen worden ist.

Longuyon, der erste größere Ort auf französischem Gebiet. Wir fahren jetzt ungefähr 9-10 Stunden in Frankreich. Die ausgedehnten Fabrikanlagen dieses Ortes sind ein Raub der Granaten und Flammen geworden. Daneben geht es an einem deutschen Munitionstransport vorüber und lange Eisenbahnwagen-Reihen beschädigter Automobile erinnern an den Krieg. Ununterbrochen geht es vorbei zwischen waldigen Tälern und Schluchten, durch Tunnels, alles sieht noch unberührt vom Krieg aus und doch sieht man wie schon der deutsche Geist und deutscher Fleiß sich Schritt für Schritt Bahn gebrochen hat, in Eisenbahn, Telephon und Straßenanlage.

Montmedy, ein schönes freundliches Städtchen am Fuß eines Hügels, der von alten grauen Festungswerken und einer gotischen Kirche gekrönt ist. Hier sahen wir die ersten französischen Soldaten, die als Gefangene zu verschiedenen Verrichtungen befohlen sind. Die Bahn fährt hier unter der alten Festung durch einen Tunnel hindurch. Dieser war aber von den Franzosen durch Sprengung für die Deutschen unpassierbar gemacht worden. Unsere Eisenbahner haben aber durch eine schnell eingerichtete Umgehungsbahn den Weg frei gemacht. Jetzt wird aber auch der Tunnel wieder aufgeräumt. Dann kam eine lange Strecke bis Sedan. Die Dörfernamen um Sedan selbst kamen ja wohl bekannt vor aus der Geschichte des 70er Krieges. Bazeilles selbst ist ein schöner Ort mit einer wunderbaren Kirche, die Häuser sind zum größten Teil neuerbaut, wahrscheinlich eine Folge der furchtbaren Zerstörung 1870. Dann kam Sedan selbst. Sedan machte mir den Eindruck einer Mittelstadt die an vergangenem Ruhm zehrt. Allerdings mag der an der augenblicklichen Zeitlage liegen. Hier stiegen wir aus und empfingen im Verpflegungsdepot Kartoffelsuppe und eine Tasse Tee. Dann kam der Ort Donchery, auch aus der Geschichte bekannt. Nun ging’s weiter nord-westlich bis zum Ort Mohon, ein kleiner Ort, aber den Rangier-Anlagen nach, wichtig als Eisenbahnkartenpunkt. Die Einwohner standen außerhalb der Bahnanlagen und bettelten um Brot. Doch es ist streng verboten, den Einwohnern auch nur irgendetwas zu geben. Ich glaube dies ist unser nördlichster Punkt gewesen. Bis jetzt war es immer an der belgisch-französischen Grenze entlang gegangen.Sogar einmal waren wir durch Belgien gefahren, jetzt fuhren wir süd – westlich gegen Reims zu. Es fing nun an zu dunkeln und immer noch rollte unser Transportzug weiter. So schlossen wir denn die Türen unseres Wagens, legten uns aufs Heu und schliefen.

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Winterschlacht in der Champagne