Die Erstürmung der Höhe 191 bei Massiges

Bericht von Major Arndts (4. /Pionier Bataillon 11) – August 1931

Rechts und links der Straße, die von Cernay nach Ville-sur-Tourbe führt, dicht am Westrand der Argonnen hatte sich die 21. Reserve-Division in deren Verband die 4./ Pi 11 (Kompanie-Chef Hauptmann Arndts) kämpfte, nach den Marnekämpfen festgesetzt. Die Stellung zog sich am Südrand des Bois de Ville entlang, von da westwärts südlich am See, an der Briqueterie und nördlich der Höhe 191 vorbei. Den rechten Schulterpunkt der Stellung bildete der Kanonenberg, zugleich der Ausgangspunkt und das Rückgrat aller Kämpfe um die Höhe 191. Sie galt es zu nehmen!

Anfang Oktober wurde der 4./ Pi 11 die Leitung und technische Durchführung des Sappenangriffs gegen Höhe 191 übertragen. Alle Kräfte mußte die Kompagnie daransetzen, um dieser schweren Aufgabe gerecht zu werden. Da die 21. RD zur Zeit nur über diese einzige Pionier-Kompagnie verfügte, hatten die Pioniere neben der vorbezeichneten Sonderaufgabe, zu der nur zwei zusammengeschmolzene Züge verwendet werden konnten, auch noch sämtliche anderen pioniertechnischen Arbeiten in der ca. 6 km ausgedehnten Stellung der Division zu erledigen. Diese Stellung zog sich etwa 5 – 600 m nördl. der Höhe 191 hin. In zahlreichen Sappen wurde von jener aus der Mauswurfskrieg nach allen Regeln der Kunst gegen die Kuppe angesetzt. Unter Anleitung der Pioniere beteiligte sich auch die Infanterie an diesen äußerst anstrengenden und aufreibenden Arbeiten mit größtem Eifer. Schulter an Schulter standen hier beide Waffen im Kampf bis zum Tod treu zueinander. Da sich das artilleristische Aufgebot des Feindes während des Vorführens der Sappen immer mehr steigerte und die Kaliber immer größer wurden, ging es auch immer tiefer in die Erde hinein. Das Vortragen der Sappen wurde hierdurch unendlich erschwert. Eiserne Energie, Zähigkeit und ein unaufhaltsamer Drang an den Feind, der Infanterie und Pioniere gleichermaßen beseelte, ließen aber die Schwierigkeiten erfolgreich überwinden. Der Feind hatte inszwischen den Angriff erkannt und begann nun seinerseits den Gegenangriff. Auf beiden Seiten reckten sich die Sappen wie Fühlhörner vor. Aus dem allmählichem Verbinden der einzelnen Sappenköpfe hatte sich ein neues Grabennetz entwickelt, das schließlich den „Steilhang“ der Höhe 191 erreichte und damit die Ausgangsstellung für das Ansetzen des eigentlichen Minensystems zur Sprengung der „Höhenkuppe“ bildete.

Der zur Verfügung stehende beschränkte Raum gestattete es nicht, sich in Einzelheiten zu verlieren und alle die unsäglichen Mühen und die tausendfachen Zeichen und Beweise heldenhafter Ausdauer aufzuzählen, wie solche der Stellungs- und Sappenkrieg tagtäglich und stündlich von der Kampftruppe forderte. Neben der reinen Leistung der umfangreichen Erdarbeiten, die sich im ununterbrochenem Feuer vollzogen, traten noch viele andere Schwierigkeiten hinzu. Der Anmarsch der Ablösungen in die vordere Stellung führte über kahle Höhen. Essen, Wasser, Stellungs- und Stollenmaterial mußten über das ungedeckte Gelände in feindlichen Feuerüberfällen vorgebracht werden.

 

Bois de Ville
Im Bois de Ville

 

Anfang Januar 1915 wurde die in den Bereich der 21. RD herangezogene I./ Ersatz-Pionier Bataillon Nr. 10 der 4./ Pi 11 zur Deckung der entstandenen herheblichen Verluste und zur Unterstützung der weiteren Angriffsarbeiten gegen Höhe 191 unterstellt. Es mußte noch schwere Arbeit geleistet werden! Im Kalkstein arbeiteten die Pioniere vom Steilhang aus tiefe Gänge in den Berg hinein. Aber auch von französischer Seite hörte man unter der Erde eifriges Pochen. Auch von dort wurden Stollen vorgetrieben. Sie waren dazu bestimmt, unsere Sappen abzuquetschen und die Unterstände am Steilhang in die Luft zu jagen. Es fragte sich nur, wer zuerst fertig wurde! Der 3. Februar bewies es! Ein unvergeßlicher Anblick von grauenhafter Schönheit war es, wie an diesem Tage -Schlag 12 Uhr mittags – vier gewaltige Erdsäulen, jede etwa 100 m hoch, mit dumpfem Krachen in die Luft aufstiegen und dann majestätisch in sich zusammensanken. Wie dann die Erde aus vier Kratern riesige Rauchmassen ausspieh, die die ganze Gegend verhüllten. Es war die größte Sprengung, die bis dahin an der Westfront ausgeführt worden war. Über 400 Zentner Pulver wurden gleichzeitig zur Entzündung gebracht. Ganze Teile der feindlichen Stellung flogen in die Luft. Kaum war der Steinhagel niedergeprasselt, da stürmte auch die Infanterie mit den Pionieren vor. Gezündet wurde durch Leutnant Kühn (4./ Pi 11 – beim Sturm schwer verwundet – und durch Leutnant Gehlmann I. Ers./P. 10).

Im Handumdrehen waren die feindlichen Linien überrannt, die Zielstellungen erreicht und Hunderte von Gefangenen gemacht. Der tapfere Verteidiger der Höhe 191 hatte sich dem heldenmütigen Angreifer ergeben müssen. Der Tagesbericht der O.H.L. vom 4. Februar meldete: „Nördl. und nordwestl. Massiges (nordwestlich St. Ménéhould) griffen unsere Truppen gestern an, stießen im Sturm über drei hintereinanderliegende feindliche Grabenlinien durch und setzten sich in der französischen Hauptstellung in einer Breite von 2 km fest. Sämtliche Gegenangriffe der Franzosen, die auch nachts fortgesetzt wurden, sind abgeschlagen worden. Wir nahmen 7 Offiziere und 601 Mann gefangen und eroberten 9 Maschinengewehre, neun Geschütze kleineren Kalibers und viel Material.“

 

Massiges

Wie überwältigend das Erlebnis des 03. Februar 1915 – die Erstürmung der Höhe 191 – auf alle Teilnehmer gewirkt hat, davon mögen die nachfolgenden Stellen aus den Berichten eines  Augenzeugen den Beweis liefern. Dieser schreibt:“ …Fieberhaft hatten wir vier Monate gearbeitet und jetzt die letzten vier Tage ohne Schlaf, um alle Vorarbeiten zum Stoß zu treffen. Berge von kleinen Sturmleitern liegen bereit, die des nachts nach vorn getragen werden sollen und all das Material – Schutzschilde, Schanzzeug, Leuchpatronen, Sandsäcke, Munition, usw – liegt bereit zu nächtlichem Herantragen. Nun wird es Morgen. Noch immer ziehen Mann auf Mann mit Balken, Sturmleitern und Material vorüber. Ihre stiefel kleben bis über die Knöchel im zähen Schlamm und mit Mühe geht es Schritt auf Schritt die von hunderten schweren Stiefeln völlig abgetretenen Stufen zum Wäldchen hinauf.

Wir begaben uns nach vorn. Die Sturmkolonnen stehen schon bereit. Noch einige leise gesprochene Worte, ein Händedruck mit den Kolonnenführern. Die Uhren werden noch ein letztes Mal verglichen. Das ruhige Gewehrfeuer ist wie täglich und verrät auf keiner Seite, was bevorsteht. Wir sehen nach der Uhr, noch 5 Minuten, dann werden an vier Stellen des feindlichen Schützengrabens die Minen, die unsere Pioniere mit unbeschreiblichen Mühen über 50 m weit unter die feindliche Stellung vorgebaut haben, gezündet! Jetzt noch zwei Minuten. Gebückt stehen wir im Graben – noch zehn Sekunden – dann ein – zwei dumpfe Explosionen. Ich sehe, gleich feuerspeienden Bergen, vier haushohe – nein – turmhohe schwarze Erdfontänen. Menschliche Körperteile, kubikmetergroße Erdklumpen fliegen,
sich schwerfällig drehend, in die Luft. Es wird dunkel. Die Erdmassen kommen jetzt prasselnd herunter. Viele Leute werden bis zum Bauch verschüttet. Sie müssen ausgegraben werden. Fast im gleichen Augenblick werden die Sprengtrichter ohne Zaudern von den Sturmwellen unserer Kolonne genommen. Entsetzen hat den Feind ergriffen. Schon kommen zahlreiche Gefangene, die von der Explosion verschont, ihr Leben durch schnelle Übergabe retten wollen. Rechts und links springen gleichzeitig die Sturmkolonnen vor. Unter der Losung „Drauf und Durch“ wird in schnellem Ansturm auch die zweite und dritte Stellung des Feindes genommen.“

Auszugsweise entnommen aus den Frankfurter Nachrichten, Nr. 47a vom 16. Februar 1915

 

Bouconville

 

Wenige Tage nach dem Sturm besuchte der Kronprinz, der die Sprengung von Bouconville aus beobachtet hatte, als Armeeführer die 21. R.D. und sprach anläßlich einer Parade den Sturmtruppen auf dem freien Felde am Autryer Wald seine Anerkennung für das Geleistete aus. Eine schöne Anzahl Eiserner Kreuze I. und II. Klasse wurden – insbesondere auch den Offizieren, Unteroffizieren und Mannschaften der beiden Pionierkompagnien – verliehen.

 

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