Die 5. Kp Pionier-Regiment 30 im Fort Douaumont

Die tapfere 5. Kompanie Pionier-Regiment 30 unter ihrem tapferen Führer, Hauptmann der Reserve Frenzen, im Fort Douaumont – Mai bis Oktober 1916

 

Die Panzerfeste Douaumont war am 25. Februar 1916 von Teilen des II./Inf.-Regts. 24 genommen worden, also am fünften Tage des großen Angriffs auf die Nord- und Nordostfront der Festung Verdun. Truppen der 5. Inf.-Div. kamen als Besatzung in das Fort Douaumont. Sie erlitten hier durch eine große Explosion sehr schwere Verluste.

Am 18. Mai 1916 löste das II./Pionier-Regiment 30, das sich wie das ganze Pion-Regt 30, seit Ende Dezember 1915 bereits vor Verdun befunden hatte, die Pioniere im Fort Douaumont ab.

Je zwei Führer der 4./Pion. 30 (Führer Hptm. Müller) und der 5./Pion 30 (Führer Hptm. Frenzen) rückten zunächst in das Fort, der 3. Zug folgte später.
Als am 21. Mai der durch schwerstes Artilleriefeuer vorbereitete Angriff der Franzosen einsetzte, befanden sich im Fort: der Fortkommandant Hptm. Kalau vom Hofe (I. Gren-Regt. 12) mit seinem Stabe, der Art-Offz. Hptm. Heydemann, 1. und 2./ Gren-Regt. 12, MGK Jäger 3, Hptm. Frenzen mit 5./Pion. 30, Hptm. Müller mit 4./ Pion. 30, Minenwerfer unter Lt. Buhl, Panzergeschützbedienung, Flammenwerfer, Fernsprecher, Funker und ein Lazarett.

Den Franzosen gelang es, sich vom Kehlblockhaus im Süden über den Südwest-Panzerturm bis zur westlichen Grabenwehr und auf dem Südwest- und Westteil der Decke des Forts sich einzunisten. Die Kämpfe am 22. und 23. Mai wurden von der Besatzung sehr hartnäckig geführt. Die 4./ Pion. 30 hatte daran hervorragenden Anteil, die legte den Kehlausgang frei und besetzte das Kehlblockhaus. Über den Anteil der 5./ Pion. 30 hören wir gleich ihren tapferen Führer selbst.

Am 24. Mai gelang es der um einige Kompagnien verstärkten Fortbesatzung nach erfolgreicher Beschießung des Südwest-Panzerturms, des Schlüsselpunktes der französischen Stellung auf und im Fort, durch einen schweren Minenwerfer das Fort wieder freizumachen. Der ganze Angriff war ein schwerer Mißerfolg für sie, sie verloren außer zahlreichen Toten und Verwundeten: 16 Offiziere, 500 Mann an Gefangenen und büßten 12 Maschinengewehre ein.
Der 12. – 24. Mai 1916 waren Ruhmestage für die Pioniere im Fort und ihre Führer!

In Anerkennung seiner Verdienste um den Douaumont erhielt Hptm. d. R. Frenzen am 18. Oktober Hohenzollernschen Hausorden, der ihm in Mouzon von Sr. Majestät dem Kaiser persönlich überreicht wurde.

 

 
Douaumont
Depot im Fort
       
Douaumont
Eingang zum Panzerturm; Bataillons-Gefechtsstelle

 

Ende Oktober setzten die Kämpfe um den Douaumont erneut wieder ein. Am 23. Oktober wurde der auf dem Fort befindliche Zug der 5./ Pion. 30 (Lt. d. R. Kartenberg) bis auf schwache Reste durch Volltreffer vernichtet. Was übrig geblieben war, kehrte in der Nacht des 24./25. Oktober in das Kaplager zurück. Beim Bergen der Verwundeten im Fort zeichneten sich besonders die Unteroffiziere Zech und Schulkowsky aus. Die 4./Pion. 30 war bereits am 01. Juni in dem Fort abgelöst worden.
Doch lesen wir nun die Schilderung des Hauptmann Frenzen!

„Als die 5./ Pion. 30 Mitte Mai 1916 im Abschnitt Douaumont eingesetzt wurde, war das große Unglück auf dem Fort, bei dem 650 brave Kameraden ihren Tod gefunden haben, schon geschehen (vgl. Aufsatz des Major Lichnock, Die Heeres-Pion-Komp. 284). Der bevorstehende Angriff der Franzosen kündigte sich bereits durch das immer stärker werdende Artilleriefeuer an. Wir merkten das schon, als wir zum erstenmal aus dem Kaplager zum Fort gingen. Besonders das letzte Stück Weg duch die Hassouleschlucht hinauf und über das steile Glacis ins Fort war eigentlich ein andauerndes Wettrennen mit dem Tode. Fast ohne Unterbrechung schlugen leichte und schwere Granaten auf der Sohle und den Hängen der Schlucht ein. Die Sprengpunkte der dazwischen gestreuten Schrappnells lagen so tief und waren so genau in der Längsrichtung der Schlucht ausgerichtet, dass einem die Kugeln und Sprengstücke andauernd um die Ohren summten. Dabei ging der Weg steil bergan, und alle Leute waren bepackt wie die Maultiere, denn oben gab es weder Wasser noch Verpflegung. So hetzte man denn mit keuchendem Atem von einem der niedrigen Steinhaufen, hinter denen die Läuferposten lagen, zum andern, bis man am Fuße des Glacis ankam, um für den letzten und schwierigsten Teil des Weges noch einmal zu verschnaufen.

Ein wüstes Trichterfeld war es, das auf dem ziemlich steilen Hang da vor uns lag; mit Löchern so groß, daß man in manchem bequem mehrere Pferde hätte unterbringen können. Ein Weg war in diesem Gewirr, dass noch dazu unter den unaufhörlichen Einschlägen der Granaten sein Aussehen von Minute zu Minute änderte, überhaupt nicht mehr zu erkennen, nur das Ziel konnten die Läuferposten bezeichnen. Da, wo die feindlichen 24-cm-Granaten fast ohne Pause einschlugen, da lag die Grabenwehr, die für uns den Eingang zum Fort bildete. Viel Zeit zum Überlegen blieb nicht, es mußte gewagt werden. Dank der kaltblütigen Gewandtheit, die die schweren Kämpfe damals schon in jedem Verdunkämpfer erzeugt hatten, und vor allem dank dem Gefühl unbedingter Zusammengehörigkeit, das Führer und Mannschaft beseelte, gelang der Eintritt doch noch besser, als man zu hoffen gewagt hatte. In Schweiß gebadet und schwer atmend stand der ganze Trupp dicht gedrängt in der Grabenwehr am Eingang der Treppe und des Stollens, die unter dem Graben hindurch ins Fort führten.

Die wenigsten von uns hatten wohl damals schon ein Fort von innen gesehen; aber selbst diejenigen die im Frieden unsere deutsche Festen kennengelernt hatten, haben damals Mühe gehabt, sich in diesem Gewirr von dunklen Stollen und Gängen zurechtzufinden, aus dem sich das Fort Douaumont zusammenzusetzen schien. Abwärts und aufwärts und wieder abwärts führte der Weg hinein; bald auf schlüpfrigen Stufen, wo man jeden Augenblick ausrutschte, bald in einem Schleppschacht, der so glatt und steil war, dass man sich nirgends anhalten konnte. In den tieferliegenden Teilen der Poterne ging man aufreicht, aber durch lehmiges Wasser; in den höherliegenden musste man sich auf Händen und Füßen durch Strecken hindurchwinden, in denen Decken und Wände zum Teil schon eingeschossen waren. Überall legten sich dem Vorwärtsschreiten die durch die Erschütterungen der schweren Einschläge heruntergefallene Fernsprechleitungen um die Füße. Dabei war es in allen Gängen stockdunkel. Nur an einzelnen Ecken suchte ein Posten ein Lichtstümpfchen vor dem Luftdruck der Einschläge zu schützen. Das Wasser tropfte von allen Decken und Wänden, und die Luft war so dick und schwer, dass man sich, kaum im Fort angekommen, schon am liebsten schlafen gelegt hätte, wenn der „Franz“ es einem nicht gar so ungemütlich gemacht hätte.

Aber „Franz“ war wirklich sehr lebhaft in jenen Tagen und hatte immer neue „Dessins“. Bald schoß er mit Gas, so daß die ganze Fortbesatzung stundenlang mit dem Maulkorb herumlief und von einer gasfreien Durchfahrt zur anderen hetzte, bald haute er mit schweren Kalibern derartig in die freiliegende Wand der Kehlkaserne hinein, daß die dicken Splitter bis in den Gefechtsflur flogen. Die Aus- und Eingangsstollen zuschießen tat er liebend gern, und das Zertrümmern und Verschütten   der Beobachtungsstellen war seine besondere Leidenschaft. Und er verstand sein Geschäft, daß musste ihm der Neid lassen. Von einer Poterne zur anderen konnten die Pioniere ziehen, um eingebrochene Stellen aufzuräumen und wieder begehbar zu machen, und mehr als einmal mußten sie so eine arme Besatzung einer Beobachtungsstelle aus dem eingedrückten Turm herausgraben. Dabei gab es nichts zu essen, als was der Mann bei sich trug, und nichts zu trinken, als das Wasser, das man aus den überschwemmten Stellen des Forts schöpfte, oder das Freiwillige in zweistündigem Hetzen durch die dauernd unter Feuer liegende Hassoule- und Brûleschlucht aus einer Quelle in der Brûleschlucht holten. Gelegenheit zum Kochen war auch nicht vorhanden, und an Schlaf war in dem ununterbrochenen Feuer schon gar nicht zu denken. Selbst die dringendsten Lebensnotwendigkeiten waren mangels jeder geeigneten Lokalität und jeder Feuerpause in jenen Tagen nur noch ein Sport für Lebensmüde.

Und trotz alledem – schön war es doch auf dem Fort in jenen Tagen, denn es war eine Besatzung oben, mit der sich was anfangen ließ, die zu uns paßte. „Leib 8“ aus Frankfurt a. d. O., 12 Grenadiere und Lübbener Jäger und darüber als Kommandant der Hauptmann Kalau vom Hofe. Das war ein rauher Krieger, und seine Ausdrucksweise war eher deutlich als zart. Aber er war ein rechter Frontsoldat, so wie ein alter Verdunkämpfer ihn gern hatte, dem das Herz auf dem rechten Fleck saß und der die Nerven nur dem Namen nach kannte. Und schließlich waren wir auch selber da, die wir schon sechs Wochen Verdun hinter uns hatten, aber auch vier Wochen Ruhe. Als Leute, die genau wußten, daß der Krieg keine Lebensversicherung ist, und von denen beinah jeder schon einen oder mehrere sehr gute Kameraden vor Verdun begraben hatte; aber auch Leute, die mehr Wert darauf legten, hier bis zum letzten Augenblick hier ihre Pflicht zu tun, als gesund nach Hause zu kommen. Es fehlte daher in diesen Tagen auch für die schwersten Aufträge niemals an Freiwilligen, sei es, daß es galt, eine eingeschossene Barrikade im Feuer wieder aufzurichten, oder verwundete Kameraden aus einem eingeschossenen Stollen zu bergen, oder das so dringend benötigte Schurzholz und Wasser aus der Brûleschlucht zu holen.

Und als dann der „Franz“ am 22. Mai tatsächlich, nachdem er unsere vordersten Linien mit 28-cm Granaten kleingeschlagen hatte, mittags plötzlich am Fort war, da fand er einen heißen Empfang. Zwar in die Grabenwehren und den Südwest-Panzerturm gelang es ihm einzudringen, aber die Pioniere bauten die ins Innere des Forts führenden Stollen rasch mit Sandsäcken zu.

So saß dann allerdings schließlich der „Franz“ dicht um das Fort herum und sogar oben drauf, während wir drin waren. Aber leicht haben wir ihm das Leben während der 24 Stunden, die diese Situation andauerte, wahrhaftig nicht gemacht. Wo sich nur irgendein Blechkopf sehen ließ, da flog sofort eine Handgranate hin, und die MG feuerten aus den verwegensten Stellungen, sobald sich nur irgend ein Ziel bot.

Zwar mißglückte uns ein größerer Ausfall am Nachmittag des 23., weil die 28-cm Granate, die die französische Artillerie in Unkenntnis der Gefechtslage noch selbst auf das Fort schoß, unglücklicherweise gerade in den Trichter schlug, indem unser Trichter sich sammelte.

Aber am nächsten Morgen, als „Franz“ abgelöst hatte, und die mit der Örtlichkeit noch nicht vertraute französische Abschnittsbesatzung auf dem Dache des Fort saß und sich nicht zu helfen wußte, da fielen wir plötzlich, indem wir uns unsere genaue Ortskenntnis zunutze machten, von verschiedenen Seiten über sie her. Die Pioniere kamen mit Stinkbomben durch die Stollen, deren selbst gebaute Barrikaden sie wegrissen, geführt von dem Leutnant Kartenberg, der dabei auf einem Bein und einem Stock – er hatte am Tage vorher einen Granatsplitter an einen Fuß bekommen – herumflitzte wie ein Wiesel; und von oben über die Wälle und über das Dach kamen die Leiber und die Jäger und ließen den überraschten Gegnern die Handgranaten um die Ohren pfeifen, ehe sie noch recht wußten was los war. 500 Mann Franzosen als Gefangene im Fort und hatten 11 M.G erbeutet; die Freude war natürlich groß. Es war nicht ganz so einfach sie alle unterzubringen. Es waren ja beinahe mehr Leute als die ganze Fortbesatzung; und wir bekamen keinen schlechten Schreck, als wir plötzlich feststellten, dass die Kerle noch alle scharfe Handgranaten in den Taschen hatten. Aber sie haben sich schließlich doch ganz manierlich benommen und haben unter Führung ihrer Offiziere unsere Verwundeten, derer wir eine Unmenge hatten, sehr brav und wacker bis zum Hauptverbandsplatz im Fosseswald gebracht.

 

Douaumont
Lazarett im Fort
    
Douaumont
Küche im Fort

 

Dann erst setzte am nächsten Tage der große Gegenangriff der 2. bay. Inf.-Div. ein, Donnerwetter, was haben wir gestaunt wie diese Kerle vorgehen konnten, als sie in langer Reihe zu einem durch das Fort zogen, mit Sturmgepäck, Handgranaten und Spaten, bepackt wie die Maultiere, daß die großen schweren Gestalten nur langsam gehen konnten. Aber wie wurden sie lebendig, als sie wieder nach draußen kamen. Das ganze Trichterfeld schien plötzlich zu wimmeln von feldgrauen Bayern. Aus jedem Granatloch sah man alle Augenblicke einen herausspringen und im nächsten wieder verschwinden.

In hellen Haufen kamen die blauen Gestalten aus ihren Gräben hervor; noch ehe die Bayern heran waren, setzten sie ihre Gewehre zusammen, schnallten ab und marschierten dann in Gruppenkolonnen ganz brav durch die stürmenden bayerischen Schützenlinien auf das Fort zu. Selbst ihre Offiziere sagten später, gegen solchen Angriff habe man unmöglich standhalten können.

Die Bayern sorgten überhaupt für Ordnung in der ganzen Gegend und besonders auch im Fort, das nach dem gelungenen Angriff unter dem französischen Vergeltungsfeuer äußerst schwer zu leiden hatte. Es wurde noch erheblich ungemütlicher, als es bis dahin schon gewesen war. Mit sehr schwerem Steil- und Flachfeuer gelang es ihm mehrfach, uns üble Verluste beizubringen, wie damals, als er uns einen Treffer in ein Lager scharfer Handgranaten am Eingang setzte und uns drei Gruppen auf einmal verschüttete. Aber die Stimmung blieb glänzend trotz alledem.

Der Bayernkommandant, Major Schemmel, richtete inneren Dienst ein im Fort wie in einer Kaserne; er ließ Flur- und Stubendienst einteilen und Putzstunde abhalten, wie im tiefsten Frieden; und während der „Franz“ auf das Fort schoß, daß es bis in seine innerste Tiefen wackelte, reinigten die Bayern kaltblütig ihre Gewehre und sangen: „Sah ein Knab ein Röslein stehen!“ und andere Volkslieder. Nur wenn, was häufig vorkam, alarmiert wurde, dann wurde es plötzlich totenstill im Fort, jeder Mann war im Handumdrehen an seinem Platz am äußersten Wall.

Bei solcher Ordnung kamen auch die Pioniere in ihrer Arbeit gut vorwärts. Mit Hilfe einer genauen Zeichnung des Forts, die einem gefangenen französischen Bataillonskommandeur abgenommen war, konnte man planmäßig arbeiten.

Zuerst musste man natürlich die an vielen Stellen kaum noch benutzbaren Ein- und Ausgänge herrichten, indem man die eingedrückten Stellen der Decken und Wände durch Einbau von Schurzholz stützte, den in den Stollen liegende Schutt und Schmutz beseitigte und die unter Wasser stehenden Teile trocken legte. Gleichzeitig ging man daran, das ganze Fort von Grund auf aufzuräumen und zu säubern; denn was sich in den zwei bis drei Wochen der starken Beschießung, während der man natürlich nur im dringendsten Notfall einen Mann außer Deckung schicken konnte, an Schutt und Unrat, an alten Uniformen und verbrauchten Verbandszeug, an Ausrüstungsstücken, verdorbenen Lebensmitteln, zurückgelassener Munition und dergleichen im Fort angesammelt hatte, das spottete jeder Beschreibung. Hatten wir doch tagelang nicht einmal unsere Toten mehr bestatten, sondern sie nur in einem etwas abseits gelegenen Munitionsraum zu Haufen schichten können. Die Munitionsräume des Forts lagen noch voll französischer Munition, die durch die große Explosion durchaus nicht an Zuverlässigkeit gewonnen hatte.
Der allnächtliche Durchzug starker Truppenmengen bedeutete eine ungeheure Erschwerung der Aufräumungsarbeiten. Wie oft standen nicht, wenn der Feind die Ausgänge unter Feuer hielt, alle Gänge des Forts so dicht voll, dass sich kaum ein Mensch noch rühren konnte.

Es gab auch sonst noch mancherlei, was die Arbeit auf dem Fort erschwerte. Schon der Schutt und die mit Chlorkalk desinfizierten Verbandszeug- und Uniformlumpen dufteten sehr stark. Was nun gar die Leute auszuhalten hatten, die die 14 Tage zuvor Gefallenen zu ihrer letzten Ruhe in einer Außenkasematte bergen mußten, das wissen nur die, die sich zu diesem Liebesdienst gemeldet haben. Da war das Fortschaffen der Blindgänger von schweren 15 cm Granaten immer noch angenehmer, obwohl die es häufig schon übelnahmen, wenn man sie bloß anfasste. Man hatte sie aber nicht bloß anzufassen, sondern sie auch noch durch die dunklen und schlüpfrigen Stollen des Forts aufs Glacis und dann noch meist im feindlichen Feuer, über 1500 m zur Sannelstelle zu bringen. Kein Wunder, daß größere und kleinere Explosionen in dieser Zeit unser täglich Brot blieben. Auch der „Franz“ blieb ängstlich besorgt, daß uns die Abwechslung nicht fehlte. Er setzte uns nicht bloß stunden-, sondern gleich tagelang unter Gas, und er kannte anscheinend keine größere Freude, als uns einen eben fertig ausgebauten Stollen wieder einzuschießen. Seine Flieger hörten den ganzen Tag nicht auf, über uns herumzuschwirren, und seine Ballons sahen uns von der anderen Maasseite beinahe bis in die Kochtöpfe. Dazu kamen außer den dauernden kleinen Patrouillengefechten auch noch die größeren Vorstöße von beiden Seiten, bei denen um den Besitz von Fleury und Souville gekämpft wurde. Dann mussten natürlich jedesmal auch im Fort alle Arbeit ruhen und höchste Alarmbereitschaft eintreten, wenn wir selbst kaum noch damit rechneten, daß das Gefecht bis zu uns dringen würde.

Aber trotz allem, was in dieser Art unserer Arbeit hindernd in den Weg trat, vorwärts kamen wir doch. Es gelang uns, der vom Feinde stets unter Feuer gehaltenen Ein- und Ausgänge durch neue Stollen zu ersetzen; eine außerordentlich mühevolle und langwierige Arbeit, da man teils in sehr hartem Kalkfels, teils in dem durch die andauernde Beschießung vollständig bröcklig gewordenen Lehmboden arbeiten mußte. Gleichzeitig waren die zerschossenen Außenwände der großen Kasematten so weit als nötig durch große Sandsackbarrikaden ersetzt und die Kasematten im Innern wieder bewohnbar gemacht worden, so daß die Mannschaften darin ganz gemütlich in Etagenbetten lagen, wie in einer Kaserne. Besonders das Lazarett war tadellos ausgebaut worden. Auch war an einem Ende des Gefechtsflurs eine große Küche eingerichtet, ein Lebensmitteldepot sammelte sich langsam an. Wir richteten die Wasserkeller wieder sauber her und machten uns daran, eine Wasserleitung auf das Fort zu legen. Ja, wir hatten sogar begonnen, elektrische Beleuchtung und künstliche Lüftung einzubauen.

Daß daneben auch die Verteidigungseinrichtungen des Fort nicht von uns vergessen wurden, versteht sich von selbst. Vor allen Dingen waren große Munitions- und Pionierdepots angelegt worden, die nicht nur der Fortbesatzung, sondern auch den Truppen der vordersten Linie zugute kamen. Dann waren auch unsere Beobachtungsstellen mit der Zeit wieder ganz brauchbar geworden. Unser Nachrichtennetz war innerhalb und außerhalb des Forts so gut ausgebaut, daß es geradezu als Musteranlage gelten konnte. Auch einige MG-Stände in den Panzertürmen, Grabenwehren und an den Hauptausgängen bekamen allmählich wieder die gewohnte Stärke.

Nur die außerhalb des Forts geplanten Verteidigungsanlagen, insbesondere das Drahthindernis, wollten und wollten nicht vorwärtskommen. Der Grund waren die beiden Übel, die uns so oft im Kriege zum Nachteil gereicht haben, der Mangel an Nachschub und an Menschen. Vor allem fehlte es dauernd an Hilfskräften für den Transport. Denn das Material schleppen von der Feldbahn her aufs Fort, dreiviertel Stunden Marsch bergauf und fast immer unter schwerem Feuer, das konnte man den Leuten, für die der Aufenthalt im Fort schon ein Teil ihrer Ruhe nach meist sehr bösen, in vorderster Linie zugebrachten Tagen sein sollte, wohl kaum zuzumuten. Einige der ersten bei Douaumont eingesetzten Divisionen, die über genügend Truppen verfügten, hatten besondere Schleppkommandos eingeteilt, die ganz Glänzendes leisteten, so z.Bsp. die Zietenhusaren und die Minenwerfer-Kompagnien der Argonnen-Divisionen. Aber meist mußten die Pioniere sich alles, was sie haben wollten, selbst von der Bahn heranholen, und das schaffte lang nicht genug.

 

Douaumont
Im Abschnitt A bei Douaumont (Bergkegel im Hintergrund)
    
Douaumont
Im Abschnitt A bei Douaumont

 

Außerdem wirkte der häufige Wechsel der Infanterie und besonders der Befehlshaber hemmend auf den fachgemäßen Ausbau des Forts. Waren auch die Truppen, die nach dem Douaumont kamen, fast alles ausgesuchte Divisionen, die sich rasch in einem neuen Abschnitt zurechtfanden und an schwere Kämpfe gewöhnt waren, so stellte doch das Fort ganz eigenartige und für reine Feldtruppen vielfach neue Anforderungen an seine Besatzung, die in den vier Wochen, in denen die Truppen meist nur in diesem hartumkämpften Abschnitt blieben, kaum den Führern, geschweige denn den Mannschaften geläufig werden konnten.

Am 19. Oktober begann das Vorbereitungsfeuer für den französischen Angriff, den alle Verdunkrieger lange erwartet hatten. Am 23. Oktober wurde das Fort mit den bisher noch nicht bekannten französischen 44-cm-Panzergranaten beschossen, das schwerste Kaliber, über das die Franzosen im ganzen Kriege verfügt haben. Die französischen Mörser setzten binnen einer Viertelstunde sechs Volltreffer ins Fort, die durch zwei Stockwerke durchschlugen bis in die Wasserkeller, was selbst unsere 42er nicht gekonnt hatten. Der erste Schuß ging ins Lazarett und der sechste ins Pionierdepot. Der erste half einem halben Hundert Verwundetet zu einem raschen und schmerzlosen Ende und der sechste ebenso vielen braven Pionieren, die gerade dabei waren, das Depot zur Aushilfe als Verbandsraum herzurichten.

Im Depot lag auch unsere ganze Leucht- und MG-Munition und im Nebenraum die Handgranaten. All das fing an zu brennen und mit ohrenbetäubendem Knattern und Knallen in die Höhe zu gehen. Was half es, daß die wenigen Überlebenden unter der Führung des Infanteriehauptmanns Soltau und des Festungsbauleutnants Hohnsbein versuchten, die Flammen mit Erde und Selterwasser aus dem Lebensmitteldepot zu löschen? Die Einwirkung der Explosionsgase machte das Arbeiten bald unmöglich, und als der Morgen des 24. Oktobers graute, da mußten die Infanteristen und Pioniere, zum größten Teil gaskrank, viele verwundet und alle vollständig erschöpft, das Fort verlassen, das acht Monate hindurch mit so vielen Opfern von uns gehalten worden war.“

Wie der bekannte Kommandant des Forts Hauptmann Kalau vom Hofe, Kommandeur des I./Bataillons Gren. 12 über ihn und seine Pioniere geurteilt hat, mögen einige Zeilen aus seinem Bericht vom 26. Mai über die Kämpfe am 22. und 24. Mai zeigen:

„Inzwischen versuchte Hauptmann Frenzen mit seinen unermüdlich tätigen Pionieren, die im Panzerturm S.W. befindlichen Franzosen mit Brandröhren auszuräuchern. Hierbei erwähne ich die unermüdliche, selbstlose Tätigkeit des Hptm. Frenzen, der mit seiner klaren Besonnenheit eine unersetzliche Hilfe war. Ohne ihn und seine unerschütterliche Ruhe und seinen Humor bei den schwersten Schlägen wäre die Abwehr des Angriffs nicht geglückt“!

Ebenso lobend wird in diesem Bericht die Tätigkeit der 4./Pion. 30 erwähnt, die den Kehlausgang freilegte und das Kehlblockhaus besetzte.
Also zwei Kompagnien des Pionier-Regiments 30 hatten nach dem maßgebenden Urteil des Kommandanten des Forts den Hauptverdienst an der ruhmreichen Verteidigung der gewaltigen, heiß umstrittenen Panzerfeste Douaumont.

 

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