Die Garibaldianer in den Argonnen

Die Garibaldi Brüder
Die Garibaldianer – Italienische Freiwillige in den Argonnen

 

Nach Bekanntgabe der Mobilmachung in Frankreich – 01. August 1914 – meldeten sich viele Freiwillige aus unzähligen Ländern, um an der Seite Frankreichs für die Freiheit in den Krieg ziehen. In der damaligen Zeit lebten zahlreiche Italiener in Paris. Sie trafen sich im Café du Globe und wollten ein Freiwilligen Korps nach dem Vorbild Guiseppe Garibaldis ausrufen.

Guiseppe Garibaldi führte 1860 eine Heer von Freiwilligen, die sogenannten Rothemden, nach Sizilien, um es von der spanischen Herrschaft zu befreien. Im Deutsch/Französischen Krieg von 1870/71 führte er ein italienisches Freiwilligenkorps an der Seite Frankreichs.

Am 26. August zogen mehrere Tausend italienische Freiwillige mit der italienischen und französischen Fahne durch Paris. Die Enkel des italienischen Freiheitskämpfers, Guiseppe Garibaldi, beschlossen die französische Republik zu unterstützen.

Da Italien sich zu Beginn des Konflikts für neutral erklärt hatte, blieb den italienischen Freiwilligen nur die Möglichkeit in die Fremdenlegion einzutreten. Am 05. November 1914 wurde das 4. Marsch-Regiment (Fremdenregiment) der Fremdenlegion unter dem Kommando von Lieutenant-Colonel Guiseppe Garibaldi aufgestellt. Ihm zur Seite stand ein französischer Kommandant als Stellvertreter, Duplat de Garat. Es wurden drei Bataillone mit vier Kompanien aufgestellt. Jede Kompanie wurde durch einen Capitain geführt, ihm standen zwei Lieutenants – ein Franzose und ein Italiener – als Kompanie-Offiziere zur Seite.

Das Regiment verlegte am 17. Dezember 1914 in die Argonnen. Das I. Bataillon bezog Quartier in Neufour, das II. in Florent-en-Argonne und das III. in Claon.

 

Garibaldi

Folgende Übersetzung wurde der Revue „Conaissance de la Meuse“ entnommen:

Schnee bedeckte den Boden. Am Morgen des 24. Dezember lieh der Capitain Perchepain sein Pferd dem Lieutnant Duchier. Dieser war verantwortlich für die Versorgung und beauftragt, mit einem Maultier nach Les Islettes zu reiten, um das Weihnachtsfest zu organisieren. Die Freude war nur von kurzer Dauer. Gegen 18 Uhr, vor Ankunft der Weihnachtsgaben, kam der Befehl sich beim Forsthaus abmarschbereit zu sammeln. „Auf Wiedersehen bis Sylvester“. Aber es ist noch nicht alles verloren. Französische Pioniere, einquartiert in Claon, waren die glücklichen Empfänger.

Mit hungrigem Magen wenden sich die Garibaldianer nach Lachalade und steigen auf das Plateau. Der Befehl zum Angriff wurde verschoben, der 25. Dezember muss organisiert werden. Traurige Weihnachten in Aussicht. Sich über das Verbot des Feuer machen hinwegsetzend, verteilt der Capitaine Ricciotti Garibaldi einen „Trank“ an seine Männer, die durch die Kälte durchgefroren, diesen freudig entgegennehmen.

Am 26. Dezember kommt der Befehl zum Abmarsch. Das I. und II. Bataillon bilden die Angriffsspitze, das III. bleibt in Reserve, mit Ausnahme von Sous-Lieutnant Bruno Garibaldi, der, mit Erlaubnis seines Bruders Lieutenant-Colonel Guiseppe (Peppino) Garibaldi am Angriff teilnimmt. Die Truppe steigt auf das Plateau der Bolante unter dem ständigen Granatfeuer der französischen und deutschen Artillerie. Die Kampf tobt im hohen Schlamm, der mit einer dunklen Schicht Lebende, Verwundete und Tode bedeckt.
Lieutnant Trombetta ist unter den ersten Gefallenen, wie auch der Adjudat-Chef Borgnis und der Trompeter Gallo. Mit Sonnenuntergang enden die Kämpfe. Trauriges Sammeln am Pierre Croisée (einige Hundert Meter von der Haute Chevauchée entfernt). Die Bilanz: zwei fehlgeschlagene Angriffe ohne Artillerievorbereitung, die deutschen Gräben waren durch ein dichtes Gewirr aus Stacheldraht geschützt.
4 Offiziere und 44 Mann tot, die meisten im Stacheldraht gefallen, 112 Verwundete. Eine tragische Bilanz für die Feuertaufe der Garibaldianer, die einen ihrer hochgeschätzten Führer betrauern: Bruno Garibaldi, ein junger Offizier von 26 Jahren, hochgewachsen, von athletischer Figur, mit ausgezeichneten Kenntnissen der französischen Armee.

Die Umstände seines Todes verdienen eine detaillierte Betrachtung.
Zu Beginn des Angriffs bei Morgengrauen wurde Bruno Garibaldi am Arm durch eine Kugel verwundet. Nachdem er sich selbst notdürftig verbunden hatte, nahm er seinen Platz an der Spitze seines Zuges wieder ein. Seine Leute zum Sturm des feindlichen Grabens mitreissend, wurde er von zwei Kugeln getroffen. Seine Begleiter legten ihn wegen des hohen Blutverlusts an einen Baumstamm. Dort flüsterte er einem seiner Begleiter, dem Soldat Oretti, mit letzter Kraft zu: „Umarme meine Brüder für mich!“ Seine Leiche blieb noch zwei Tage und Nächte im Schlamm liegen, erst dann gelang es sie zurück zu bringen. Bis dahin führten die Suche nach ihr nur zu weiteren Toten.

In der Nacht vom 27. auf den 28. Dezember gelang es mehreren freiwilligen Garibaldianern sie nach hinten zu bringen. Man musste eine Sappe auf sie zu graben und der jüngste Corporal (Salgemma), bekam die Ehre seinen toten Zugführer zu holen. Eine 3/4 Stunde lang zog er, ständig auf der Hut, den Leichnam auf seinem Rücken zurück zu den eigenen Leuten. Diese deckten einige Dutzend Meter entfernt, die Rückkehr von Corporal Salgemma. Henry-Jacques Hardouin erzählte: Während dieser letzten Rückkehr zu den französischen Linien bekam Bruno Garibaldi noch mehrere Kopftreffer ab.

General Gouraud, Kommandeur der französischen 10. Infanterie-Division, von den Garibaldianern in seinem Bereich unterstützt, gedachte den toten Italienern anlässlich des Begräbnisses von Bruno Garibaldi. Dieser wurde zunächst provisorisch neben seinen gefallenen Kameraden am Friedhof de la Forestière in Lachalade beigesetzt. Einige Tage später wurde sein Sarg in Begleitung zweier seiner Brüder, Ezio und Sante, zum Bahnhof nach St, Ménéhould gebracht. Ein Transportzug brachte ihn nach Italien. Der Zug hielt an der französisch/italienischen Grenze wie auch in allen größeren italienischen Städten. Eine Bronzeplatte auf dem Sarg trug die Inschrift: „Lieutenant Bruno Garibaldi, gefallen am Feind“.

Am 06. Januar 1915 strömte eine unüberschaubare Menschenmenge in Rom vor seinen sterblichen Überresten zusammen, um von ihm Abschied zu nehmen. In der Abenddämmerung marschierte der Trauerzug zum Friedhof Campo Verano, auf dem sich die Familiengruft der Familie Garibaldi befindet.

Der alte General Ricciotti Garibaldi, der nichts von seinem Schmerz nach außen dringen ließ, sprach, in dem Moment wo sich der Sarg ins Grab hinabsenkte, folgende Worte, als ihn ein Telegramm mit der traurigen Neuigkeit vom Tod seines Sohnes Constantin erreichte. „Geh Bruno, ich grüße dich mit Stolz als Vater und Italiener, da du für die Pflicht gefallen bist. Aber du bleibst nicht alleine, dein Bruder wird dich bald begleiten….Italien wird dich rächen!“

Dann ertönten Rufe aus der wütenden Menge: „Hoch lebe Garibaldi! Nieder mit Österreich! Nieder mit Deutschland! Krieg! Krieg!“.

Zurück in den Argonnen, wo es sich die Italiener, mit Einfallsreichtum und ihrem Ruf als Baumeister, in den Unterständen gemütlich gemacht hatten, um dem rauen Winterwetter 1914-1915 zu trotzen. Trotz des Windes, des Regens, der Eiseskälte, verging der 01. Januar nicht unbeachtet; warme Kleidung, Lebensmittel in Hülle und Fülle, Champagner, Zigarren… Es ist fast fröhlich, trotz des Artilleriefeuers, welches das Fest ein wenig störte und einige Schäden verursachte. Diese wurden in aller Eile repariert. Der französische Kommandeur war nicht untätig. Er bereitete, ohne das Wissen des Feindes, einen neuen Angriff für den 05. Januar vor. Die französischen Pioniere trieben Minen-Stollen unter die deutschen Linien im Courtes-Chausses-Tal und luden sie. Der Angriffsbefehl kam am 04. Januar 1915. Das II. Bataillon der Garibaldianer sollte bei La Harazée einen Ablenkungsangriff starten, damit der Gegner dort seine rückwärtigen Bereiche schützte. Gleichzeitig sollten 1./ und 3./ Kompanie des I. und III. Bataillons angreifen, während 2./ und 4./ Kompanie zur Unterstützung vorgesehen waren. Die Gräben waren, von den Deutschen nicht einzusehen, durch das 76. und 46. französische Infanterie-Regiment besetzt worden. Die Garibaldianer mussten sie auf Stegen aus Brettern durchqueren.

Ihrer Fehler vom 26. Dezember bewusst, die sie im Eifer begangen hatten, wie sich mit aller Rücksichtslosigkeit in die feindlichen Gräben zu stürzen, was schließlich zu einem Massaker führte, wurde diesmal ein Plan bis ins Detail vom Stab des 331. Französischen Infanterie-Regiment ausgearbeitet. Am Morgen des 06. Januar, warf, nach heftigem Artillerie Beschuss, eine für die Zeit gewaltige Explosion von 3000 kg Sprengstoff einen Berg von Steinen, Eisen und gar Menschen in alle Richtungen. Die Hörner bliesen zum Angriff. Die erste feindliche Linie fiel sofort, bald darauf die weite und wenig später die dritte. 600 m Geländegewinn wurden vom Gegner gewonnen. Die Bilanz war imposant: 120 Gefangene (eine vollständige Kompanie), 3 Offiziere, 12 Unteroffiziere, mehrere Maschinen-Gewehre mit Munition! Aber zu welchem Preis: 125 Garibaldianer waren tot oder vermisst und 172 verwundet. Unter den Toten war auch Adjutant-Chef Constantin Garibaldi…

Eine letzte Anstrengung erwartete die Überleben der Garibaldi Legion, erschüttert durch die Kämpfe vom 26. Dezember und 06. Januar im Meurissons-Tal, zwischen dem Four de Paris und dem Plateau der Bolante gelegen. Die deutsche Artillerie trat in Aktion, bald gefolgt von einem Ansturm auf die französischen Linien. General Gouraud appellierte an Colonel Peppini Garibaldi, welcher antwortete:“ Wir sind bereit.“ Die Garibaldianer sammelten sich am Pierre Croisée, stiegen dann in den Meurissons-Grund hinab, wo der Befehl ausgegeben wurde: „Bajonette pflanzt auf, vorwärts!“. Dann begann ein Kampf mit der blanken Waffe im Halbdunkel eines Wintermorgens. Ein letztes Mal knöpfen die Garibaldianer ihren Mantel auf, damit das rote Hemd herausleuchtet und gehen zum Gegengriff vor, mehr als 600 Patronen pro Mann abfeuernd. Das Vordringen des Gegners wurde ohne Geländeverlust gestoppt. 15 Tote, 42 Vermisste, 54 Verwundete. Damit war dies der letzte tödliche Kampf für die Garibaldianer, die damit den Adelsbrief erhalten.

 Gaston Huet war unter den Gefallenen, ein Tod jedoch wie kein anderer! Er war erst 13 Jahre alt. Er war ein bißchen das Maskottchen des Regiments. Man begrub ihn auf dem Friedhof de la Forestière, an der Seite von Lieutenant-Mitrailleur Cristini (dem ehemaligen Trainer des berühmten Boxers Georges Carpentier). Einige Tage später wurden die gesunden Männer nach Clermont en Argonne zur Ruhe in eine große Scheune geschickt.

Friedhof La Forestière
Friedhof La Forestière

Am 10. März wurde befohlen das 4. Marsch-Regiment (Fremdenregiment) der Fremdenlegion aufzulösen. Einige Garibaldianer blieben in der Fremdenlegion. Die andern kehrten nach Italien zurück und traten zum 52. italienischen Alpini-Regiment.

Aus dem Französischem übersetzt von Micha. Danke auch an Mikaël für die Bilder.

 

 

In den deutschen Regimentsgeschichten wird folgendes erwähnt.

Das Infanterie-Regiment Nr. 135 schreibt zum Januar 1915:

Am 02. Januar meldete der Führer der 7. Kompanie, Lt. Berendt, dass der Gegner an der Südwestecke unserer Front eine lebhafte Tätigkeit entfalte und einen Minenstollen gegen den Unteroffizierposten der 7. Kp. vortreibe. Die Pioniere hielten diese Arbeiten vorerst nicht für gefahrdrohend und wollten in den nächsten Tagen Gegenmaßnahmen treffen. Doch der Feind sollte uns zuvorkommen.

Als der trübe Morgen des 05. Januar kaum die Nacht verdrängt hatte, brach plötzlich der Orkan los. Um 07 Uhr früh eröffnete der Feind aus 40 Rohren (nach französischen Angaben) ein Feuer von noch nie dagewesener Heftigkeit. Unser erstes Trommelfeuer brauste hernieder, bei dem Abschüsse und Einschläge nicht mehr zu unterscheiden waren.

Ein Artilleriefeuer von bisher noch nicht erlebter Heftigkeit erfolgte von französischer Seite her. Das Heulen und Bersten unzähliger Granaten, das dröhnende Hallen nicht mehr zu zählender Abschüsse, das Krachen umstürzender Waldriesen, Geschrei von Menschen, Knattern von Infanteriefeuer, ergaben ein förmliches Höllenkonzert. Unser Unterstand wankte in allen Fugen. Wortlos griffen wir nach Koppel und Pistole und machten uns zum Gefecht fertig. Ich versuchte zu telefonieren, aber weder zum Regiment, noch zu den Kompanien war eine Verbindung zu bekommen. Dann öffneten wir die Tür des Unterstandes, um hinauszugehen. Vor der Tür, im Verbindungsgraben zum Unterstand der Meldegänger, lag unser braver Müller von der 12. Kp tot, durch Granatsplitter getroffen. Im selben Augenblick kamen die übrigen Meldegänger mit den Telefonisten in unseren Unterstand gestürzt, da der ihrige mehrere Treffer erhalten hatte, von denen einer das Dach durchschlagen und in den Unterstand hineingefahren war. Gottlob war es ein Blindgänger. Der kurze Überblick, der sich uns beim Öffnen der Tür bot, zeigte ein furchtbares Bild der Verwüstung. Der schöne grüne Wald, um dessen Erhaltung wir uns so bemüht hatten, war förmlich abrasiert. Sämtliche Unterstände in unserer Nähe waren eingeschossen. Wie ich in Eile feststellen konnte, hatte unser Dach mindestens zehn Treffer erhalten und da gerade die französische Artillerie eine Feuerpause einlegte, so faßten wir den Entschluß, in die Reservestellung der 9. Kompanie zu eilen, um dort, falls der Franzose angriffe, zur Stelle zu sein. Im gleichen Augenblick kam schreiend und vollkommen außer Atem mit verzerrten Gesichtszügen unser trefflicher Artilleriebeobachter, der Wachtmeister Schäfer, angelaufen. Wir stärkten ihn durch einen Schnaps und eine Zigarette und während der nächsten Feuerpause benutzte er die Gelegenheit, nach rückwärts zu laufen, um von irgendeiner Stelle aus die Verbindung mit seiner Batterie aufzunehmen. Tatsächlich gelang ihm dies auch und nach einiger Zeit griff endlich unsere Artillerie in das Gefecht ein. Wir selbst rafften unsere Sachen zusammen und eilten zur 9. Kp. Diese selbst stand bereits fertig zum Gefecht in ihrer Stellung und der Kompanieführer, der treffsichere Michelmann, glaubte, als er uns sah, wir kämen aus einer anderen Welt. Niemand hatte damit gerechnet, dass wir die stundenlange, wüste Beschießung überstanden hätten.  (Bericht des Lt. Lettow)

Was hatte sich inzwischen ereignet? Seit 7 Uhr früh lastete besonders schweres Feuer auf den Gräben der 3./Landwehr-Infanterie-Regiment 27, der 7./, 4./ und 3./135. Unter den Einschlägen der Granaten sanken die mühsam angelegten Stellungen dieser Kompanien in Trümmer. Die Deckungen und Schulterwehren wurden eingerissen. Untätig mussten die Verteidiger das Feuer über sich ergehen lassen und erwarteten nur den Augenblick, der die Franzosen ihrer blanken Waffe ausliefern würde. Gegen 08.30 Uhr flogen bei der Landwehr und bei der 7. Kp Grabenteile in die Luft. Die herabfallenden Erdmassen verschütteten die bis jetzt ausgeharrten Kämpfer. Der Gegner griff mit wüstem Geschrei in dichten Kolonnen an und stieß durch die entstandenen Lücken energisch vor. Der Durchbruch gelang zunächst bei der Landwehr und bei der 7. Kp. Dagegen schlug die 4. Kp. den Angriff ab. Auch bei der 3. Kp., deren linke Grabenhälfte zerstört und deshalb vorzeitig geräumt werden musste, drangen die Feinde überraschend ein und versuchten, den noch verteidigten Rest der Stallung nach rechts mit Handgranaten aufzurollen.

Demnach hatte der Gegner den Angriff nur auf einem schmalen Streifen mit großer Tiefengliederung angesetzt (drei Bataillone auf etwa 600m). Es lag offenbar die Absicht vor, nach dem Überrennen der ersten Stellung sich links und rechts zu entfalten, bis zum Meurisson-Grund durchzustoßen und damit die auf der Bolante liegenden Kompanien abzuschneiden. Dadurch wurden gleichzeitig unsere Linien auf dem Barricade-Rücken, nörlich der Strasse unhaltbar.

Dichte Kolonnen des Feindes übefluteten die Einbruchstellen, um die Reserven zu überwältigen. Deshalb musste unverzüglich der Gegenangriff eingeleitet werden. Sofort schritten die Stellungskompanien mit eigenen Kräften und Mitteln zur Abwehr und versuchten, den hinter die Front gelangten Feind zu vernichten und die verlorenen Gräben wiederzugewinnen. Lt. Berendt, der den Rest seiner zusammengeschossenen oder verschütteten 7. Kp rasch hinter der Stellung sammelte, fasste den am linken Flügel durchgebrochenen Gegner in der Flanke und, unterstützt durch einen Reservezug der 6./ LIR 83 unter Hauptmann d.L. Kühnemann, gelang es diesen beiden tatkräftigen Führern, die rechtzeitig die große Gefahr erkannt hatten, den Feind nicht nur aufzuhalten, sondern restlos zu vernichten. Teile der 1. und 4. Kompanie eilten ihren bedrängten Kameraden durch das Sperrfeuer zu Hilfe. Energisch vorgeführt, füllten sie die schwachen Reihen der Verteidiger und bald war der größte Teil der verlorenen Stellung wieder fest in unserer Hand. Hierbei zeichneten sich, außer den schon bereits Erwähnten, Oberleutnant d. R. Landschütz, Lt. d. R. Wagner (Adolf) und Vizefeldwebel Unger (4. Kp) neben vielen Unteroffizieren und Mannschaften ganz besonders aus. Der Gefreite Eisenberger (Maschinengewehr-Abteilung), dessen Gewehr bei der 7. Kp in Stellung war, zerschlug beim Herannahen der Feinde seine schon vorger beschädigte Waffe, nachdem er Zuführer und Reserveschlösser entfernt hatte. Die Gefahr war aber bald an dieser Stelle gebannt.

Ebenso schwer wurde bei der 3. Kp gerungen. Die linke Grabenhälfte musste wegen des feindlichen Feuers vorübergehend geräumt und konnte im Augenblick des feindlichen Angriffs nicht rechtzeitig genug wieder besetzt werden. Der Gegner nistete sich hier ein und versuchte, den Rest des Grabens aufzurollen. Weil unsere Handgranaten verschüttet waren, konnte die Abwehr nur mit der Schußwaffe erfolgen.  Die ersten Eindringlinge schoß Lt. d. L. Deventer mit der Pistole nieder. Neue Angreifer stürmten nach und wurden von den tapferen Angreifern rasch überwältigt, die nun ihrerseits zum Gegenangriff schritten. Bei der Abwehr und bei der Wiedereroberung des Grabens zeigten sich die Leutnante d. R. Beyer und Goecke, Offz.Stellv. Zang, Uffz. Prozell und Gefr. Rothkegel (MGK) als einsatzbereite Soldaten. Es gelang hier jedoch nicht, den Feind vollständig aus der Stellung zu vertreiben.

Die nach Osten vorstürmenden Gegner traf unerwartet der Gegenstoß unserer Bereitschaften. Unter der zielbewußten Leitung energischer Führer, u.a. Lt. d. R. Fromme (Ernst), wurde der Feind mit der blanken Waffe angegriffen. Mit Erbitterung und Heftigkeit wurde gerungen, so dass 300 tote Angreifer den Waldboden deckten. Nur 10 Gefangene blieben in unserer Hand.

Zu unserer großen Überraschung waren es Garibaldianer. Ihr Führer war Peppino Garibaldi, ein Nachkomme von Riciotti Garibaldi, der 1870 ebenfalls den Franzosen ein Freikorps zuführte. Am 05. Januar fand ein Constantin Garibaldi den Tod.

Unser fünf am Kampf beteiligten Kompanien sowie die 3./Landwehr 27 und die 6./Landwehr 83 hatten ihr Überlegenheit gegen einen weit stärkeren Feind bewiesen, dessen Angriff durch eine nach damaligen Begriffen mächtige Artillerie unterstützt wurde. Der Kronprinz ließ dem Regiment seine besondere Anerkennung aussprechen. In Teilnehmerberichten werden Hptm. Brode (III/135) und sein Adjutant, Lt. Lettow, sowie die bei ihnen befindlichen Melder Hüsgen und Müller besonders genannt. Letzterer fiel an diesem Tag.

Das I. Btl. und die 7. Kp. beklagten den Verlust von 30 Toten, 32 Verwundeteten und 98 Vermißten. Die 7. Kp. verlor alleine 101 Unteroffiziere und Mannschaften. Tot waren u.a. Olt. d. R. Landschütz, Lts. d. R. Bergner und Breyer.

Die Verluste der Garibaldianer wurden nach italienischen Zeitungsmeldungenmit 340 Toten und Verwundeten angegeben.

Den ganzen Tag über hielt das feindliche Feuer noch an. In den Abendstunden versuchte der Gegner noch einzelne Gegenstöße, die restlos abgewiesen werden konnten. Eine kalte Nacht warf ihre Schatten auf die blutige Wallstatt in deren feuchten Nebeln die Rufe und Klagen der Verwundeten dumpf verhallten.

Hören wir nun zum Abschluß eine Zeitungsmeldung aus dem gegnerischen Lager.

Nach dem „Corriere della Sera“ waren beim Sturm der Garibaldianer auf die deutschen Schützengräben im Argonnerwald das I. und III. Bataillon des italienischen Regiments beteiligt, während das II. Bataillon etwa 2 km links bei Le Claon in Reserve blieb und erst später, als der deutsche Gegenangriff erfolgte, in Aktion trat. Der vorderste deutsche Schützengraben, vom französischen nur 60 m entfernt, war von den Franzosen untergraben und in die Minen 1200 kg Dynamit gebracht worden. Um 06.25 Uhr vormittags französischer Zeit erfolgte der Signalschuß und zehn Minuten später flog der deutsche Graben in die Luft, und gleichzeitig erfolgte aus 40 Kanonen ein furchtbares Feuer auf die rückwärtigen deutschen Stellungen, um den Zugang von Verstärkungen zu verhindern.

So vorbereitet, erfolgte der Sturm, und der erste Schützengraben wurde genommen. In demselben fand man zwei zerschmetterte Maschinengewehre und machte die ersten Gefangenen, jedenfalls nur Verwundete.
Auch der Sturm auf den zweiten, 20m weiter gelegenen Graben gelang, ebenso der auf den 80m weiter entfernten. Plötzlich, etwa um 10 Uhr (franz. Zeit), erfolgte ein heftiger deutscher Gegenangriff mit dem Bajonett auf das in Reserve stehende II. Btl. Das Bataillon hatte einen Verlust von 30 Mann und musste weichen, und auch der dritte eroberte Schützengraben mußte aufgegeben werden, wobei die Garibaldianer große Verluste erlitten. Im ganzen geben sie ihre Verluste auf 340 Mann an Toten und Verwundeten an und haben angeblich 250 Gefangene gemacht. Das Regiment ist so geschwächt, dass es aus der Feuerlinie zurückgezogen werden mußte und fürs erste an keinem weiteren Kampf teilnehmen wird.

Die vom Angriff betroffenen Kompanien werden in der Frühe des 07. Januar vom I.R. 98 abgelöst und rückten nach Varennes in Ortsunterkunft.

Das Landwehr Infanterie Regiment 83 schreibt:

Am 05.01.1915 unternahm der Franzose gegenüber Four de Paris einen energischen Vorstoß gegen den linken Flügel der 144er und besonders vom Courtes Chausses-Tal aus, gegen die 135er. Angreifer waren, außer Teilen des 1. Fremdenregiments, Garibaldianer. Über den Angriff des durch Oberst Garibaldi geführten Regiments, das aus italienischen Freiwilligen bestand, und von ihm der französischen Regierung zur Verfügung gestellt worden war, berichtet Capitaine Maribini in seinem Buche „Les garibaldiens de l’Argonne“ folgendes:

„Am 21.12.1914 begrüßte General Gérard, der Kommandeur des II. französischen Korps, die Offiziere des eben eingetroffenen Regiments in Grange aux Bois. Das Regiment erregt bei den französischen Soldaten Aufsehen, denn Knaben von 15 Jahren marschieren Seite an Seite mit Männern in schneeweißen Haaren. Das Regiment marschiert von Grange durch Les Islettes, dann durch das Tal der Biesme hinab. Bei Claon verläßt es das Tal, marschiert zur Römerstraße und erreicht auf ihr La Pierre-Croisée im Bois de Bolante (etwas südlich Höhe 285). Hier erhält das II. Bataillon seine Feuertaufe. Ein Angriff auf die deutsche Stellung mißlingt unter schweren Verlusten. Unter den Gefallenen befindet sich Bruno Garibaldi. Nach ein paar Ruhetagen in Claon wird das Regiment gegen das Frontstück gegenüber Four de Paris zum Angriff angesetzt. Während das I. Bataillon an der Varenner Straße einen Scheinangriff unternimmt, soll der Hauptangriff vom Courtes Chausses-Tal aus erfolgen. Das II. Bataillon marschiert Florent, Vienne la Ville, Vienne le Château, la Harazée, wo es am 04.01. abends unter strömenden Regen erschöpft ankommt. Der Angriff misslingt unter bedeutenden Verlusten. Im Courtes Chausses-Tal, wo I. und III. Bataillon angreifen, sind acht 45 bis 50 m lange Minenstollen vorgetrieben, die mit 2900 kg Pulver geladen sind. All deutschen Gräben der 1. Linie sollten auf ein gegebenes Zeichen in die Luft fliegen. Peppino Garibaldi, „der beinah sein ganzes Leben in Bergwerken zugebracht hatte“, hat den Plan dieses Unternehmens mit dem Kommandeuren der Pioniere und der Artillerie ausgearbeitet. Der Angriff soll bei Anbruch des Tages zwischen 06.00 und 07.00 stattfinden. Die beiden Bataillone verlassen um 02.00 früh La Maison Forestière, gegen 03.00 kommen sie durch La Chalade. Hinter diesem Dorfe marschierte die Truppe etwa 2 km weit auf der Straße nach Harazée, dann kletterte sie halbrechts durch das Dickicht eines alten Fichtenwaldes und gelangt auf das Plateau der Bolante. Es fällt feiner, eiskalter Regen. Um den Körper zu erwärmen und die Lebensgeister zu erwecken, wird Schnaps verteilt. Punkt 06.00 werden alle Uhren der Infanterie, Artillerie und Pioniere mit Hilfe des Telefons gleichgestellt. Es ist 10 Minuten vor 07.00. Das trübe Wetter versperrt die Aussicht. Die Umrisse der Bäume gegenüber auf dem vom Feinde besetzten Hügel sind kaum zu erkennen. Da steigt eine Rakete hoch. Einige Minuten verfließen, da fliegen die 8 Minen nacheinander in die Luft. Die Wirkung ist furchtbar, der ganze Hügel scheint zerspringen und einstürzen zu wollen: Ein dumpfes Dröhnen, Flammen schießen hoch, Wolken von shwarzem Rauch, ungeheuer große Steine werden in die Luft geschleudert. Im demselben Augenblick speien 40 Geschütze ihr Feuer und schleudern ihr Eisen auf die deutschen Verschanzungen. Auf beiden Flügeln wüten die Maschinengewehre. Nun bricht auch das deutsche Gewehrfeuer los. Aber wer kann den sich vorstürzenden garibaldischen Abteilungen Widerstand leisten? Die Hörner schmettern, die Tamboure schlagen den Sturmmarsch, die 8 Kompanien stürzen sich wie ein Mann auf den feindlichen Graben. Der 1. Graben ist schnell genommen, die paar Deutschen, die Widerstand leisten, werden getötet oder gefangen genommen. Ein neues Sammeln – und der 2., dann der 3. Graben werden unter heftigem Kampf genommen. Die Gefangenen sind zum Teil junge Leute, zum Teil Leute mit langen verwilderten Bärten. Sie gehören dem I.R. 135, 28 und 27 an und sind meist Pommern.

Der Sturm hat nicht länger als 1 Stunde gedauert. 7 Offiziere, 6 Unteroffiziere, 35 Soldaten tot; 3 Offiziere, 26 Unteroffiziere, 126 Mannschaften verwundet; 4 Unteroffiziere und 73 Soldaten vermisst.“

In einem Bericht des I.R. 135 an die 67. Infanterie Brigade heisst es indessen: „Vor der Front der 7./ und 4./ IR 135 liegen über 100 französische Gefallene.“ Unter den Gefallenen befand sich Constantin Garibaldi, dessen Leiche von seinen Landsleuten geborgen werden konnte.

Der Hauptangriff der Garibaldianer traf die 7./135 an der Südwestecke der Stellung des Regiments. Es gelang dem Angreifer, in die Stellung einzudringen, nachdem er den unterminierten Graben in die Luft gesprengt hatte. Unsere 5./ und 6./ Kompanie traf der erwähnte Scheinangriff. Die Gräben dieser beiden Kompanien lagen während des Angriffs unter schwerem feindlichen Artilleriefeuer. Besonders stark hatte die 5./ Kompanie zu leiden, die nur etwa 100m von 7./135 entfernt lag. Auch ihre nicht in Stellung befindlichen Mannschaften, die am Waldessaume vor dem Lager in Reserve lagen, waren stundenlang dem feindlichen Artilleriefeuer ausgesetzt. Trotz des starken Feuers hatte die Kompanie nur 2 Mann Verluste. Die 6./Kompanie wurde um 08.45, als das Feuer, das seit 1 Stunde auf dem Lager gelegen hatte, aufhörte, alarmierte und erhielt den Befehl , die Stellungen der 7./ IR 135 und 4./ IR135 zu verstärken. Hauptmann Kühnemann rückte mit den Mannschaften, die zuerst zur Stelle waren – etwa 1 Halbzug – sofort zur Stellung 7./ 135. Auf dem Weg sammelte er die aus dem Graben gedrängten 135er und ging mit ihnen zusammen zum Angriff gegen den verloren gegangenen Graben vor. Der Gegner, der sich in ihm festgesetzt hatte, wurde vernichtet oder gefangen genommen, der Graben wieder besetzt. Versuche des Gegners, der in starker Übermacht war, den Graben wieder zu nehmen, mißlangen. Gegen 03 Uhr nachmittags trat Ruhe ein. Leutnant Herwig folgte dem Kompanieführer bald mit 1 Zug. Er ging zunächst bis zu einer Schneise vor, etwa 300m hinter der Stellung der 4./IR 135 und nahm dort zusammen mit einem auch zur Unterstützung gesandten Zug von R.I.R. 23 eine Reservestellung ein. Vizefeldwebel Lohmann mit dem letzten Halbzug wurde auf dem Vormarsch an den rechten Flügel der 3./LIR 27 – anschließend an den linken Flügel der 7./135 – gerufen und besetzte dort den Graben an der Stelle, wo der Gegner anfänglich durchgebrochen war und sich jetzt etwa 25m vor dem Graben festgesetzt hatte und diesen unter heftiges Infanteriefeuer nahm und Handgranaten und Minen warf. Leutnant Schaller wurde durch Bauchschuß schwer verwundet und starb am folgenden Tag in Chatel. Der in seiner bisherigen Stellung zurückgebliebene 3. Zug erhielt während des Kampfes starkes Artilleriefeuer, hatte aber keine Verluste.

Als weitere Unterstützung der 135er wurde am Spätnachmittag unter Hauptmann Schüßler die 7. Kompanie gesandt, die bisher als Reserve im Römerlager war. Die Kompanie rückte in den früher (Ende Oktober bis Anfang Dezember) von 9./L 83 besetzten Graben.

Hauptmann Schüßler berichtet:“ Am 03.01.1915 wurden wir auf Höhe 263 durch Jägerbtl. 5 abgelöst und kamen als Reserve der Brigade ins Lager an der Römerstraße. Das sollte eine Zeit der Ruhe und Erholung sein, wurde aber gerade das Gegenteil. Man war mit der Kompanie dauernd in Alarmbereitschaft, denn die Franzosen griffen bald hier, bald dort an. Und wo es gerade am brenzlichsten war, wurde die Verstärkung als Reserve eingesetzt, so am 05. und 06.01.15. Am letztgenannten Tage führte ich noch selbst die Kompanie zum I.R. 135 auf die Höhe Bolante. Das war die scheußlichste Ecke im ganzen Argonnenwald. Alle Gräben voll Wasser, zum Teil durch die Sprengung verschüttet, dazu voller Toten. Es hatte erst harte Arbeit gekostet, hier einigermaßen Ordnung zu schaffen. Es gelang auch erst, als wir die Franzosen oder vielmehr Italiener – denn hier hatten wir die Garibaldinischen Freischärler uns gegenüber, wilde, verwegene Gesellen, die wie die Teufel fochten – durch einen festen Sturmangriff wieder aus unseren Stellungen herausgeschmissen hatten. Ich selbst wurde als Ordonnanzoffizier zur Brigade kommandiert.“

Auch die 9. Komp. die zur Verfügung bei R.I.R. 22 stand, wurde alarmiert und besetzte unter schwerem Artilleriefeuer die ihr zugewiesene Stellung bei 8./I.R. 135, wobei 4 Mann fielen und 1 Mann schwer verwundet wurde, der auch am folgenden Tag starb. Um 01.30 Uhr nachmittags wurde der 1. Zug zur Verstärkung der 4./I.R. 135 eingesetzt. Graben und Unterstände standen hier voll unter Wasser. Um 02 Uhr wurde die Kompanie erneut alarmiert zur Verstärkung der 7./I.R. 135.

In der Nacht (05./06. Januar) setzte wieder eine starke Beschießung des Gefechtsabschnittes der 05. Kompanie ein. Die nicht in Stellung befindlichen Mannschaften mußten das Lager räumen und an einem steilen Abhang Schutz suchen. Dabei hatte die Kompanie 2 Tote. Ein Schrapnell drang in den Unterstand von Lt. Zylmann und Offiziers-Stellvertreter Luttermann ein und krepierte hier. Doch wurden weder sie noch die bei ihnen liegenden Burschen verletzt.

Am 06.01. rückte der 2. Zug der 07. Kompanie unter Feldwebel-Leutnant Becker zur Verstärkung der 7./ I.R. 135 in die vordere Stellung. Daselbst wurde ihm der gefährdete linke Flügel übergeben. Nachmittags verlängerten die beiden anderen Züge die 7./ I.R. 135 links. Die Kompanie hatte hier die schwierigste Stellung. Sie war da eingesetzt, wo tags zuvor die Sprengung erfolgt und dadurch eine Lücke in der Schützenlinie entstanden war. Die toten Franzosen waren noch nicht entfernt. Ein neuer Graben musste unter den Augen des an einer Stelle bis auf 15 m herangekommenen Gegners hinter dem durch die Sprengung unbrauchbaren gewordenen ersten Graben angelegt werden. Bei Tag und besonders bei Nacht wurde die Kompanie besonders durch Arbeitsdienst und Bekämpfung des rührigen Gegners völlig in Anspruch genommen. Die bereits vorhandenen Gräben waren an einigen Stellen bis über Stiefelhöhe voll Wasser und Schlamm. Die Unterstände reichten für die Kompanie bei weitem nicht aus und waren in sehr schlechtem Zustand, sodaß der größte Teil der Kompanie Tag und Nacht unter freiem Himmel, Regen und Kälte ausgesetzt, zubringen mußte. Am 07.01. löste die 9. Kompanie die 1./ I.R. 135 ab, Wie am 05. und 06., so war auch an diesem Tage keine Verpflegung der Kompanie möglich. Erst am 09.01. früh 06 Uhr erhielt sie durch die ablösende 4./ L 32 Verpflegung. Um 08 Uhr abends kam die erste Verpflegung nach 5 Tagen. Der Gesundheitszustand hatte durch das Fehlen derselben und durch den ständigen Aufenthalt in nassen, schlammigen Gräben sehr gelitten, sodaß nur noch etwa 50 Mann gefechtsfähig waren. Auch Hauptmann Kunert musste sich erkrankt nach Chatel begeben.

Am 09.01. früh 06 Uhr wurden alle 4 Kompanien aus der Stellung der 135er herausgezogen.
„Entsetzliche Schilderungen von Leuten der 7. Kompanie (20 Mann haben sich krank gemeldet): Zehn Meter dem Feinde gegenüber; bis an den Bauch im Wasser, zum Teil auf den Leichen der Gefallenen. Franzosen und leider auch noch deutsche Leichen schwimmen buchstäblich im Wasser in den Gräben.“ (Oberstleutnant Fretzdorf)
Uffz. Klemm (6. Komp.) gibt folgende Schilderung:
„Am 05.01. war ich als Unteroffizier beauftragt, mit 15 Mann Verpfegung zu holen. Als wir, mit Proviant und Post beladen, zurückkommen und die Kochgeschirre eben zum Verteilen vor den Unterstand des Feldwebels gesetzt hatten, steigerte sich das französische Artilleriefeuer zum Trommelfeuer. Es war das erste, das wir erlebten. Die Einschläge kamen immer näher an unser Lager, und Hilferufe aus eingeschossenen Unterständen drangen an unser Ohr. Einige Kameraden versuchten, noch schnell an den schützenden Steilhang zu gelangen. Da riß ein Volltreffer einem dem Kopf vom Rumpf. Wir sprangen zurück in die Unterstände. Wohl alle dachten in diesem Augenblick an die Heimat, die wir wohl nicht wiedersehen würden. So verging etwa 1 Stunde, die uns ewig lang vorkam, dann ließ das Feuer nach. Aber sofort ertönten Hornsignale, wir waren im Bilde. Wie besessen flitzte alles ins freie. „Seitengewehr pflanzt auf“, ertönte der Befehl. Über eingeschossene Unterstände und Leichen ging es dem vordringenden Feind entgegen. Gestrüpp, herabgeschossenen Äste und ausgerissene Bäume mußten übersprungen werden. Hierbei landete ich plötzlich auch mal auffallend weich, sank bis unter die Arme ein und hatte Mühe, mich wieder zu befreien und den vorstürmenden Kameraden zu folgen. Ich roch und wußte sofort, wohin ich geraten war – in eine Latrine. Ich sah nicht gerade hübsch aus! Mit einigen gewaltigen Sprüngen war ich wieder in der Reihe meiner Kameraden. Unser Hurraschreien durchdrang den Wald, übertönt nur von dem ungeheuren Krachen unserer Artillerie. In dem dichten Unterholz, in das wir nun kamen, konnten wir nur langsam vorwärts. Da Infanterie- und MG-Feuer vom Feind her einsetzte, geriet unser Vordringen ins Stocken. Zu uns paar Männlein gesellten sich da noch einige 135er mit einem Vizefeldwebel, und nun ging’s mit einem solch ohrenbetäubendem Hurra dem Feind entgegen, daß er uns sicher für zahlenmäßig überlegen gehalten hat; denn er ging zurück. Wir erreichten das Grabenstück der 135er, welches übel aussah. Kniehoch stand das Wasser darin, auf dem Leichen Gefallener schwammen, Deutscher und Garibaldianer. Ich war mit 2 bis 3 Leuten beim Vordringen etwas nach links gekommen, wo der vorderste Verteidigungsgraben etwas scharf zurückbog, und sah mich so ungefähr allein im Graben. Da tauchten plötzlich hinter Bäumen Gegner auf. Ich legte auf den vordersten, der hinter einem Baume kniete, an. Da rief mir ein Kamerad zu: „Der ist ja schon tot.“ Mittlerweile hatte ich’s auch selbst gesehen. Dafür standen mir aber 2 andere gegenüber, die mich aber noch nicht gesehen zu haben schienen. Ich brachte sofort mein Gewehr in Anschlag, aber, o Schrecken, Ladehemmung. Jetzt geschah das Schrecklichste, was ich im Krieg erlebt habe. Beide hatten mich bemerkt, legten an und kamen auf mich zu. Gefangen nehmen lassen? Kam nicht in Frage. Ich sprang einige Meter im Graben nach rechts. Kein Kamerad mehr zu sehen! Nun raus aus dem Graben und einige Zickzacksprünge gemacht. Da kracht es zweimal hinter mir, und ich spürte einen Schlag am linken Arm. Ich dachte beim Weiterlaufen schon an Heldentod! Da sah ich meine Kameraden und Hauptmann Kühnemann, die hinter Bäumen Deckung gegen feindliches Infanteriefeuer genommen hatten. Ich war gerettet. Glücklicherweise hatte ich nur einen Fleischschuß am Oberarm. Durch das Hinfallen, Kriechen und das Hineinspringen in die nassen Gräben war wohl die gelbe Schicht aus der Latrine von meiner Uniform etwas abgespült, aber dafür war mehr als genug Argonnenlehm hängen geblieben. Ich wurde zurückgeschickt, um mich verbinden zu lassen. Es war schon etwas düster, als ich den Rand der Argonnen erreichte und zum ersten Mal seit 2 1/2 Monaten wieder den freien Himmel und Häuser sah. Vom Verbandplatz wurde ich zu unserem Standquartier geschickt, ich sollte mit dem Lazarettzug nach Deutschland. Nach einem tiefen Schlaf auf dem Boden eines Hauses ging es am folgenden Morgen zum Bahnhof. Ich traf einige Regimentskameraden, welche 2 gefangene Garibaldianer mitbrachten. Diese mochtem wohl kein reines Gewissen haben, da sie immer wieder durch Zeichensprache zu erfahren suchten, ob sie wohl erschossen würden. Nach unendlich langer Fahrt im geheizten Zug war ich wieder vollständig trocken geworden, aber eine gelbe Lehmkruste bedeckte mich über und über. Ein Kamerad sah aus, als ob er in eine Hackmaschine gera ten wäre, so hingen die Kleiderfetzen an ihm herunter. In diesem Aufzuge wurden wir in Bensheim a. d. Bergstraße ausgeladen. Alle wurden auf Bahren gelegt; auch ich wurde so abtransportiert, obwohl ich erklärte, daß ich nicht marschunfähig wäre. Nach einem herrlichen Bade und Wechseln der feldgrau gewordenen Wäsche schliefen wir uns wieder zu menschlichen Geschöpfen aus; wir waren wie neu geboren.“

In der Geschichte des Landwehr-Infanterie-Regiment Nr. 27 steht:

Neun Wochen, bis Ende Februar 1915, verblieb I./L 27 in seiner am 27.12.1914 bezogenen Stellung auf der Bolante. Die Verluste des Bataillons in dieser Zeit waren erheblich. Von etwa 720 in Stellung Gegangenen verlor das Bataillon 56 Tote, 245 Verwundete, 23 Vermißte, insgesamt 324 Mann, davon die 2./ Komp. allein 141, nämlich 24 Tote, 117 Verwundete.

Die ersten Tage des Bataillons im Schützengraben vergingen mit dem weiteren Ausbau der noch sehr unzulänglichen Stellung. Bei dem regnerischem Wetter standen die Gräben voll Wasser, die Unterstände waren undicht, die Grabenbesatzung lag deshalb auf nassem Lehm und Stroh. Die feindliche Artillerie beschoß die Gräben und fast täglich traten Verluste ein.

Am 05. Januar 07.30 Uhr eröffneten die Franzosen ein äußerst heftiges Artillerie- und Minenfeuer auf den Abschnitt Hagen (III) und den westlich anschliessenden Abschnitt II. Eine Stunde lang trommelte der Feind auf den Schützengräben und dem Hintergelände herum, offenbar, um die Heranführung von Reserven zu verhindern. Erhebliche Teile der vordersten Gräben wurden nahezu eingeebnet, viele Unterstände zusammengeschossen, unter anderen drei Unterstände des Bataillonsstabs I./L 27, der Unterstand der Ärzte und des Komp. Führers, Lt. Broßmann, der dabei verwundet wurde, während sein Bursche Schönherr neben ihm den Tod fand. Etwa 08.30 Uhr ließen die Franzosen am rechten Flügel der 3./L 27 und am linken Flügel der benachbarten 7./135 zwei Sprengminen hochgehen. Der vorderste Graben der 3./L 27 wurde in etwa 40 m Breite stark beschädigt. Die Gewehre in diesem Raume wurden verschüttet und so ca. 24 Mann wehrlos gemacht. An dieser Stelle brachen unmittelbar nach der Sprengung starke feindliche Kolonnen durch und gelangten östlich hinter den Schützengräben der 3./L 27, westlich hinter denjenigen der 7./135 und 4./135. 22 Mann der 3./L 27, deren Gewehre verschüttet waren, gerieten in Gefangenschaft. Der Rest des rechten Flügelzuges (Vizefeldw. Schwienhagen) setzte sich energisch zu Wehr und beschoß, unterstützt vom  linken Flügel der Kompanie, die hinter dem Schützengraben befindlichen Feinde, von denen später 1 Offizier und 10 Mann dort tot aufgefunden wurden. Die übrigen in den Abschnitt der 3./L 27 eingedrungenen Feinde wurden von etwa 45 Mann Reserven, Angehörigen der 1./L 27 (9 Mann), 1./135, 6./135 und 6./L 83, die aus dem Reservelager heranstürmten, aus dem Abschnitt herausgeworfen. Auch die in den Bereich der 7./135 und der 4./135  eingedrungenen feindlichen Kolonnen wurden restlos zurückgeworfen. Insgesamt verloren die Angreifer rund 300 Tote. Wie sich später herausstellte, handelte es sich bei den Angreifern um Garibaldianer, also um ein italienisches Freikorps. Peppino Garibaldi, ein Nachkomme des Ricciotti Garibaldi, der 1870/71 mit seinem Freikorps den Franzosen zu Hilfe eilte, war am 25.12.1914 mit 2500 Mann in die Argonnen gekommen. Nach dem mißglücktem Angriff vom 05. Januar 1915 wurde von den Garibaldianern auf dem französischem Kriegsschauplatz nie wieder etwas bemerkt. Unter den 300 Gefallenen befand sich auch ein Garibaldi.

2./L 27 und 3./135 wurden während des Angriffs durch heftiges Artilleriefeuer niedergehalten. Wohl als Vergeltung für das Mißlingen des Durchbruchversuches dauerte die außergewöhnliche starke Beschießung der Bolante auch den folgenden Tag über an, ein neuer Angriff erfolgte aber nicht. Die 1./, 2./ und 3./ Kompanie verloren an den beiden Tagen 11 Tote, 52 Verwundete und 23 Vermißte. Der Abschnittsverbandsplatz wurde, weil der als solcher dienende Unterstand gleichfalls eingeschossen war und der Höhenrücken rundherum dauernd unter Artilleriefeuer lag, etwa 1 km rückwärts an den Hang des Meurisson-Baches verlegt. Das IR 135 büßte bei dem Angriff 51 Tote, 130 Verwundete und 124 Vermißte ein. Auch 4./L 27 hatte seit dem 29.12. bemerkenswerte Verluste, 2 Tote und 16 Verwundete, zu verzeichnen.

Die zwischen 3./L 27 und 7./135 entstandene Lücke wurde zunächst durch Mannschaften des L 83 ausgefüllt, später durch 3./L 27 durch 80 Mann der 4./L 83 am rechten Flügel verstärkt.

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