Leutnant Hugo Berentelg

Leutnant der Reserve Hugo Berentelg in den Argonnen und auf Vauquois

Hugo Berentelg aus Recke in Westfalen war Leutnant der Reserve. Er diente im Ersten Weltkrieg in Frankreich als Kompanieführer der 7./ Kompanie im Infanterie-Regiment 144. Er fiel am 04. März 1915 bei den Kämpfen auf Vauquois. Ab dem 03. August 1914 hielt er seine Erlebnisse bis zum 23. Februar 1915 in einem Tagebuch fest.

Seine Aufzeichnungen beschreiben sehr eindrücklich die ersten Tage und Wochen des Stellungskrieges im Argonnerwald

Dr. Hugo Berentelg
Argonnerwald,
Dienstag, 29. September, 5 Uhr

Nach dem gestrigen Ruhetag heute Morgen 5.30 Abmarsch, nach Varennes, das ganz zerschossen und verbrannt. Um 10.30 – 4.30 am Ostrande der Argonnen gelagert. Nur wenig Infanteriefeuer.
Wohl hörte man Artilleriefeuer aus dem Wald. Um 9.30 bei schönem Herbstwetter Marsch durch die Argonnen angetreten. Lagern augenblicklich (5 Uhr). Bewundern die farbenprächtige Ferne. Nur die zahlreichen Verwundeten zu Fuß und zu Wagen erinnern an die Greuel des Krieges. Vorn kämpfen 130, 135, 58 gegen Alpenjäger, die sich wieder sehr wenig zeigen, also nur von Artillerie wirksam bekämpft werden können.

Argonnerwald, Chaussee Varennes und Le Four-de-Paris
Mittwoch, 30. September, 10 Uhr vormittags

Seit gestern Abend in Schlachtenstellung und Schlachtenstimmung. Übernachtet in Deckungsgraben im Argonnerwald. Waren gefaßt, daß Landwehr (26., 27.) vor uns zurückfluteten, und da wir die Stellung auf jeden Fall zu halten hatten, sollten wir Landwehr aufhalten und Nahkampf mit entladenem Gewehr führen. Nacht aber ruhig.

11./144 in vorderster Linie. Heute Morgen rechts der Chaussee mit aufgepflanztem Seitengewehr zum Sturm bereit vorgegangen. II./144 vor uns, I./144 zurück. Stimmung ernst, erhaben, ruhig.
Unterwegs gräßliche Bilder! Verzerrte, entstellte Totengesichter, einer biß in Baumwurzel, anderer selbst verbunden, mancher mit offener Pulsader, so daß Krankenträger vermutet.
Auf zwei tote Deutsche ein Franzose. Kein Wunder, daß Franzosen gut trafen, da lange Chaussee und Feldwegstrecken von ihnen beherrscht. Schmerzlich.
Was wird uns der letzte September bringen? Jedenfalls schwere Kämpfe. Gott stehe uns bei. Artillerie nur schwach; denn im Walde ist sie zu leicht zu überraschen.
Zum Rand hinaus Pioniere mit Handbomben vor uns. Gehe selbst ohne Gewehr vor; denn im Nahkampf Pistolen.

Blick auf den Four de Paris


Argonnerwald
Donnerstag, 1. Oktober, 5.30 nachmittags

Gräßliche Lage! Schon gestern. 11./144 wurde dem II. Bataillon, das in vorderer Linie Kampf bis Le Four-de-Paris führen sollte, zur Verfügung gestellt. III. Zug Sonderaufstellung. Ich mit Gruppe auf Chaussee vor, Verbindung mit II./144 aufnehmen lassen, die rechts auf Höhe waren.

Kleinere französische Abteilungen überall versteckt; beschossen auch Chaussee, Menge Verwundete kommen von der steilen Höhe auf Chaussee, wo dann immer von neuem beschossen.
Nachts Feldwache auf Chaussee; Sperre angelegt; dauerndes Feuer; Metzer Regiment sollte Mulde durchziehen; dabei Feuer, wie ich angekündigt hatte! Soll sich schlapp benommen haben.

Auch heute gräßlich! Viel Verluste und kein Fortschritt. Bin mit III. Zug heute Morgen heraufgerückt, brachte Munition mit; II./144 schießt, auch ohne zu sehen! Moschkan kannte den Weg; dann rechts neben 8./144 flankierend verlängert. Sehr betrübt durch den Tod meines einen Schützen Backhaus, der als Patrouille mit Rapp zusammen 60m vorging und dabei Bauchschuß bekam; verheiratet seit Pfingsten (Rekrut), Bergmann.

Höre soeben, daß Lt. Mathis auf Patrouillengang gefallen. Armer Kerl! 21 Jahre alt. Wer wird der nächste sein? Wären wir doch aus dem Argonnerwald heraus! Franzosen sollen großen Wert legen auf ihre Stellung. Sollen erneut – eventuell heute Abend noch – weiter vor gegen Le Four-de-Paris. – Rentsch aus Coesfeld leicht am Fuß verwundet! Auch Bradek, wie Freibiter schrieb, in Münster!

Hugo Berentelg mit Kameraden

Argonnerwald
Samstag, 3. Oktober 5h nachmittags,

Schöner Herbsttag, wie die vorausgehenden Tage. Noch in derselben Stellung, in die wir am Donnerstagmorgen gerückt sind.

Stimmung schlecht!
1.) keine Post! Erwarte mit größter Sehnsucht Brief von Berta, der Genesenden.
2.) Verworrene Kriegslage hier im Walde!

Wir schießen wie wild auf jeden Franzosen, der sich durch Geräusch meist nur bemerkbar macht. Vorgestern Abend schien allerdings ein stärkerer Feind Sturmangriff auf uns versucht zu haben. Kam aber nicht nah heran. Französische Artillerie läßt uns bislang in Ruhe; nötig, weil Gegner uns
zu nahe gegenüber liegt: Andere Regimenter sollen mehrfach vor französischem Angriff zurück gegangen sein! Bes. die „Metzer“ links der Chaussee in der Mulde.

Auch 10. und 12./144, die bis dahin als Reserve an Chaussee und erst gestern abend zur Verlängerung rechts eingesetzt wurden, sollen auf starken Gegner gestoßen sein. Drei Offiziere verloren: Schneider 10./144, Jahnke und Winternheim 12./144 verwundet; sodaß Lt. Tonnar einziger Offizier bei 12./144 ist.

Argonnerwald
Mittwoch, 7. Oktober, 3.00 nachmittags

Noch immer in derselben Stellung. Stimmung von Tag zu Tag besser geworden. Briefe von Gronau, Recke, Brilon. Liebesgaben vom Kegelklub, Kollegium, Stolte IVb sowie gute Verpflegung führten von Tag zu Tag bessere Stimmung herbei. Hier ist die Kriegslage (im engeren) noch gerade so verworren für uns wie vor acht Tagen, als wir hier ankamen. Nur scheint unsere Artillerie seit gestern der französischen überlegen zu sein; wenigstens feuerte sie gestern und heute morgen wie toll. Da der Regimentsstab an der Chaussee nach Aussage der Wasserholer noch mehr seine Burg befestigt, ist anzunehmen, daß wir noch mehrere Tage hier bleiben. Nichts dagegen!

Arbeiten jetzt auch mit Brandbomben. Der Allewetter-Stöcker hat sich darüber instruieren lassen und macht die Sache.
Unser Gegner hat Posten ganz nahe vor unserer Linie, sind sehr aufmerksam; beschießen täglich einen. Außer Lt. Mathis ist auch der jugendfrische Freiherr von Canstein (Führer von 5./144) gefallen; vor halbem Jahr verheiratet. Jablonski als Bataillonsführer hat befohlen, keine Patrouillen mehr vorzuschicken, da schon genug Opfer; hat Recht!

Der Wagemut Stöckers zu bewundern. Befürchte, daß sich die französische Infanterie allmählich infolge unseres Artilleriefeuers zurückziehen wird und wir dann von der französischen Artillerie schwer unter Feuer genommen werden. Unsere Erdlöcher schützen ja nur wenig gegen Granaten. Befinden ziemlich gut; gestern seit neun Tagen mal wieder gewaschen und rasiert (Kochgeschirrdeckel); leide etwas an Verstopfung infolge Mangels an Bewegung und der stopfenden Conserven und Feldküchennahrung. Gesellschaft von Schneider angenehmer.

Episode: Spangerberg (Koch in Cheppy) auf Patrouille
Matthis Fußverstaucht, gefangengenommen; in französischen Schützengraben bewacht; deutsche Granateneinschläge jagen Franzosen zurück; Spangerberg flieht vorwärts und entkommt so.

Argonnerwald
Sonntag, 11. Oktober 14, 4.15 nachmittag

Dauernd günstiges Wetter. Farn, Laub, Decke schützen gegen Kälte der Nacht. Gegen Abend ständig Feuer, das auch während der Nacht nur auf kurze Zeit ganz aufhört. – Berta öfters Briefe;
alles gut; hebt Stimmung. Viele Liebesgaben, Kollegium Zigarren und Schokolade; Schüler Stoth Zigarren, Niehoff Schokolade, Reineke, Hovestadt, Brilon Zigarren. Alles im Überfluß; desgleichen Verpflegung: Schinken, Käse vom Bataillon; desgleichen 1 ½ Flasche Rum. Teile alles mit Schneider, mit dem ich in bester Harmonie lebe. Habe Hermann und Berta längeren Brief geschrieben; sonst viel Karten. Bewegung verschafft durch Schanzen.

Sehr gemütlich die Dämmerstunde bei guter Zigarre in der Höhle, wird leider durch das abendliche Gewehrfeuer öfters gestört. Jede Gruppe hat sich jetzt durch Schutzschild etwas vorgearbeitet. Trotzdem noch wenig Einblicke ins Gelände vor uns. Die französischen Posten sind sehr aufmerksam. Wenn sich einer länger in exponierter Stellung zeigt, wird er beschossen.

Überblick über unsere Lage hier haben wir noch nicht. Artillerie schießt dauernd. Besonders bei Nacht ferne Einschläge zu vernehmen in westlicher Richtung.

Argonnerwald
Freitag, 16. Oktober, nachmittags 3 Uhr

Nachdem durch Schanzen die nötige Bewegung verschafft, wird jetzt geruht und geschrieben. Man muß in das Tageswerk selbst die nötige Abwechslung bringen, sonst wird’s langweilig; bislang allerdings niemals die Zeit lang geworden. Zeitungen, Meinungsaustausch über die Ereignisse mit Schneider, Gang zum Kompaniestab, Essen, Trinken (Kaffee, Rum, Schnaps) verschaffen die nötige Kurzweil. Übler die Tage, an denen Post ausbleibt, sodaß keine Zeitungen zu lesen. – Hätte mal Bericht an Zeitungen geschrieben, aber Papier fehlt; auch zum Briefeschreiben.
Das Gefechtsbild hier noch immer dasselbe: Bei Tage geschossen, wenn sich einer zu sehr zeigt, am Abend der gewöhnliche Abendgruß, bei Nacht dauernd einzelne Beunruhigungsschüsse.
Bei einzelnen Kompanien mal stärker. Der rechte Flügel unserer Stellung (135. Regiment) arbeitet sich langsam vor, denn bei uns wäre es schwer möglich.
Denke, daß auf linkem Flügel, d.h. links der Chaussee doch allmählich Gebiet bis Clermont und Chaussee Clermont – Le Four-de-Paris gewonnen wird, damit unserem Gegner Weg dorthin (nach Verdun) abgeschnitten wird. 8 – 14 Tage, d. h. bis zum 25. des Monats werden wir noch sicher hier bleiben, es sei denn, daß unser Gegner verzöge.

Gesamtlage: Folge der Einnahme Antwerpens?

1.) Die Truppen werden wohl auf rechtem Flügel bei Arras –
Lille angesetzt werden; denn man muß doch immer mit Landung
englischer Truppen im Rücken unserer Schlachtlinie rechnen;
also nach dem Kanal sie sichern! Vielleicht besetzt man
jetzt auch gleich Calais, Bretagne, Dover; glaub’s aber nicht, da
dadurch doch große Vergeudung und Zersplitterung der Kräfte!

2.) Das Geschützmaterial wohl gegen Verdun. Denn dessen Einnahme bzw. Einschließung doch sehr wichtig. Die Lage der bayerischen Armee, die bei St. Mihiel durchgebrochen ist, ist doch eigentlich ziemlich schwierig; von Toul, Verdun und von Westen her kann sie doch gefaßt werden. In der Tat verlautete auch heute morgen gerüchteweise, daß es da nicht stimme. Ist
dagegen erst Verdun, dieser Angelpunkt der französischen Stellung, genommen, dann kann das französische Aufrollen von Osten her, oder Eingabeln der französischen Schlachtlinie auf dem Ostflügel stattfinden.
Wie wir hier am Ganzen mitarbeiten, natürlich unklar.


Glaube, daß wenn Schlacht vor Verdun entschieden werden soll, nur auf unserem rechten Flügel Besonderes geleistet werden kann. Es soll, wie es heute morgen hieß, bei Lille auch irgendein Vorteil wieder errungen sein.
Daß wir in der Hauptschlacht siegen, glaube ich sicher; aber der Gegner wird sich, wenigstens zum größten Teil, in Aufnahmestellungen zurückziehen, sodaß also damit die Belagerung von Paris immer noch nicht sofort aufgenommen werden kann. Wenn freilich die bayrische Armee sich weiter durchschlägt, ist entscheidende Niederlage der Franzosen möglich.