Zwischen Maas und Mosel

Die 15. Infanterie-Division 1918 bei Verdun an der Maas

 

Bei der 5. Armee wurde die 15. Infanterie-Division im besonders gefährdeten „Beaumont-Abschnitt“ nördlich von Verdun sofort eingesetzt.

Eine Änderung in der Zusammensetzung der Division trat durch die Auflösung der Regimenter mit hoher Hausnummer, bei uns der Infanterie-Regiments 389, ein. Für dieses erhielt die Division am 06. September 1918 das 2. Unter-Elsässische Infanterie-Regiment 137. Die Regimenter 69, 137 und 160 wurden durch die Mannschaften des aufgelösten Infanterie-Regiments 389 verstärkt.

Im Abschnitt der 15. Infanterie-Division und dem Divisions-Kommandeur unterstellt, befand sich das österreichische Jäger-Regiment Marchan.

Abgesehen von kleineren Gefechtshandlungen ließen uns die Franzosen zunächst Zeit, unsere Verbände zu festigen und den Ausbau unseres neuen Abschnittes so weit irgend möglich zu vervollständigen.

Das Gelände in das die Division jetzt gekommen war, war grundverschieden von unseren bisherigen Abschnitten. Die Franzosen hatten das bergige Höhengelände nördlich von Verdun das im Fort Douaumont mit 388 Höhenmetern seinen Höhepunkt erreicht, im Spätherbste 1916 wieder in Besitz genommen. Sie hielten nunmehr alle die Umgebung beherrschenden Höhen: 378 östlich von Louvemont, 342 südlich dieses Ortes und 344 östlich von Samogneux besetzt. Die Höhen waren steil und zum Teil durch tief eingeschnittene Schluchten voneinander getrennt. So befand sich eine tiefe Schlucht zwischen den Höhen 344 und 342, durch welche die große Straße von Ville nach Vacherauville führte, ferner eine zwischen den Höhen 342 und 378 mit der Straße nach Bras. Die Straßen in diesen Schluchten wurden von uns dauernd unter Artilleriefeuer, namentlich Feuerüberfällen, gehalten, da sie zwischen den steilen Hängen für die Franzosen die einzigen Verkehrsmöglichkeiten zu ihrer Front bildeten.

 

Karte 15. ID

Unsere vordersten Postenstellungen lagen auf den sich nördlich anschließenden Höhen, rechts auf der Höhe 345 westlich von Beaumont, in der Mitte auf der Höhe 317 am Südrand des ganz zerschossenen früheren Ortes Beaumont, von dem nur noch einzelne Trümmer übrig waren, und weiter links auf einem Höhenrücken, der sich nach Südosten, zum früheren Chaume-Wald hinabzog. Die ganze Gegend war natürlich nach den schweren Kämpfen im Jahre 1916 Trichterfeld, die früheren Orte kaum zu erkennen, die früheren Wälder aus einzelnen Baumstümpfen bestehend. Mit ihrem dichten Unterholz und den zerschossenen Baumstämmen dazwischen waren sie nur schwer gangbar.

Nach den Vorschriften war natürlich auch hier das ganze Kampffeld in Vorfeld und Hauptwiderstandszone gegliedert. Im Kampffelde, namentlich auf der wohl stets als sehr wichtig erkannten Höhe des Wavrille, lag eine Anzahl von fertigen und angefangenen Betonbauten vom Jahre 1916 her, die jetzt gut ausgenutzt werden konnten. Im übrigen waren noch Anfänge von durchlaufenden Schützengräben, namentlich der „Hagen-Stellung“, vorhanden, die in dem recht festen Muschelkalksteinboden aber nur wenig tief eingeschnitten, zum größten Teil nur angedeutet waren. Die bewaldete Wavrille-Höhe nordöstlich von Beaumont war für uns von besonderer Bedeutung. Sie bildete mit den Betonbauten einen festen Stützpunkt nach rechts und nach links, den wir fest in der Hand behalten mußten, sollten nicht die Franzosen vollkommene Einsicht in jede Einzelheit unserer übrigen Stellung erhalten. Auf höheren Befehl, da das Vorfeld zu wenig Tiefe habe, mußte später die Wavrille-Höhe als zum Vorfeld gehörig betrachtet und damit bestimmungsgemäß bei einem großen feindlichen Angriffe geräumt werden.

Durchschnitten wurde der Divisions-Abschnitt durch die Schlucht, in der die große Straße von Vacherauville westlich von Beaumont vorbei nach Ville führte, sie trennte in gewisser Weise den rechten Regiments-Abschnitt, den des österreichischen Jäger-Regiments, den Caures-Wald, von der übrigen Divisions-Stellung. Die genannte große Straße erreichte etwa 1500 m nördlich von Beaumont, am sogenannten Hessenplatze, und etwa 1000  m nordwestlich davon, am „Müllerplatze“, auf der „Müllerhöhe“, ihre größten Erhebungen. Am Hessenplatze gabelte sich die Straße, der westliche Zweig führte über den Müllerplatz und die Orte Flabas und Moirey zur großen Chaussee nach Damvillers – Jametz – Montmédy, die östliche durch die sogenannte Hessenschlucht über Ville etwa 1000 m  nordöstlich dieses Ortes zu dieser Chaussee heran. Durch den linken, östlichen Regiments-Abschnitt führte die Straße Bras – Louvement über die Höhe 351 östlich des Wavrille zum Höhenpunkt: „le cap de Bonne Espérance“ und weiter nach Nordosten zum Ort Azannes. Die Straße wurde wegen ihrer schnurgeraden Richtung, die nur etwa 1500 m südwestlich des „Kap der Guten Hoffnung“ einen Knick hatte, die „Kegelbahn“ genannt. Die Ausläufer all dieser Höhen nach Norden waren, abgesehen von der unmittelbaren Umgebung der „Kegelbahn“, die auf einem kahlen Höhenrücken entlang lief, bewaldet und vielfach zerklüftet, sie bildeten mehr oder weniger enge Täler und Schluchten, die für die Artillerie-Aufstellung genutzt wurden.

Das ganze Höhengelände der Côtes Lorraines nordöstlich der Maas fällt in steilen, bewaldeten Hängen, die kulissenartig gegliedert sind, nach Norden ab, und bildet etwa in der Linie Azannes – Ville – Moirey – Crépion – Etraye – Ecurey – Brandeville einen scharfen Absatz gegen das weiter nördlich gelegene mehr wellige Gelände, durch das der Theinte-Bach fließt, der nordwestlich von Vittarville in das Loison Flüßchen einmündet. Die große Chaussee über Azannes nach Damvillers – Jametz nach Montmédy folgte im allgemeinen in nördlicher Richtung dem Theinte-Bach und der Loison. Von Azannes führte eine weitere Chaussee nach Nordosten über Mangiennes – Pillon nach Longuyon. In diesem rückwärts gelegenen Gelände befanden sich noch größere Erhebungen nordöstlich der Chaussee Azannes – Damvillers: dicht nörlich des Ortes Chaumont der etwa 2 1/2 km lange, von West nach Ost gestreckte Rücken der „Chaumont-Höhe“, 324 m hoch, weiter nördlich die Côte de Morimont, 361 m hoch, nordwestlich von dieser die Côte d’Horgne, 356 m hoch, und schließlich östlich des Chaumont-Rückens südlich des Ortes Romagne die Côte de Romagne, 349 m hoch. All diese Erhebungen hatten sehr steile Hänge und waren durch tiefe Täler voneinander getrennt. In ihnen fanden teile der weittragenden Artillerie gute Aufstellung.

 

Morimont        Marwitz
Morimont Lager    General von der Marwitz

 

Nördlich des Morimont Rückens nahm die Gegend wieder welligen Charakter an, große Wälder mit dichtem Unterholze dehnten sich dort bis in die Nähe des Loison-Flüßchens aus, in ihnen befand sich, gegen Fliegereinsicht gedeckt, ein großer Teil der Munitions-Lagerplätze. Die Orte hier und rückwärts waren für die Unterbringung der Truppen weiter durch Baracken und durch besondere Barackenlager ausgebaut.

Der Divisions-Abschnitt war in drei Regiments-Abschnitte gegliedert. Der rechte umfaßte im allgemeinen den Bois de Caures und erstreckte sich bis Beaumont, der mittlere reichte bis zur Wavrille-Höhe einschließlich, der linke bis zum Herbebois-Wald. Die Regiments-Gefechtsstände, ausgebaute Holzbaracken mit schußsicheren Stollen, waren in den Schluchten südwestlich von Moirey, südlich von Ville und am „Kap der Guten Hoffnung“ untergebracht. Das Kampffeld wurde in derselben Weise wie bei Nampcel von den Truppen eingerichtet. Nach den Erfahrungen der großen Kämpfe im Nampcel-Abschnitt legten wir aber den größten Wert auf den Ausbau eines zusammenhängenden Verteidigungsgrabens. Wir kehrten, nachdem die späteren schweren Kämpfe die Truppenstärken mehr und mehr herabminderten, auch unter Berücksichtigung des unübersichtlichen Geländes, ganz zur Verteidigung des einen Schützengrabens zurück, wie beim Beginn des Stellungskrieges, und dem war es wohl, abgesehen von der ausgezeichneten Truppe, mit zu danken, daß die Division alle Angriffe der Gegner abweisen konnte.
Auch sonst wurde der Divisionsabschnitt nach der reichen Erfahrung der Division vervollständigt und eingerichtet. Vorzügliche Divisions-Beobachtungsstellen waren am „Kap der Guten Hoffnung“ und auf dem Chaumont-Rücken. Eine zusammenhängende „Hauptwiderstandslinie“, die unter allen Umständen bei jedem feindlichen Angriffe zu halten war, wurde unter Benutzung der früheren Hagenstellung ausgebaut. „Tankfallen“ wurden überall, wo es in Frage kam, angelegt.

Nachdem die Truppe sich erst einmal in dieser Weise eingelebt hatte, kamen uns die Schwierigkeiten der Beaumont-Stellung, die man uns zuerst als besonders groß hingestellt hatte, gering vor. Es war wirklich erstaunlich, was von den wenigen Leuten, die zum Arbeitsdienst zur Verfügung standen, geleistet wurde, zumal die Arbeit doch meist nachts ausgeführt werden mußte.
Besonders wichtig war es, in dem zerklüfteten schluchtenreichen Gelände mit seinen steilen Hängen eine gute Stelle zur Leitung der Truppe in den bevorstehenden Kämpfen zu finden. Der Brigade-Gefechtsstand, der des Artillerie-Kommandeurs und der Divisions-Gefechtsstand wurden auf dem Morimont eingerichtet. Die Übersicht von dort nach jeder Richtung hin war ausgezeichnet, das ganze Kampffeld der Division und der Nachbarabschnitte hatte man klar vor sich liegen. Nach rückwärts war Dombras, wo die Fernsprechverbindungen vom Generalkommando und Oberkommando, die eigenen und die der Nachbar-Divisionen zusammen liefen, deutlich zu sehen. Mit Dombras nach rückwärts und nach vorn zu den Regiments-Gefechtsständen war Blinkerverbindung mit dem Morimont vorhanden. Die Artillerie hatte noch weitere Verbindungsstellen auf dem Chaumont-Rücken bei der Divisions-Beobachtungsstelle, so daß man hoffen konnte, daß Nachrichten auf irgendeine Weise schnell durchkommen mußten, und das man nicht nur auf Meldegänger angewiesen war. In der Nacht vom 11./12. September lag zum ersten Male ziemlich lebhaftes Feuer auf dem Abschnitt der 15. Infanterie-Division. – An unserer Front erfolgte aber an diesem Tage kein feindlicher Angriff, wohl aber weiter südöstlich ein Angriff der Amerikaner auf die Combres-Höhe und bei St. Mihiel. Am 13. September wurde gegen Teile unserer linken Nachbar-Division ein größeres Patrouillen-Unternehmen gemacht. Ein dabei ergriffener verwundeter Gefangener sagte aus, daß am 14. oder 15. September ein großer feindlicher Angriff auf unsere Front stattfinden sollte. Auch diese Angriffe erfolgten jedoch nicht. Nach Gefangenenaussagen und Agentennachrichten sollten die Franzosen nunmehr einen großen Vorstoß gegen Metz – Briey beabsichtigen. Sie hätten vor, am 15. September den Ornes-Rücken und die Zwillings-Höhe dicht östlich unseres Abschnittes wegzunehmen, und eventuell bei uns im Caures-Walde – wo die Österreicher standen – vorzugehen und von dort in die Talniederung hinabzusteigen, um dann leichter weiter nach Norden vorzudringen. Das Trommelfeuer auf unsere Stellungen wiederholte sich noch mehrfach, ohne daß es zu einem großen Angriff kam. Wir sollten wohl mürbe gemacht werden.

Am 25. September mittags suchte uns der neu ernannte Oberbefehlshaber, General von der Marwitz, auf.
Starke feindliche Angriffe hatten in diesen Tagen gegen die Maas-Gruppe West stattgefunden, unsere Front wurde weiter unter Artilleriefeuer gehalten. Die Franzosen waren im Maastale ziemlich tief eingebrochen, so daß die Division das Infanterie-Regiment 69, das gerade in Reserve lag, dorthin abgeben mußte. Am 27. wurde das Regiment auf dem rechten Maasufer bei Sivry eingesetzt, um gegen die Franzosen abzuriegeln. Bei uns lag die Gegend um Damvillers jetzt dauernd unter so starkem Feuer, daß der Ort, der sehr gute Unterbringungsmöglichkeit bot, leider geräumt werden mußte. Die feindliche Beschießung unserer Front schnitt immer mit dem Wavrille ab, man konnte daraus entnehmen, daß auch feindliche Angriffe sich nicht weiter östlich erstrecken würden.

Am 03. Oktober besuchte der General-Adjutant des Kaisers, General-Oberst von Plessen, die Division, um den Truppen des Kaisers Dank und Anerkennung für ihre Leistungen auszusprechen. Die Freude darüber war groß. – Mittallen Mitteln versuchten zu dieser Zeit unsere Feinde, die Stimmung bei uns herabzudrücken, fast täglich warfen feindliche Flieger Flugblätter in großer Zahl ab, die unsere Lage als hoffnungslos hinstellten, und die Leute zum Waffenniederlegen und Überlaufen aufforderten. Auf alle diese Mittel fielen unsere Leute ja nicht herein, sie haben an der Front wohl nur auf ganz wenige Eindruck gemacht, bei uns wurde darüber gelacht.

Am 08. Oktober verstärkte sich das feindliche Artilleriefeuer von 06 Uhr früh ab zum stärksten Trommelfeuer, dem bald darauf Massenangriffe schwarzer und weißer Franzosen von der Maas bis zum Wavrille folgten. Auch das Hintergelände, die Straßen zur Front, Romagne und der Morimont lagen dauernd unter wechselnd starkem Artilleriefeuer. – Die französischen Massenangriffe hatten leider gute Erfolge bei unserer rechten Nachbar-Division, einer österreichischen Truppe, am Haumont-Wald. Bei der 15. Infanterie-Division war am Abend die Hauptwiderstandslinie voll in unserm Besitz, ebenso wie der größte Teil des Vorfeldes, einschließlich des Wavrille, das wir ja eigentlich bei feindlichem Angriffe hätten räumen sollen. Dazu hatten sich die tapferen 137er aber nicht entschließen können, die schwachen Postierungen auf dem Wavrille hatten allen feindlichen Angriffen getrotzt.

Die Verluste der Division waren an diesem Tage schon recht beträchtlich. Andere Eingreiftruppen standen hinter der Division nicht bereit, die Division war ganz allein auf sich angewiesen. Die Verluste innerhalb der Truppen mußten ausgeglichen werden so gut es ging, und dabei mußte trotz der an sich schon geringen Stärke, eine möglichst starke Kampfreserve hinter der Front verfügbar gemacht werden. Die Verluste des Gegners sollten sehr schwer sein, eine Anzahl schwarzer und weißer Gefangener, die vom Infanterie-Regiment 137 eingebracht waren, bestätigten dies.

Am 09. Oktober herrschte am Morgen dichter Nebel, zunächst war es noch ruhig. Wir nahmen an, dem Gegner hätten seine Verluste den Mut zu weiteren Angriffen genommen. Auch war während der Nacht ziemlicher Frost gewesen, so daß die Schwarzen sicher ordentlich verklamt waren. Bald nach 9 Uhr griffen die Franzosen aber nach kurzem heftigen Trommelfeuer erneut gegen unsere Front und weiter rechts an. Es mußten während der Nacht frische Kräfte herangezogen sein, denn erneute Anstürme tief gegliederter Truppen erfolgten gegen das österreichische Jäger-Regiment und namentlich gegen den Wavrille und gegen den Hessenplatz und die Hessenschlucht beim Infanterie-Regiment 137. Gegen Mittag brachen die Franzosen bei den österreichischen Jägern ein. Der Einbruch übertrug sich zunächst auch noch auf den rechten Flügel des Infanterie-Regiment 137, der umgangen und von hinten angegriffen wurde. Der Gegenstoß zweier schwacher Kompagnien des Infanterie-Regiments 137, die noch verfügbar waren, etwa 100 Mann, stellte die Lage aber wieder völlig her. Der Gegenstoß wurde so geschickt geführt und erfolgte so überraschend und überwältigend in die Flanke und den Rücken der angreifenden Franzosen, dass die tapferen Kompagnien noch etwa 175 Gefangene mit zurückbringen konnten. Diese waren von verschiedenen französischen Divisionen, auch ein Zeichen dafür, mit welchen Massen die Franzosen gegen diesen schmalen Abschnitt vorgingen, um hier den Durchbruch zu erzwingen. Am Nachmittage war die Hauptwiderstandslinie wieder voll in unserem Besitz, nach rechts gegen die Nachbar-Division wurde abgeriegelt, um einem weiteren Einbrechen der Franzosen in unseren Abschnitt von dort vorzubeugen.

Leider aber hatte der Wavrille im Vorfeld heute doch nicht gehalten werden können. Die feindliche Übermacht gegen die schwachen Postierungen war zu groß gewesen. Die Franzosen setzten sich dort in den sicheren Schutz gewährenden Betonbauten sofort fest, so daß auch unser Artilleriefeuer schwerer Kaliber ihnen nicht viel geschadet haben wird. Wir hatten die Franzosen am Wavrille vor unserer Front nun in ganz geringer Entfernung gegenüber, was umso unangenehmer war, als der Wald dort die Einsicht sehr beeinträchtige.

Gegen Abend bot sich den Stäben auf dem Morimont ein großartiger Anblick. Trotz des Getöses des beiderseitigen Artilleriefeuers hörte man das Surren vieler Flugzeuge näher und näher kommen, und schnell waren über der Gegend des Morimont etwa 150 bis 200 französische und amerikanische Bombenflugzeuge, die, in der tief stehenden Abendsonne wie flüssiges Gold funkelnd, geschwaderweise in sehr guter Ordnung dicht hintereinander in breiter Front herankamen und gleichsam wie auf einem großen Felde über uns manöverierten. Dann, wie auf ein Zeichen, kam ein Zischen und Rauschen auf die ganze Gegend um uns herunter, ein ungeheures Krachen der abgeworfenen Bomben erfolgte, und alles war lange Zeit in dichten schwarzen Qualm eingehüllt. In derselben Ordnung, trotz unserer Beschießung, zogen die feindlichen Flieger-Geschwader wieder ab. Der Zweck dieses großen Fliegerangriffes sollte jedenfalls wohl der sein, unsere Reserven, die der Gegner hinter den Höhen rückwärts der Kampffront vermuten mochte, zu zerschlagen, oder doch wenigstens empfindlich zu schädigen. Damit hatten die Franzosen-Amerikaner nun allerdings keinen Erfolg, denn Reserven gab es hier nicht mehr, wir hatten den letzten Mann vorn an der Front, hinter der Front stand nichts mehr. Nur 6 Pferde einiger Munitionswagen, die Munition zur Front brachten, wurden verwundet, das war das ganze Ergebnis dieses Fliegerangriffs im Großen.

Nochmals gegen Abend lag äußerst heftiges feindliches Artilleriefeuer auf dem Abschnitt des Infanterie-Regiments 137, am Hessenplatz und nördlich des Wavrille. Wenn man sah, wie da unausgesetzt die feindlichen Geschosse in Mengen platzten, so mußte man sich fragen, wie lange werden die Kräfte unserer an sich schon schwachen Kompagnien noch vorhalten. Es machte den Eindruck, als könnte überhaupt keine lebendes Wesen in solchem Feuer übrig bleiben.
Dem Artilleriefeuer folgte noch am späten Abend wieder ein tiefgegliederter feindlicher Angriff. Aber auch dieser wurde von den tapferen 137ern unter sehr blutigen Verlusten des Gegners abgeschlagen, so daß am Abend dieses heißen Schlachttages die Hauptwiderstandslinie überall fest in unserer Hand war. Beim Infanterie-Regiments 160 wurden sogar Teile des Vorfeldes im Gegenstoß zurückgenommen.
Nicht so gut sah es weiter rechts von uns aus. Dort war im Laufe des Tages eine neu eingetroffene Division zum Gegenstoß eingesetzt, um die Franzosen aus ihrer Einbruchstelle im Ormont-Walde zu vertreiben. Der Ormont-Wald, der weit hinter der bisherigen Front der Stellungsdivision lag, sollte bereits vom Gegner genommen sein. Er hatte eine besondere Bedeutung, weil er auf einer Höhe lag, die am Carrefour de la Croix Antoine mit 382 m Erhebung, die ganze Gegend der Theinte-Niederung beherrschte, die Franzosen standen dort bereits 4 km im Rücken unserer vorderen Stellungen. Ihr weiteres Vorgehen in großen Massen vom Ormont-Walde ins Theinte-Tal mußte einen großen Teil der deutschen Front nördlich von Verdun aufrollen. Fast unsere gesamte Artillerie wäre den Franzosen dann wohl zum Opfer gefallen, wir hätten kaum die Möglichkeit gehabt, sie zurückzubringen. Ungeheuer wichtig war es also, den Ormont Wald wieder zu gewinnen, und weiterhin zu behaupten. Der Gegenstoß der neu eingesetzten Division kam aber bald gegen den weit überlegenen Gegner zum Stehen.

Der 10. Oktober brachte uns wieder neue schwere Kämpfe. Immer von neuem versuchte der Gegner, in tiefgegliederten Abteilungen vorstürmend, unsere schwachen Linien zu überrennen. Blutig wurde er abgewiesen. Nur gegen Abend erfolgte ein kleiner Einbruch der Franzosen bei den österreichischen Jägern, der aber durch den Einsatz unserer letzten schwachen Kompagnien von Infanterie-Regiment 69 wieder ausgeglichen wurde. An Reserven gab es hinter der Front in unserer ganzen Gegend nur noch ein Bataillon des Infanterie-Regiment 120, das war alles. Erst vom 11. Oktober mittags wurde das Eintreffen der 1. Landwehr-Division erwartet. Dazu war auch noch die Artillerie-Munition äußerst knapp geworden, so daß die Infanterie oft der wirksamen Artillerieunterstützung entbehren mußte! Unsere Kräfte wurden mit jedem Kampftage schwächer, es standen jetzt für je 1000 m Frontbreite – 5 km hatten wir – nur noch etwa 300 Mann zur Verfügung, die während der Nacht noch wieder zu einer gewissen Tiefe gegliedert wurden, damit für etwa nötig werdende Gegenstöße wenigstens etwas, wenn auch nur einige Stoßtrupps, zur Hand waren. Eine Vermischung der Regimenter untereinander ließ sich dabei nicht ganz vermeiden.

Auch am 11. Oktober wiederholten sich, immer nach äußerst heftigem Trommelfeuer, die feindlichen Angriffe. Es war erstaunlich, woher all die frischen feindlichen Kräfte kamen. Auf die Angriffe an dieser Stelle mußten die Franzosen besonders große Hoffnungen gesetzt haben. Sehr schwer wurde heute wieder rechts von uns am Ormont-Walde und sogar schon um den Moirey-Wald am Nordhang der Höhe dicht südwestlich von Moirey gekämpft. In diese Kämpfe mußte die 15. Infanterie-Division sogar mit den letzten geschlossenen Kräften eingreifen. Mit Rücksicht auf die Lage dort mußte die Hauptwiderstandslinie auf dem rechten Flügel des österreichischen Jäger-Regiments bis auf die Höhe des Müller-Platzes verlegt werden. Es wurde damit der Anschluß nach rechts so gut es ging durchgeführt. Da nunmehr die Caures-Schlucht, die bisher tief in unsere Front einschnitt, vor unsere Front kam, so konnten im Hinblick auf die dadurch entstehenden besseren Verteidigungsbedingungen sogar noch schwache Kräfte zur weiteren besseren Verbindung nach rechts frei gemacht werden. Der Anschluß zum Müller-Platz wurde in einem bereits früher für diesen Fall vorbereiteten Riegel aufgenommen. Wir hatten an diesem Tag nur noch wenig Munition und keinen Mann in Reserve mehr hinter der ganzen Front. Aber die braven Truppen vorn wußten ja auch, um was es sich handelte, und sie hielten aus, auf sie war voller Verlaß.

Die Angriffskraft der Franzosen schien mit dem 11. Oktober doch erschöpft zu sein. Nach beinahe noch heftigerem Trommelfeuer wie bisher griffen am 12. Oktober amerikanische Divisionen an. Mit diesen hatten wir leichteres Spiel. In dichten Haufen, Welle auf Welle, kamen sie heran, wurden mit Maschinengewehrfeuer niedergemäht und und fluteten mit ihren Resten wieder zurück. All diese Angriffe, die sich am Tage mehrfach wiederholten, wurden bei uns unter ungeheuren Verlusten für die Amerikaner abgewiesen. Aber bei der rechten Nachbar-Division erfolgte wieder ein feinflicher Einbruch beim Moirey-Walde bis bis zur Höhe 160, also an sehr empfindlicher Stelle. Mittags traf endlich die sehr ersehnte 1. Landwehr-Division ein. Zur Einleitung ihres Einsatzes an der Front wurde am Nachmittage das Landwehr-Infanterie-Regiment 31 zur Ablösung des österreichischen Jäger-Regiments, das in der Front nur noch sehr schwach war, zur Verfügung gestellt. Um bei den großen Verlusten der 15. Infanterie-Division die Möglichkeit zu bieten, innerhalb der Regimentsverbände auszugleichen, wurde auf dem linken Flügel der Division beim Infanterie-Regiment 160 auch der Frontteil westlich der Kegelbahn der linken Nachbar-Division zugewiesen, die bisher überhaupt nicht ernstlich angegriffen war. So konnten wenigstens wieder einige, wenn auch sehr schwache, geschlossene Abteilungen hinter der Front für weitere Kämpfe zusammengefaßt werden. Mit der beabsichtigten Neueinteilung der Front schied das österreichische Jäger-Regiment aus dem Befehlsbereich der 15. Infanterie-Division und des Generalkommandos aus. Als Abschiedswort sprach der Kommandierende General folgende Anerkennung am Abend des 11. Oktober aus:

„Die durch k.u.k. Jäger-Regiment Marchan verstärkte 15. Infanterie-Division hat in 4-tägigem schweren Ringen den wiederholten, stets durch stärkstes Artilleriefeuer vorbereiteten feindlichen Angriffen standgehalten und einen Durchbruch des Feindes verhindert.
Führung und Truppe haben in vorbildlichem Zusammenwirken Ausgezeichnetes geleistet.
Ich beglückwünsche die Division zu diesen Erfolgen. Führern und Truppe spreche ich meinen Dank und meine Anerkennung aus. Ich bin überzeugt, daß die brave Division auch weiterhin aushält und allen feindlichen Anstürmen trotzen wird.“

Der kommandierende General

Freiherr v. Soden

 

Aus den vielen Heldentaten, die während der schweren Kämpfe vollbracht wurden, sei nur eine herausgegriffen:
bei den Vorfeldkämpfen am Wavrille hatte dicht östlich dieser wichtigen Höhe ein Kompagnieführer, ein junger Leutnant, mit seiner schwachen Kompanie – er hatte nur einige 20 Mann – nicht nur die Angriffe mehrerer feindlicher Kompagnien abgewiesen, sondern er hatte dann, als sein Maschinengewehr den Feind ins Wanken brachte, mit seinen wenigen Leuten sofort einen frischen Gegenstoß gemacht und dabei noch eine ganze Anzahl Gefangener, mehr wie seine Kompanie stark war, eingebracht. Er hat noch während der Kampftage das Ritterkreuz des Hohenzollerschen erhalten. Die Angriffe unserer Feinde flauten nunmehr auf unserer Front ab. Bei der Maas-Gruppe West waren noch Kämpfe im Gange.
Am Mittage des 14. Oktober besuchte der General Dieffenbach, der voraussichtlich am 15. Oktober den Korpsabschnitt „Beaumont“ übernehmen sollte, die Division, und wurde von uns allen herzlich bewillkommnet. Er freute sich, mit uns wieder zusammen atbeiten zu können. 
Am Abend des 14. Oktober wurde der rechte Regimentsabschnitt der Division, in dem ja schon das Landwehr-Infanterie-Regiment 31 eingesetzt war, an die 1. Landwehr-Division abgegeben. Die vorbereitete Neueinteilung des nunmehrigen Divisionsabschnittes der 15. Infanterie-Division trat damit in Wirksamkeit. Am Mittage des 17. Oktober übernahm General Dieffenbach den Befehl über die 1. Landwehr-Division und 15. Infanterie-Division als Gruppe Beaumont.
Die Tage bis zum 22. Oktober verliefen im allgemeinen ruhig. Wir waren mit der Neuordnung der kleinen zusammengeschmolzenen Verbände vollauf beschäftigt. Bei den Regimentern war alles in guter Stimmung und trotz der geringen Stärken voller Zuversicht. Die Erfolge gegen die gewaltige feindliche Übermacht, wenn es auch reine Abwehrerfolge waren, hatten das Vertrauen der Truppe zu sich gestählt.

Die Tage des 30. und 31. Oktobers, des 01., 02. und 03. Novembers brachten wieder sehr lebhafte Artilleriebeschießung unseres Abschnittes und des rückwärtigen Geländes, das sich verschiedentlich sehr erheblich, selbst bis zum Trommelfeuer, steigerte; so am 30. Oktober abends und am 01. und 03. November nachmittags, Angriffe erfolgten bei uns nicht. Vom 03. November ab begannen aber wieder starke feindliche Angriffe an der Maas. Wir benutzten die Tage zur weiteren Vervollkommnung unserer zerschossenen Stellungen, namentlich des Kampfgeländes. Die Franzosen und Amerikaner drangen im Maastale weiter vor. Sie wollten nach Gefangenenaussagen und Agentennachrichten nach Longuyon und Montmédy vorstoßen und unsere ganze Front aufrollen. Sie waren am 04. November auch bereits so weit gekommen, daß die Front rechts von uns weiter zurückgebogen werden mußte. Am Mittag des 07. November wurde die Zurückverlegung auch unserer Stellungen vom Oberkommando befohlen. Wir mussten damit unsere Hauptwiderstandslinie in die Linie Romagne-Rücken – Azannes zurückverlegen, und zwar sollte das bereits in der nächsten Nacht, also vom 07./08. November erfolgen. Sie wurde wie befohlen ungehindert vom Feinde durchgeführt trotz klarer Sicht. Auch am nächsten Tage versuchte der Feind nur zögernd nachzukommen, größere Tätigkeit war so gut wie gar nicht. Das Infanterie-Regiment 137 blieb am Kap der Guten Hoffnung an der Kegelbahn, das jetzt im Vorfelde lag, und dort hat es sich auch trotz aller amerikanischen Angriffe, die bald wieder einsetzten, bis zum Beginn des Waffenstillstandes gehalten. Weiter rechts hielten unsere vorgeschobenen Postierungen die bisherige Hauptwiderstandslinie als „Vorfeld“, nur auf dem äußerst Flügel mußten wir zurückbiegen und nach rechts abriegeln.
Am 09. November versuchte der Feind, der die Lage nun wohl übersah, mit starken Kräften weiter nachzudringen. Er hatte aber bei uns nirgends Erfolge, wir hielten das jetzige Vorfeld, unser bisheriges Kampffeld, weiter durch vorgeschobene Abteilungen gegen jede feindliche Unternehmung. Es wurden Gefangene der 26. amerikanischen Division von unseren Truppen eingebracht. Sogar das barchten unsere schwachen Postierungen noch fertig!
Die 15. Infanterie-Division hätte noch lange, lange Zeit dem Feind jeden Widerstand geboten!
Am Abend des 09. November wurde der Ausbruch der Revolution in Berlin und die Abdankung des Kaisers bekannt. Die Empfindungen, die dabei nach 4 1/2 Kriegsjahren auf uns einströmten, lassen sich nicht wiedergeben. Die Stimmung der Leute war am 10. November entsprechend gedrückt, doch bestand selbstverständlich bei jedem Einzelnen der feste Wille, die Amerikaner bei erneuten Angriffen weiterhin blutig abzuweisen.
In der neuen Hauptwiderstandslinie waren während der Nacht bereits Maschinengewehr-Widerstandsnester eingerichtet. Die Verteidigungslinie verlief im allgemeinen auf dem Romagne-Rücken, am Südwestrande des Bochet-Waldes und auf dem flachen Höhenrücken, der sich von dort nach Azannes erstreckt. Die Stellung bot ausgezeichnete Übersicht und hatte ein sehr gutes freies Schußfeld vor sich. Nur für die Unterbringung der Leute fehlte fast alles, sie mußten sich wieder Erdlöcher in den Dreck graben.

Auf unserer ganzen Front fanden an diesem Tage starke Angriffe der Amerikaner statt, namentlich gegen das Infanterie-Regiment 137 am Kap der Guten Hoffnung, aber alle ihre Bemühungen, uns zu verdrängen, waren vergebens. Auch weiter rechts vom Kap wurde unser Vorfeld trotz der schwachen Besetzung im allgemeinen gehalten, nur mußte die Linie am rechten Flügel noch weiter zurückgebogen werden, als die rechte Nachbar-Division ihr Vorfeld räumte, und die Amerikaner versuchten, uns in die rechte Flanke zu kommen. Auch am 11. November vormittags setzten die Amerikaner ihre großen Angriffe gegen unsere ganze Front fort. Sie kamen wieder in dichten Haufen an, und wurden, ohne irgend einen Erfolg zu haben, durch unser Maschinengewehrfeuer zusammengeschossen. Was die Amerikaner damit bezweckten, war unklar, sie hatten an diesem Morgen noch ungeheure Verluste.
Mittags um 11.45 wurden bestimmungsgemäß die Feindseligkeiten eingestellt, der Waffenstillstand begann.
Das sollte das Ende des uns aufgezwungenen Krieges sein!
Am Abend des 11. November wurden die Truppen, um eine neutrale Zone zu schaffen, aus der Hauptwiederstandslinie weiter zurück genommen, nur das III. Infanterie-Regiment 69 blieb als Vorposten am Feinde, um weiteres Nachdrängen der Amerikaner zu verhindern.

Aus: Das Ehrenbuch der Rheinländer; Vaterländische Verlagsanstalt Oskar Hinderer

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