Die Osterschlacht in der Woëvre

Die Osterschlacht in der Woëvre 05. – 16. April 1915

Das Landwehr-Infanterie-Regiment 65 bei Maizeray

Die 5. Landwehr-Division hatte während des Winters 1914/15 in der Woëvre-Ebene einen Abschnitt von 18 km Länge, von Bussy an der nördlichen Straße Metz – Verdun bis Champlon – Saulx besetzt. Das Landwehr-Infanterie-Regiment 65 hatte den Abschnitt von Renesselbach im Norden bis zu der südlichen großen Straße Metz – Verdun, westlich Maizeray. Rechts schloß sich Landwehr-Infanterie-Regiment 25, links Landwehr-Infanterie-Regiment 36 an. Die feindlichen Gräben lagen ziemlich weit entfernt. Wenn die Tätigkeit der französischen Artillerie – die eigene Artillerie war sehr schwach und mußte mit der Munition aufs Äußerste sparen – auch nur selten aufhörte und täglich einzelne Grabenteile und Unterkünfte der Bereitschaft- und Reservetruppen beschossen wurden, so verlief der Winter doch im allgemeinen ruhig. Die französische Infanterie tat überhaupt nichts. Für unsere Infanterie waren größere Unternehmungen wegen der dünnen Besetzung des Abschnitts und dem gänzlichen Mangel an Reserven ausgeschlossen. Patrouillen zu andern als Erkundungszwecken wurden in dem überaus nassen Winter bald durch den vollständig versumpften und verschlammten zähen Boden unmöglich gemacht. Jede Bewegung im Gelände wurde aufs äußerste erschwert. Eine unbemerkte Annäherung gab es nicht. Die Infanterie mußte sich auf den Kampf mit dem Wetter, dem Wasser und dem zähen Boden beschränken. Sie war gezwungen, ihre ganze Kraft auf die Erhaltung und den Ausbau der Stellung zu verlegen. Es gelang aber nur mit Mühe, die kümmerlichen, kaum 1 m tiefen Gräben vor dem Einfallen und Zusammensinken zu bewahren. Des Wassers wurde man nicht Herr. Der groß angelegte Entwässerungsplan konnte in der nassen Jahreszeit nicht in Angriff genommen werden. Als beim Herannahen des Frühjahrs trockenes Wetter eintrat, mußte die erste Sorge auf die Verteidigungsfähigkeit gerichtet werden. Was schließlich zustande kam, machte äußerlich den Eindruck einer gewissen Stärke, entsprach diesem Eindruck aber nicht. Da man nicht in die Tiefe gehen konnte, war der einzige vorhandene Graben im Regimentsabschnitt an den meisten Stellen auf den Erdboden aufgesetzt. Stellenweise befand sich feindwärts ein breiter Damm von mehr als Mannshöhe ohne Graben. Rückenwehren fehlten ganz. Die Zahl der Unterstände reichte reichte für die geringe Besatzung in ruhigen Zeiten kaum aus. Kaum einer konnte als schußsicher gegen Feldartillerie bezeichnet werden. Die große Mehrzahl bot keinen Schutz gegen Infanteriegeschosse. Bei anhaltendem Regen wurde infolge der Beschaffenheit des Bodens alles butterweich. Man hatte aber guten Mut dabei und glaubte sich aufgrund des Maßes von fleißiger Arbeit und unermüdlicher Anstrengung zu der Anschauung berechtigt, daß etwas ganz Besonderes an Stärke und Sicherheit erreicht sei.

 

Woevre-Karte
Karte der Woevre-Ebene

 

Etwa Mitte Februar 1915 hatte die Ruhe ein Ende. Am 20. und 21. Februar probierte der Franzose zum ersten Mal in unserer Gegend, im Abschnitt der linken Nachbar-Division an der Combres-Höhe sein Trommelfeuer. Danach wurde erkennbar, daß er seine Artillerie dauernd verstärkte. Die Grabenbeschießungen nahmen zu, immer schwerere Kaliber wurden dabei und bei der Beschießung der Unterkünfte verwendet. Von Mitte März an machten die Franzosen die äußersten Anstregungen, die links von LIR 65 liegende Stellung der 14. Landwehr-Brigade, LIR 36 und LIR 66, bei Marcheville in die Hand zu bekommen. Am 18. und 27. März griff er dort unter ungeheurem Aufwand von Artillerie und Munition an, ohne viel zu erreichen. Fortgesetzt tobten dort die wildesten Kämpfe. Wochenlang mußte LIR 65 nachts dorthin Kompagnien zur Unterstützung und zur Wiederherstellung zerstörter Gräben stellen.

Ende März war das nahe Bevorstehen eines Großangriffes gewiß. Die Armee-Abteilung von Strantz verfügte über keine Reserven. Die 5. Landwehr-Division war in ihrer ausgedehnten Stellung auf sich alleine angewiesen. Eigene Artillerie besaß die Division nicht. Es standen ihr nur einige mit veralteten Geschützen bewaffnete, neu aufgestellte Batterien zur Verfügung. Trotzdem sah man mit ruhiger Entschlossenheit dem Angriff entgegen. „Hier kommt keiner durch!“ war der Grundgedanke der ganzen Stimmung.

 

Villers sous Pareid
Das Waschhaus in Villers-sous-Pareid

 

Am Ostermontag war die ganze Stellung des II./LIR 65 von 6./ und 7./ Kompanie besetzt. Die 5./ und 8./ stand in Bereitschaft in Pareid, das III./ Bataillon in Villers-sous-Pareid. Es war mildes Frostwetter mit etwas Nebel. Später herrschte das schönste Frühlingswetter. Von 10 Uhr morgens an beschoß die französische Artillerie die Stellung mit zunehmender Schärfe. Die 5./ und 8./ Kompanie, die bei Pareid Schanzarbeiten verrichteten, wurden alarmiert und rückten, wie sie gingen und standen, ohne Gepäck und Mütze, nur mit Waffen und Munition in Stellung. Dabei hatten sie, da Annäherungsgräben nicht vorhanden waren, über 1000 m offenes Gelände zu durchschreiten. Sie erreichten trotzdem die Stellung ohne Verluste. Als alle 4 Kompanien an ihren Plätzen in der Stellung standen, war diese in ihrem gefährdetsten Teil, nach der großen Straße am linken Flügel zu, viel zu dicht besetzt. Als später noch eine Kompanie LIR 36 hinzukam, stand fast Mann an Mann. Der Mangel an Artillerie hatte die starke Besetzung der Stellung veranlaßt. Gleich der erste Angriffstag gab die Lehre, daß eine schwächere Besetzung trotzdem besser gewesen wäre, obwohl jede Möglichkeit zur gedeckten Aufstellung von Unterstützungen in erreichbarer Nähe des Grabens fehlte. Eine zweite Stellung oder auch nur ein zweiter Graben war nicht vorhanden, das Gelände rückwärts der Stellung so baunlos und flach wie das Gelände feindwärts der Stellung. Gegen 1 Uhr setzte schlagartig das Trommelfeuer aus Geschützen aller Kaliber ein und hielt in furchtbarer Stärke über zwei Stunden an. Die Franzosen schossen mit einer Unmenge von Geschützen. Da unsere Stellung nur aus einem einzigen schmalen Graben bestand, brauchte das Feuer nicht nach der Tiefe verteilt werden. Es mußte mit seiner ganzen Wucht auf den Graben gerichtet werden. Auf der Grabensohle lagen die Wehrleute Mann an Mann, vielfach eng aneinander gepreßt und zum Teil übereinander. Es war im Winter mitgeteilt worden, daß es für die Artillerie sehr schwer sei, einen schmalen Graben im offenen Gelände zu treffen und daß, nach Versuchen unserer Artillerie, auf etwa 3000 Schuß ein treffer komme. Viel besser schoß die französische Artillerie jedenfalls nicht. Trotz des ungeheuren Munitionsaufwandes war die Zahl der verlustbringenden Grabentreffer gering. Große Teile des Grabens erhielten überhaupt keinen Treffer. Wo aber eine Granate in den Graben einschlug, war die Wirkung grauenhaft. Besonders stark beschossen wurde ein Grabenteil in dem zwei alte mit Kartätschen geladene Feldkanonen unter einem ehemaligen bayerischen Sergeanten von großer Kampflust in die Brustwehr eingebaut worden waren, ebenso die Gegend der nicht gerade geschickt eingebauten Maschinengewehre.

 

Villers sous Pareid
Deutscher Soldatenfriedhof in Villers-sous-Pareid

 

Gegen 3 Uhr wurde das französische Feuer weiter nach rückwärts vergelegt. Der von allen herbeigesehnte Infanterieangriff begann. Die französische Infanterie wurde auf etwa 800 m sichtbar. Der ganzen Art, wie sie herankam, konnte man ansehen, daß sie annahm, widerstandslos in eine zerschlagene Stellung voller Leichen, zu marschieren. Als sie, leider zu früh, Feuer erhielt, machte sie kehrt und das Trommelfeuer wurde von neuem auf den Graben gelegt. Danach trat die französische Infanterie zum zweiten Male zum Angriff an. Jetzt wurde der Angriff mit mehr Energie geführt. Die Grabenbesatzung ließ den Feind bis auf etwa 300 m herankommen und empfing ihn dann mit einem ruhigen Feuer. Zahlreiche Treffer waren zu beobachten, Stockungen und Unruhe beim Gegner zu erkennen. Der Bayer löste mit großem Getöse seine beiden Geschütze. Zwei Löcher waren in der feindlichen Linie zu erkennen. Lange hielt der Franzose das Feuer nicht aus. Nach kurzer Zeit wandte er sich zur Flucht und lief, was er laufen konnte. Dabei erlag noch mancher unserm Verfolgungsfeuer.

Weitere Infanterieangriffe unterblieben an diesem Tage. Das feindliche Artilleriefeuer ging in ein ruhiges Zerstörungsfeuer über und lag hauptsächlich auf dem Drahthindernis. Dieses wurde völlig zerstört und verschwand im Laufe der Schlacht, nachts wieder hergestellt, am folgenden Tage bald wieder im feindlichen Feuer. Die Verluste des Tages waren, wie sich jetzt übersehen ließ, schwer, aber im Verhältnis zu dem wahnsinnigen Trommelfeuer und seiner Dauer nicht übermäßig. Der Eindruck, den sie machten, war aber schlimm, weil sie sich auf einzelne Grabenteile zusammendrängten und die Toten und Verwundeten erst in der Nacht weggeschafft werden konnten. Die Nacht war ruhig, aber regnerisch und von schwärzester Dunkelheit. Trotzdem wurde der Graben notdürftig ausgebessert, besonders die stellenweise ganz verschwundene Brustwehr wieder hergestellt. Der 6. April verlief ähnlich wie der 5.: Stundenlanges Trommelfeuer, Infanterieangriff und Abweisung dieses Angriffs; ähnlich auch die folgenden Tage der Schlacht. Hartnäckig versuchte der Franzose immer wieder die Stellung zu nehmen. Hinein kam er micht. Nicht einmal in ihre Nähe.

 

Pareid
Kirche in Pareid

 

Am 09. April wurde II./L65 durch III./L65 abgelöst. Gleichzeitig traf bedeutende Artillerieverstärkung ein. Die Stellung wurde jetzt schwach besetzt. III./L65 schied noch eine Bereitschaft für das Dorf Pareid aus. II./L65 kam als Reserve nach Villers s.P. Danach wurde der Division vorübergehend das Reserve-Infanterie-Regiment 32 zur Verfügung gestellt. Landwehr-Infanterie-Regiment 65 erhielt für eine Stellungsperiode ein Bataillon dieses Regiments als Ersatz für sein im Priesterwalde kämpfendes I./ Bataillon. Von 16. April an flaute der französische Angriff ab. Die Franzosen beschäftigten sich noch ein paar Tage damit, ihre Artillerie in rätselhafter Weise auf unbesetzte Geländepunkte schießen zu lassen. Vom 20. April ab herrschte wieder Ruhe.
Der erste groß angelegte Angriff zur Durchbrechung der deutschen Front war abgeschlagen. Joffres zum Abkneifen des vorspringenden Stellungswinkels zwischen Maas und Mosel angesetzte Zange war schwer beschädigt abgeglitten. Eine der schwächsten Stellen der deutschen Front hatte siegreichen Widerstand geleistet. Zwei französische Armeekorps hatten den Divisionsabschnitt angegriffen. 29 Infanterieangriffe in 10 Tagen sind vom Divisionsstabe gezählt worden. Die Mehrzahl hatte den Abschnitt des Landwehr-Infanterie-Regiments 65 mitgetroffen. Nach aufgefundenen Briefen und Befehlen war den Franzosen gesagt worden, es gelte nur einige elende Landwehrtruppen ohne moralischen Halt und ohne Reserven zu überrennen, dann sei der Weg nach Metz und Deutschland frei. Wessen sie sich von den „elenden“ Landwehrtruppen zu versehen hatten und wie das Überrennen ausgehen würde, wußten sie jetzt.

 

 

Das Landwehr-Infanterie-Regiment 25 bei Marchéville

Am 05. April lag 5 – 6 Uhr morgens und 9 – 12 Uhr vormittags sehr heftiges Artilleriefeuer auf Stellung, Gräben und Hindernissen des Regiments. Um 1 Uhr nachmittags steigerte sich das Feuer vor allem gegen den Wald von Pareid. 4 Uhr nachmittags begann der Infanterieangriff in 4 Wellen. Der Feind wurde auf der ganzen Linie mit Artillerie-, Infanterie- und Maschinengewehrfeuer überschüttet und teilweise kurz von den Hindernissen zusammengeschossen. Er ging teils mit großen Verlusten bis an den Waldrand zurück, teils grub er sich auf 150 m Entfernung vor den deutschen Gräben ein.
An keiner Stelle war ihm im Abschnitt des Regiments gelungen, die deutschen Hindernisse zu erreichen. Die 2./ Kompagnie machte nach Eintritt der Dunkelheit vor dem Hindernis 22 Gefangene. Die Nacht verlief verhältnismäßig ruhig. Nur auf den Anmarschwegen und Ortschaften lag schweres Artilleriefeuer. Zur Verstärkung wurde III./L36 im Regimentsabschnitt eingesetzt.
In der Frühe des 6. April wurden 2 Pioniere gefangen genommen, die gerade im Begriff waren, mit Melinit eine Gasse in das Hindernis zu sprengen. Von 11 Uhr ab lag wieder bis zum späten Nachmittag heftiges Artilleriefeuer wie tags zuvor auf den deutschen Stellungen. Um 7 Uhr abends erfolgte ein neuer Angriff gegen Höhe 209, der aber wiederum im Feuer zusammenbrach, von den Franzosen aber nach nochmaligem sehr starken Artilleriefeuer wiederholt wurde. Wiederum gelang es, den Feind am Hindernis durch Maschinengewehrfeuer zusammenzuschießen. Die Nacht verlief ruhig. Schweres Feuer lag auf den Ortschaften des Hintergeländes und den Abmarschwegen. Auf deutscher Seite wurde eifrigst an der zerschossenen Stellung gearbeitet.

 

Marcheville
Unterstand aus Bahnschwellen im Marchéville

 

Am vierten Tag der feindlichen Offensive blieb es bei einer sehr heftigen Beschießung der Stellung und der Ornebrücke in Buzy. Der anscheinend geplante Infanterieangriff wurde durch Artilleriefeuer verhindert.
Da der Feind auch an den anderen Angriffsfronten nur örtliche Erfolge ohne Bedeutung errungen hatte, stellte er am 14. April die Offensive ein. Am 15. April erfolgte nur noch schwaches Feuer gegen die Stellungen des Regiments und den Wald von Pareid. In der Nacht wurde das Regiment durch RIR32 abgelöst und in Ruhequartiere zurückgenommen.
Das Ergebnis der feindlichen Artillerietätigkeit war: Hindernisse teilweise völlig beseitigt, Gräben teilweise völlig eingeebnet, die nicht schußsicheren Unterstände fast sämtlich eingeschossen, zum Teil auch die bisher als schußsicher angesprochenen.
Die Verluste des Regiments seit Beginn der Offensive betrugen: 2 Offiziere (Leutnant Albicht und Haase), 94 Unteroffiziere und Mannschaften gefallen, 9 Offiziere und 300 Unteroffiziere und Mannschaften verwundet.

 

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