Sergeant York – Aus dem Reichsarchiv

Die Geschichte des Sergeant York
Bericht zu den Vorgängen aus dem Reichsarchiv
Aus den Kriegstagebüchern
Der Sergeant York Trail in Chatel-Chéhéry
 
Aus dem Reichsarchiv im Jahre 1929

Kriegslegenden beruhen wohl immer auf Tatsachen, die aber durch die Phantasie der handelnden Persönlichkeit, der Zeitgenossen oder späterer Geschlechter eine Ausschmückung erfahren haben. Der Kern ist historisch, die Ausschmückung unhistorisch. Jeder kennt wohl Fontanes herrliches Gedicht „Schwerins Tod“, welches schildert, wie in der Schlacht bei Prag der greise Feldmarschall Schwerin eine Fahne ergreift und seinen schwankenden Truppen voran eilt, die ihm nun begeistert folgen. Er fällt, aber die Truppen stürzen weiter vor und schlagen die Österreicher. Bei kriegsgeschichtlicher Nachforschung ergab sich, daß der Feldmarschall gegen den Willen des Königs mit dem linken Flügel, auf dem er befehligte, zu früh gegen die hier starke österreichische Stellung eingeschwenkt war, seine Truppen hier nutzlos und mit starken Verlusten angriffen und schließlich nicht mehr zum Angriff zu bewegen waren. Da ergriff der Feldmarschall eine Fahne, ging selbst vor und fiel mit der Fahne in der Hand. Die Truppen aber waren durch die Verluste so entmutigt, daß sie den Feldmarschall vor ihrer Front liegen ließen und erst vorgingen, als an anderer Stelle der Einbruch in die österreichischen Stellungen geglückt war.
Um den Besitz der Fahne waben sich viele Legenden. Der Fahnenträger des III. Bataillons meines Stamm-Regiments 83 war in der Schlacht von Poupry 1870 gefallen. Nun wurde geschildert wie ein Gefreiter vorstürzte und die Fahne rettete, sie an sich riß und schwenkte. Tatsächlich verfuhr der Gefreite viel vernünftiger, er kroch auf allen Vieren vor, erreichte die Fahne und brachte sie in Sicherheit.
Auch die berühmte Tat des Pionier Klinke, der in allen Instruktionsbüchern des alten Heeres stand und bei jedem Unterricht über Heldenmut als Beispiel angeführt wurde, wird sich ganz bestimmt anders abgespielt haben. Pionier Klinke hat mit Todesverachtung den Pulversack an die Pallisadenwand der Düppeler Schanzen angelegt, aber ganz gewiß nicht die Absicht gehabt, sich damit zugleich in die Luft zu sprengen.
Ich habe diese Beispiele herausgegriffen, um zu zeigen, wie früher die Kriegslegenden entstanden. Der Seele des Volkes genügt nicht die nüchterne Erzählung einer mutvollen Tat, erst durch die Ausschmückung erregt sie die Phantasie und Begeisterung der breiten Massen, ähnlich wie in den Befreiungskriegen die vom rein militärischen Standpunkte ziemlich belanglosen Taten des Lützowschen Freikorps, das durch Beunruhigung der Etappenlinien dem Riesen Napoleon nur winzige Nadelstiche versetzte, oder die Taten der Landwehr, die sich nur so lange tapfer schlug, als es sich um die Verteidigung der allerengsten Heimat handelte.
Unzählige Heldentaten sind in den früheren Kriegen, besonders aber im Weltkriege vollbracht worden, die völlig in Vergessenheit geraten, solange sie nur in kriegsgeschichtlichen Werken nüchtern und sachgemäß erzählt werden. Bleiben sie zunächst bekannt, so wird sich allmählich eine Legende um sie spinnen und dann werden sie in dieser Form, bis in die fernsten Zeiten erhalten bleiben.
So spielte in den vereinigten Staaten von Amerika die Erzählung der Heldentat des Sergeant York eine große Rolle. Sie wurde von den Journalisten, dem Geschmack des Volkes entsprechend, maßlos aufgebauscht und diese Journalisten befruchteten wohl auch die Phantasie des aus dem einfachen Volke stammenden Sergeant York. Der gebildete amerikanische Leser nimmt die Übertreibungen nicht ernst, besonders wenn sie in einer sensationslüsternen Presse erscheinen, er weiß, was er von ihnen zu halten hat. Anders wirken diese Übertreibungen, wenn sie in der europäischen Presse erscheinen und wenn dann in ihnen die gegenüberstehenden deutschen Truppen als jämmerliche Kerle hingestellt werden.
So erschien am 29. November 1928 in Stockholm in der Zeitschrift „Hemmets Journal“ der Artikel „Die Heldentat einer Amerikaners im Weltkrieg. Sergeant York besiegte mit Gewehr und Revolver eine ganze deutsche Kompanie. Über diesen Artikel war ein in Stockholm lebender Deutscher so aufgebracht, daß er eine Übersetzung an das Reichswehrministerium und an die Schriftleitung des „Friderikus“ sandte, mit der Bitte, diese unglaublichen klingenden geschilderten Tatsachen zu überprüfen.
Ich erhielt den Auftrag, diese Feststellungen zu machen und hatte insofern Glück, als der Kreis der Inbetracht kommenden Personen sich bald verengte und diese zufällig jetzt alle noch am Leben waren, so dass sie Auskunft geben konnten.

Der Artikel in der schwedischen Zeitung lautete:
Eine der mutigsten Taten während des Weltkrieges wurde von einem amerikanischem Soldaten, dem Corporal Alvin C. York vom 328. Infanterie-Regiment ausgeführt. Bei dem Vorstoß der Amerikaner im Argonnenwald am 08. Oktober 1918 besiegte er so gut wie allein eine deutsche Maschinengewehr-Abteilung. Mit Gewehr und Revolver tötete er 25 Deutsche und nahm 132 gefangen, davon 3 Offiziere.
Marschall Foch sagte mit Recht, dass dies die größte Tat des ganzen Krieges war, die ein einzelner Soldat jemals in Europa ausgeführt hatte. Corporal York wurde daraufhin schnell zum Sergeanten befördert und erhielt das amerikanische „Kreuz für verdienstvolle Taten“, später auch die Ehrenmedaille des Kongresses, das französische Kriegskreuz, sowie englische, belgische, italienische und eine Menge anderer Auszeichnungen.

Alvin York entstammt den Bergbewohnern in Tennessee, die einsam und abgelegen leben und von den ersten englischen Ansiedlern abstammen. Sie sind ein unkundiges und unaufgeklärtes Volk, aber gut in der Bibel bewandert und sicher im schießen. Yorks Geschicklichkeit im schießen und seine große Religiösität – er sagte selbst, dass Gott ihm versprochen hatte, dass er unbeschädigt durch den Krieg kommen werde – half ihm durch viele schwere Prüfungen.
In Yorks nunmehr veröffentlichten Kriegstagebuch berichtet er, dass er im Juni 1917 zum Militär ausgehoben worden sei, aber erst ein Jahr später zur Front gekommen sei. Nachdem sein Regiment am St.-Mihiel-Angriff gewesen, wurde es im Oktober in die Argonnen gesandt, wo es den Befehl erhielt, die Höhe 223 zu nehmen und dann durch ein Tal hindurch bis zu den Höhenzügen auf der anderen Seite vorzugehen, diese zu erobern und bis zur Decauville-Feldeisenbahn, die von großer Bedeutung für die Deutschen sei, vorzudringen. Über diesen Angriff schreibt York in seinem Tagebuch:

Argonnerwald, Frankreich
Am Morgen des 8. Oktober kurz vor Tagesanbruch setzten wir uns in Richtung Chatel Chéhery-Höhe in Bewegung. Bevor wir dort anlangten, wurde es Tag, und die Deutschen sandten ein dichtes Sperrfeuer sowie Gas gegen uns. Wir setzten unsere Gasmasken auf, drangen geradewegs durch die Granaten hindurch und erreichten den Gipfel der Höhe 223 (Schloßberg), von wo wir den Angriff 06.10 Uhr vorm. beginnen sollten (Anm.: nach deutscher Zeit 07.10 vorm.). Unsere Artillerie sollte uns durch Sperrfeuer unterstützen. Die Zeit war gekommen, aber das Sperrfeuer blieb aus, und wir mussten ohne dieses vorgehen. Um 06.10 Uhr vorm. brach der Sturm los, und die Deutschen setzten über die ganze Bodensenkung vor uns, sowie von rechts und links ihre Maschinengewehre in Gang. Ich befand mich in der 2. Sturmlinie und sah, wie meine Kameraden fielen, bis es beinahe aussah, als ob überhaupt keiner mehr übrig sei.“

Die Lage war somit so kritisch, wie sie nur sein konnte. Die Amerikaner waren nur halbwegs durchs Tal hindurch gekommen und wurden durch ein mörderisches Feuer von drei Seiten aufgehalten. Es wurde Befehl gegeben, sich einzugraben, während einige wenige Soldaten, darunter York, versuchen sollten, den linken Flügel der Deutschen zu umgehen und ihrer starken Stellung in den Rücken zu fallen. Gedeckt durch Buschwerk und Bäume gelang es den wenigen Amerikanern auch tatsächlich, den gewagten Plan auszuführen.
Sie gingen hinter das Hauptqartier der deutschen Abteilung, wo sie 15 – 20 Deutsche überraschten, die gerade ihre Morgenmahlzeit einnahmen. Unter diesen war ein Major und 2 andere Offiziere. Alle ergaben sich ohne Widerstand, riefen indessen gleichzeitig ihren Kameraden an den Maschinengewehren etwas zu. Einige von diesen wurden auch auf uns gerichtet. Der Abstand war nur 40 m.

York schreibt weiter: „Sie töteten 6 von uns und verwundeten 3, so dass nur 8 von uns übrig blieben. Und die Maschinengewehre spieen Feuer und zerschnitten das Gebüsch um mich herum in furchtbarster Weise. Ich hatte nicht einmal Zeit, hinter einen Baum zu gehen oder mich auf den Boden zu werfen. Was meine Kameraden machten, weiß ich nicht. Sie sagten mir nachher, dass sie keinen einzigen Schuss gelöst hätten, sondern hielten sich rechts und gaben acht auf die Gefangenen, die sich auf den Boden geworfen hatten, damit die Maschinengewehre mich treffen könnten. Sobald diese das Feuer begannen erwiderte ich. Um auf mich zielen zu können, waren die Deutschen gezwungen, ihre Köpfe oberhalb des Schützengrabens zu zeigen, und jedesmal wenn ich einen Kopf sah, traf ich diesen auch.

Plötzlich sprangen ein deutscher Offizier und 5 Mann aus dem Graben mit Bajonetten auf mich zu. Ich warf mein Gewehr fort und ergriff den Revolver. Zuerst tötete ich den hintersten Mann, dann den Fünften, Vierten, Dritten, usw. Ich wollte nicht, dass die am weitesten hinten sehen sollten, wenn die vordersten fielen; denn ich befürchtete, dass sie sich dann hinwerfen, und auf mich schiessen würden.
Es gelang mir den deutschen Major zu erwischen und sagte ihm, daß ich ihm eine Kugel durch den Kopf schiessen würde, sofern er nicht die andern zum Einstellen des Feuers auf mich zwingen würde. Er wußte, daß ich meinte, was ich sagte. Er führte eine kleine Pfeife an die Lippen, und alle kamen herunter und warfen ihre Gewehre und Patronengurte fort. Alle mit Ausnahme eines Einzigen kamen mit erhobenen Händen von der Höhe herunter. Bevor dieser Einzige mich erreichte, warf er eine kleine Handgranate auf mich, die in der Luft explodierte. Ich war gezwungen, auch ihn zu töten. Die Übrigen ergaben sich willig. Es waren beinah Hundert Deutsche.“

York rief nun seine Kameraden und schlug ihnen vor, daß sie die Gefangenen hinter die amerikanischen Linien zurückführen sollten. Er gab dem deutschen Major, welcher englisch verstand, den Befehl seine Leute kolonnenweise zu Zwei und Zwei antreten zu lassen. Dann setzte York einen seiner Kameraden hinter die Kolonne und die anderen zu beiden Seiten derselben, ließ die Gefangenen die Verwundeten tragen und begab sich mit dem Major als Deckung selbst an die Spitze, wobei er die Mündung seines Revolvers ständig dem Major im Rücken hielt. York schreibt: „Es war die zweite Linie der Deutschen, die ich genommen hatte. Wir waren wahrhaftig nicht weit hinter die deutschen Schützengräben gelangt. Und nun führte ich den Trupp gerade auf die erste deutsche Linie zu. Hier wurden dann weitere Maschinengewehre herumgeschwenkt und begannen auf uns zu schießen. Ich sagte dem Major, daß er entweder seine Pfeife in Tätigkeit setzen sollte oder auch seinen Kopf einbüßen müsse. Er pfiff – uns alle ergaben sich – mit Ausnahme eines Einzigen. Zweimal zwang ich dem Major, ihm zu befehlen sich zu ergeben. Aber der Soldat wollte nicht. So war ich gezwungen ihn zu töten. Es tat mir weh, aber ich wagte mich keiner Gefahr auszusetzen und schoß ihn nieder. Und als ich zu meinem Bataillonskommando zurückkehrte hatte ich 132 deutsche Kriegsgefangene.“

Die Darstellung wird von Yorks überlebenden sieben Kameraden bestätigt, sowie auch durch den amtlichen Bericht. Es heißt darin: „So gut wie ohne Hilfe nahm er 132 Deutsche gefangen, von denen drei Offiziere waren, eroberte 35 Maschinengewehre und tötete nicht weniger als 25 Feinde, die später an der Stelle gefunden wurden, an welcher York gekämpft hatte. Seine Darstellung ist hier im Divisions-Stab-Quartier in allen Einzelheiten nachgeprüft worden und wird vollauf bestätigt. Wenn gleich Yorks Darstellungen den Anschein erweckt, als ob er die große von ihm besiegte Übermacht unterschätzt (soll wohl heißen überschätzt) hätte, ist doch beschlossen worden, seinen eigenen Bericht an die höheren Behörden weiter zu geben. Dieser gelungene Angriff hatte weitgestreckte Folgen hinsichtlich der Verringerung des feindlichen Druckes auf die amerikanischen Truppen im Argonnerwald. Dafür, daß York eine ganze deutsche Kompagnie besiegt hatte, die, wie sich später herausstellte, der 45. Reserve-Division angehörte, wurde ihm später vor der Front der versammelten Mannschaften seitens des höchsten Oberbefehlshabers, General Pershing, persönlicher Dank ausgesprochen.“

Soweit der Zeitungsartikel…

 

Durch Vermittlung des amerikanischen Oberstleutnant Müller erhielt ich nun aus Washington folgenden offiziellen Bericht des amerikanischen Kriegsdepartment über die Tat des Corporal Alvin York am 08. Oktober 18 bei Chatel-Chéhery:
„Nachdem sein Zug schwere Verluste erlitten hatte und drei andere Unteroffiziere gefallen waren, übernahm Corporal York den Befehl. Er führte furchtlos sieben Mann vorwärts und nahm mit kühnem Wagemut ein Maschinengewehrnest, das seinen Zug unaufhörlich mit Feuer überschüttet hatte. Bei dieser Heldentat wurde das Maschinengewehrnest genommen, zusammen mit vier Offizieren und 128 Mann und mehreren Maschinengewehren.
Dieser offizielle Bericht klingt also wesentlich nüchterner, es wird auch nicht gesagt, daß York die Gefangenen allein gemacht habe. Ihm war ein namentliches Verzeichnis beigefügt von sechs deutschen Offizieren und 207 Mann, die am 8. Oktober bei Chatel-Chéhery von den Amerikanern gefangen genommen wurden und die teils der 2. Württembergischen Landwehr-Division, teils der 45. Reserve-Division angehörten.
Zieht man die vier Offiziere und 128 Mann, die York alleine zu Gefangenen gemacht haben soll, hiervon ab, so haben alle anderen amerikanischen Truppen in den den ganzen Tag dauernden Kämpfen zusammen nur zwei Offiziere und 79 Mann gefangen genommen.

Zum Verständnis der Lage müssen wir einen Blick auf die Karte werfen. Im Abschnitt der 2. Württembergischen Landwehr-Division rechts das Landwehr-Infanterie-Regiments 122, in der Mitte LIR 120 und links LIR 125 eingesetzt in der Linie Wald von Chatel, Hohenborn-Höhe, Höhe westlich Chatel, Schloßberg, Schöne Aussicht. Die Amerikaner nahmen am 07. Oktober die Höhe Schöne Aussicht und gelangten bis an den Osthang des Schloßberges. LIR 120 erhielt Befehl, unterstützt durch das zur Verfügung gestellte Reserve-Infanterie-Regiment 210, der Eingreif-Division – 45. RD, den Schloßberg zu stürmen, und zwar sollte dies von Oberleutnant der Reserve Vollmer mit I./LIR 120 ausgeführt werden, während LIR 125 mit RIR 212 der 45. RD sich wieder in den Besitz der Höhe „Schöne Aussicht“ setzen sollte. Zu diesen Gegenangriffen kam es aber am 07. Oktober nicht, vielmehr setzte der Amerikaner während des Tages seine Angriffe fort. RIR 210 stand am 07. Oktober nachmittags in Bereitschaft am Humser Berg. Es nahm am 08. Oktober 4 Uhr vormittags eine erneute Bereitstellung in der Mulde 800 m westlich Chatel, 400 m nördlich Straße Chatel – Bayernrücken um bei Angriffen gegen den Schloßberg das LIR 120 zu unterstützen.
Über die Ereignisse am 08. Oktober schreibt das Kriegstagebuch des Regiments: „Gegen 7 Uhr greift der Amerikaner nach starker Artillerievorbereitung an, bricht rechts und links der Hohenborn-Höhe durch und gelangt so dem bereitgestellten Regiment in den Rücken. Größere Teile des Regiments werden gefangen genommen. Die Reste werden dem LIR 120 zur Verfügung gestellt.“

 

Skizze des Reichsarchivs

 

Aus der Akte der 2. LD „Gefechtsnotizen, Befehle, Meldungen vom 04. – 11.10.1918“ ersehen wir folgendes:
„Rittmeister von Sick, der Kommandeur III./120, der die Hohenborn-Höhe hielt, meldete 8.40 vormittags RIR 210 sei 6 Uhr vormittags nur in Stärke von 2 Offizieren und 15 Mann eingetroffen. Er meldet nach dem amerikanischem Angriff 10.15 vormittags: Schloßberg vom Gegner stark besetzt. Er versucht nun durch Tal westlich davon in Richtung Waldrand bei Zahl 153 vorzudringen. Deshalb wurde 4./LIR 120 zur Abriegelung eingesetzt, links angelehnt an 7./125, dahinter 2 Züge bayerische Mineur-Kompanie 7 als Reserve, sodass Durchbruch dort nicht zu befürchten ist.“
Die 2. LD befiehlt, 10.35 vormittags, dass zur Abriegelung des amerikanischen Einbruchs alle hinter dem linken Flügel des LIR 122 stehenden Kräfte einzusetzen sein.
11.20 Uhr vormittags gelangt an die Divison Meldung, amerikanische Patrouillen seien 300 m östlich der Nord-Süd Straße gesehen worden (also etwa Y), unsere Landwehr-Pionier-Kompanie 13 läge am Humser Berg. Eine 11.30 vormittags kommende Meldung dieser Landwehr-Pionier-Kompanie 13 sagte: „Drei aus Gefangenschaft zurückgekehrte Pioniere der bayerischen Mineur-Kompanie 7 sagen aus: Größter Teil der bayerischen Mineur-Kompanie 7 gefangen, dabei Teile des LIR 120. Habe zwei Offiziers-Patrouillen an LIR 120 nach vorne gesandt. Rittmeister von Sick anscheinend auch gefangen. Bayerische Mineur-Kompanie 7 stand auf dem Weg nordwestlich Hohenborn Höhe, wurde in Flanke und Rücken gefaßt.“
Der Regiments-Stab 120 aber meldete 12.10 Uhr nachmittags an die Division: „Beim Bataillon von Sick keine Veränderung, es ist über Rückenbedrohung unterrichtet. Soeben meldet Patrouille von RIR 210, dass Offiziere usw. von 210 gefangen. Nach Aussagen soeben zurückgekehrter Angehöriger dieses Regiments sei es umfasst, größere Teile gefangen genomen worden.“
Rittmeister von Sick sandte 12.30 Uhr nachmittags von einem Punkt 1 1/2 km südlich Humser Berg folgende 3 Uhr nachmittags eingetroffene Brieftaubenmeldung: „Auf Meldung II./LIR 120, dass Gegner nördlich von mir durchgebrochen und in Richtung Humser Berg – Nord-Süd-Straße mit dicken Schwärmen vordränge, entschloß ich mich 11.30 Uhr vormittags mein Bataillon zurückzunehmen und im Anschluss an LIR 122, das benachrichtigt wurde, die Nord-Süd-Straße mit Front nach Osten zu besetzen. Diese Bewegung wurde in guter Ordnung durchgeführt. Jetzt 12.30 Uhr nachmittags ist Verbindung mir rechtem Flügel Elisabeth aufgenommen. Mittags erfolgte ein neuer starker amerikanischer Angriff, der unter starken Feindverlusten abgeschlagen wurde. Die Amerikaner drangen am rechten Flügel sogar in Cornay ein, wurden während der Nacht durch einen Angriff von zwei Bataillonen des RIR 212 wieder hinausgeworfen. Die 2. LD aber nahm während der Nacht ihren rechten Flügel auf Befehl der Gruppe zurück, sodass sie nun mit Front nach Süden in Linie Wald von Mary – Humser Berg – Cornay stand. Weiter war aus den Akten nichts festzustellen.
Es wurden nun mit Unterstützung durch Oberstleutnant von Baldenwang, Zweigstelle Stuttgart, Anfragen an die beteiligten Offiziere gesandt, auch an die in der amerkikanischen Liste als Gefangene aufgeführten, die meist der 2. LD angehörten, natürlich waren die Namen falsch geschrieben. Es folgte in den Antworten ein Sturm der Entrüstung, dass dieser Vorfall sich gerade bei der württ. 2. LD ereignet haben sollte, deren außerordenlich tapfere Verteidigung der Argonnen nicht nur vom Generalkommando, dem Armee-Oberkommando und der Heeresgruppe Deutscher Kronprinz, sondern auch vom amerikanischem Oberbefehlshaber, General Pershing und den amerikanischen Generälen Lee Bullard und George B. Duncan ausdrücklich anerkannt worden sei. Eine Aufklärung brachten die zunächst eingehenden Berichte nicht. Es wurde nur festgestellt, dass der amerikanische Angriff am 08. Oktober zunächst das den Westhang des Schloßberges haltende Bataillon Müller des LIR 125 traf. Dieses bestand aus Resten des II. und III. Bataillons und des Garde-Elisabeth-Regiments (Königin Elisabeth Garde-Grenadier-Regiment Nr. 3). Dieses Bataillon Müller wurde von beiden Seiten umfasst und im Rücken bedroht. Es zog sich in eine Stellung westlich Cornay, Front nach Süden zurück. Hierbei fiel der Bataillons-Kommandeur Hauptmann Müller. Auch die 1./ Kompanie Maschinengewehr-Scharfschützen-Abteilung 47 war hier eingesetzt gewesen, aber zurück gegangen, nachdem sie keine Munition mehr hatte. Es ist bereits klar, dass  bereits bei diesem Kampf den Amerikanern viele Gefangene in die Hände fielen.

Erst der Bericht des jetzigen Major a.D. von Sick brachte einige Klärung. Er lautete: „Am 08.10.1918 lag ich mit meinem Bataillon, III. LIR 120 auf der Hohenborn Höhe, westlich Chatel, rechts Anschluß an Bataillon Krimmel, II. LIR 120, links Anschluß an LIR 125. Es herrschte starker Nebel, sodass man kaum 30 m weit sehen konnte. Früh am Morgen hörte ich im Rücken meines Gefechtsstandes, also im Tal nördlich der Hohenborn Höhe, heftiges Gewehrfeuer. Bald darauf kamen einige Leute der 4./ Kompanie mit der Meldung, starker Feind sei bei ihnen durchgebrochen, eine Anzahl von ihnen sei gefangen, darunter auch Oberleutnant Vollmer. Ich glaubte zunächst nicht daran, sondern nahm an, dass eine feindliche Patrouille im Nebel durch unsere Linien durchgestoßen sei. Ich sandte deshalb eine Patrouille nach Norden, die nach einiger Zeit mit der Meldung zurückkehrte, von der 4./ sei nichts zu finden, aber starke feindliche Kräfte gingen in der Schießtalmulde in Richtung auf den Aussichtsturm Humserberg vor.

Das der genannte Sergeant York vom 328. amerikanischem Regiment hierbei einige Gefangene gemacht hat, kann wohl sein, wenig glaubhaft erscheint mir die allein vollbrachte Tötung von 25 Deutschen, noch weniger die Gefangennahme von 132 Deutschen und ganz erlogen die 35 Maschinengewehre. Ich wüsste nicht, wo er auf dem engen Raume die 35 Stück hätte finden sollen, selbst wenn er die leichten MG dazu rechnen würde. Ich glaube nicht, dass im ganzen Raume zwischen Chatel und Nordsüd-Straße überhaupt an dem Tage 35 MG eingesetzt waren.

Ganz unglaubhaft erscheint die Schilderung wie der deutsche „Major“ zweimal durch einen Pfiff nur die nahezu 132 >Deutschen veranlasst haben soll, sich zu ergeben!
So demoralisiert waren unsere Truppen nicht, besonders nicht die der 2. Landwehr-Division, die sich bis zum Schluss ausgezeichnet geschlagen hat, und insbesondere nicht die MG-Schützen der Division, die aus lauter jungen vorzüglich ausgebildeten Leuten bestanden, und die ohne Übertreibung geradezu als eine Elitetruppe bezeichnet werden konnten. 
Vielleicht hat sich der großsprecherische Sergeant auf dem Heimweg noch von anderen gemachte Gefangenen zu seinen eigenen dazugezählt!

Mit dem Major kann vielleicht der damals tatsächlich gefangen genommene Bataillons-Führer I./120 Olt. Vollmer gemeint  sein. Was ich hier aus eigener Erinnerung zur Klarstellung des Falles beitragen kann, ist nicht viel, da der dichte Nebel eben jede Übersicht verhinderte. Als Kronzeuge käme wohl vor allem der damalige Olt. Vollmer in Betracht, der, soviel ich weiß, im Zivilberuf württembergischer Postbeamter war. Ferner Hptm. Krimmel, jetzt Fabrikdirektor in Reutlingen.“

So glänzend, wie sie hier dem Major v. Sick in Erinnerung, war nun freilich die Kampfkraft damals nicht mehr; denn in der erwähnten Akte der 2. LD ist am 08. Oktober abends eingetragen: „Von den Regiments-Kommandeuren kommen täglich Drohbriefe. Bei den Leuten ist allmählich jede Widerstandskraft gebrochen.“ Wie es bei der 45. RD aussah, geht aus einem Bericht des Kompanieführers 11./RIR 21, Lt. d. R. Scheicher, Lehrer in Weißenfels, vom 08.Februar 1929 hervor: „Wer die Stimmung unsere Truppen in jenen Tagen kennt, muß jedoch zugeben, das es den Amerikanern verhältnismäßig leicht war, Heldentaten zu verrichten. Ich muß durchaus bestätigen, dass der Kampfwert der Truppe sehr erheblich herabgesunken war. Wenige Tage vorher konnte ein Gegenstoß nicht ausgeführt werden, da unsere Leute einfach nicht mehr nach vorne zu bringen waren. Als ich an der Spitze meiner Kompagnie das feindliche Sperrfeuer durcheilte, kam ich mit 1 Vizefeldwebel und 4 Mann allein vorne an, alle andern waren von der Kompagnie „abgekommen“. Als ich dann den Rückweg im gleichen Lauf gemacht hatte, fand ich die Leute in Trupps zusammen mit anderen Kompagnien und sogar mit deren Führern am Waldrande liegen. Jeder Zwang wäre Wahnsinn gewesen.

Doch ist dieser Zustand erklärlich:

1. Die Truppe befand sich seit dem 26.09., dem Beginn der Offensive der Entente, in den vorderen Stellungen. Die lange Dauer der seelischen Anspannungen, regnerisches Wetter und durchweichter Boden, auf dem man im Freien ohne jeden Schutz übernachten mußte, hatten die Stimmung allgemein herabgedrückt.

2. Die Truppe bestand zu einem guten Teil aus Leuten, die kaum für den Frontdienst geeignet waren. Die Ersatzmannschaften, die ins Feld rückten, waren nach Figur, Gesundheitszustand und Ausbildung sehr mangelhaft.

Diesen unseren Leuten standen Amerikaner gegenüber, die – soweit mir bekannt ist – alle 2 Tage abgelöst wurden, durchaus kräftige gesunde Leute, die zum größten Teil freiwillig ins Feld geeilt waren, und denen, wie ich auf dem Transport in die Gefangenschaft sehen konnte, alle Hilfsmittel zur Verfügung standen: Nahrungsmittellager auf offener Straße zur freien Benutzung und Kraftwagen in Hülle und Fülle. Das es diesen wohlausgerüsteten Leuten leicht war unsere mißmutigen Leute zu überrumpeln, ist mir klar, wenn mir auch die ganze Art der Darstellung obiger Heldentat übertrieben erscheint.

Aus diesem Bericht allerdings eines Offiziers vom RIR 212 haben wir wohl auch die Erklärung dafür, das auf dem Bereitstellungsplatze des RIR 210 zunächst nur 2 Offiziere und 15 Mann eintrafen, es sollen aber später 150 Mann im Ganzen dort zusammengekommen sein. Das in den weiteren Berichten geschilderte Verhalten dieser Leute ist auch ohne obige Erklärung nicht verständlich.
Der Bericht des Major Krimmel, II./120 brachte keine Klärung. Er stellte aber fest, dass dort gar keine Schützengräben gewesen seien, mithin auch nicht 1 deutscher Offizier und 5 Mann aus einem Graben springen konnten. (Ein Wald-Graben war aber vorhanden.) Auch bestehe ein Widerspruch, da York zuerst sagt, er habe den Major mit 15 – 20 Mann beim Frühstücken ohne Gegenwehr gefangen genommen, nachher aber, es sei ihm gelungen den Major zu erwischen.
Sonderbar sei, daß sich nach der Schilderung jedesmal ein Mann fand, der Widerstand leistete, und den York dann tötete.

Einen genaueren Einblick aber gab der Bericht des 1. Generalstabsoffizier der 2. Landwehr-Division, Major Spang vom 14.02.1919: „Am 08.10.18 griff der Amerikaner unter Einsatz stärkster Kräfte die 2. Landwehr-Division erneut an. Die Division hatte tags zuvor sehr starke amerikanische Angriffe abgewehrt, aber durch diese Angriffe, besonders das auf der Mitte und dem linken Flügel liegende schwere Artilleriefeuer sehr schwere Verluste erlitten. Die Stellung wurde aber am Abend, im Laufe der Nacht und am frühen Morgen des 8. Oktober notdürftig geflickt.“
Es folgt die Angabe der Besetzung der Stellung.
„Die Reste des I./LIR 120, das am Tage vorher durch starken Artilleriebeschuß schwerste Verluste erlitten hatte, und die bay. Mineur-Kompanie, befanden sich im Zwischengelände, auch R.I.R. 210, das etwa 150 Gewehre zählte.
Zu einer durchlaufenden Besetzung der Stellung reichten die Kräfte nicht aus. Es waren an den taktisch wichtigsten Geländepunkten Widerstandsnester und Anklammerungspunkte eingerichtet.
Unter dem Schutze starken Nebels, der am 08. Oktober über der Aire-Niederung und den Osträndern der Argonnen lag, griff der Amerikaner am Vormittag gegen den linken Flügel der Division über Châtel-Chéhery-Mühle in Richtung Humser Berg – Cornay an. Begünstigt durch den Nebel, den dichten, nicht abgeholzten, wenig zerschossenen und schluchtenreichen Wald gelang es ihm, an einzelnen Stellen in die Stellungen einzubrechen und wohl auch mit Teilkräften bis zu den örtlichen Reserven westlich des Schloßbergs vorzudringen. In diesen Kämpfen haben hauptsächlich das I./LIR 120, das RIR 210 und die bayerischen Mineur-Kompanie 7 gelitten.

Es kamen damals Hiobsbotschaften über Hiobsbotschaften, die meist übertrieben, teilweise unrichtig waren. So erhielt die Division von Spähern und über die Infanterie-Brigade die Meldung, dass Teile des RIR 210 auf den Zuruf einiger Mannschaften „die Amerikaner kommen“ abgeschnallt, die Gewehre weggelegt und sich gefangen gegeben hätten.
Es war unmöglich mit Rücksicht auf die Gefechtsführung im Großen jede einzelne Meldung eingehend nachzuprüfen. Zur Klärung der Lage war der 2. Generalstabs-Offizier, Hptm. Winzer, zur Infanterie-Brigade und zu den Regimentern entsandt. Es ist möglich, dass zwischen diesen Meldungen und der Tat des Korporals York ein Zusammenhang besteht. Mir ist nichts davon bekannt, dass Teile der eingesetzten Verbände sich einem einzelnen Mann mit nur wenig Begleitern gefangen gegeben hätten.“
Im übrigen bezweifelt Major Spang die Richtigkeit der Angaben des Sergeant York.

Hauptmann Winzer berichtet am 11. März 1929: „Im Hintergelände der Division herrschte regelrechte Panik. „Die Amerikaner sind durchgebrochen.“ Um die zahlreich zurückströmenden Leute einzufangen, wurde von der Division eine verfügbare Schwadron zur rückwärtigen Absperrung eingesetzt. Der Infanterie-Brigade-Stab war ohne Verbindung und Nachrichten. Ich war hiernach überrascht, als ich in den vorderen Stellungen eine verhältnismaßig gefestigte Stellung vorfand. Die Truppe litt stark, war jedoch durchaus Herr der Situation, von Panik keine Spur.“ Hauptmann Winzer hat sich nie erklären können, wodurch damals die Panik erstanden ist, es könnte wohl sein durch das Auftreten amerikanischer Patrouillen hinter der Front. Die Einzelheiten der Tat aber dürften wohl zum Teil einer späteren ausschmückenden Phantasie entsprungen sein, dies sei ja psychologisch keine ungewöhnliche Erscheinung.

Es war schon längst klar geworden, dass mit dem „Major“ niemand anders gemeint war als der Bataillons-Führer I./L120, Oberleutnant d.R. Vollmer, jetzt Postdirektor in Stuttgart. Seit Monaten wurde vergeblich auf einen Bericht von ihm gewartet, endlich erschien er am 08. April auf fortgesetztes Drängeln hin bei Oberstleutnant v. Haldewang, zeigte hierbei eine große Befangenheit und gab auch den Bericht, den er bei sich hatte, nicht ab. Es waren nämlich mittlerweile 2 Berichte eingegangen, die ihm vorgehalten wurden, und er hielt es daraufhin für angebracht seinen eigenen Bericht zu ändern.

Der eine Bericht war von einem Zugführer der 4./LIR 120, Lt. d. R. Grübler, vom 03. März 1929. Er lautete: „Ich entnehme die Schilderung meinem Tagebuche, das ich in Kriegsgefangenschaft, rückgreifend bis 29. September 1918 geführt habe.
Gegen Abend des 07. Oktober besetzten wir die Stellung westlich des Schloßberges. Ich teilte sofort die Posten für die Nacht ein und ging den ganzen Kompagnieabschnitt noch einmal ab, wobei ich feststellte, dass wir nach rechts keinen Anschluß hatten. Ich sandte sofort Patrouillen aus, die diesen suchen sollten. Sie meldeten noch während der Nacht, dass sich rechts von uns die 2./MGK befände. Mir selbst kam die Lage sehr gefährlich vor; denn es war leicht möglich, dass die Amerikaner durch die Lücken im Bereich der 2./MGK uns in den Rücken kommen konnten. Ich machte meinen Kompagnieführer darauf aufmerksam und veranlaßte, dass eine Ordonannz an das Bataillon gesandt wurde, die den Btl-Kdr. darauf aufmerksam machen sollte, ich welch gefährlicher Lage wir uns befänden und veranlassen sollte, daß die Kompagnie die Höhe 2 besetzen durfte. (Hiermit war die Höhe südlich der Mulde gemeint, in der die 4./120 sich befand.) Leider drang mein Vorschlag nicht durch. Nach Mitternacht versuchte ich nochmals, nachdem ich in der Nacht vergeblich versucht hatte, die 2./MGK aufzufinden, eine Änderung der Lage herbeizuführen, indem ich an den Btl.-Kdr. melden ließ, daß, falls die Lücke nicht ausgefüllt würde, ich auf eigene Verantwortung die Höhe 2 mit einem Teil der 4./ Kp besetzen. Als Befehl kam zurück: „Die angewiesene Stellung ist auf jeden Fall zu halten.“

Gegen Morgen erhielten wir als Unterstützung eine Kompagnie R.I.R. 210, sowie bayerische Mineure. Die Amerikaner gingen inzwischen in Richtung Cornay vor, wir nahmen sie ordentlich unter Feuer.
Nun erschien der Bataillonskommandeur, Oberleutnant Vollmer mit seinem Adjutanten Lt. Class, um unsere Lage selbst in Augenschein zu nehmen. In demselben Augenblick ging hinter unserem Rücken ein großer Lärm los. Die amerikanische Artillerie riegelte uns durch starkes Feuer auf die Höhe 2 ab, mit Gewehrgranaten wurde unsere Kompagnie überschüttet, wobei es zahlreiche Tote und Verwundete gab. Der Btl.-Kdr. gab mir sofort den Befehl mit meinem Sturmtrupp den Waldrand zu halten, während er selbst mit meinem Kompagnie-Führer, sowie den anderen Offizieren und Mannschaften, also Rest der 4./ Kompagnie etwa 25 Mann, Regt. 210 etwa 40 Mann, bayer. Mineure etwa 20 Mann die Amerikaner zurücktreiben wollten. Etwa eine Viertelstunde herrscht ein großer Lärm und es wird viel geschossen, auf einmal wird alles ruhig. Auch das Artilleriefeuer verstummt. Die Sache kam mir nicht geheuer vor. Ich übergab meinen Stoßtrupp dem Offiziersstellvertreter Hägele und wollte mit 2 Mann selbst nachsehen. Kaum war ich etwa 100 m von dem Stoßtrupp entfernt, als wir 3 Mann plötzlich unter den Amerikanern standen, die mit aufgepflanztem Seitengewehr auf uns angelegt hatten. Sie riefen uns zu, ob wir uns ergeben wollten. Ich sah das Nutzlose unserer Gegenwehr ein und fügte mich in das herbe Schicksal.
Von hier ab möchte ich nun wiederlegen, daß das in der schwedischen Zeitung geschilderte nicht für unseren Abschnitt in Frage kam; denn uns 3 begleiteteten 3 Amerikaner, während der Rest gegen meinen Stoßtrupp vorging. Ich kam auf einer Strecke von 20 m an mindestens 20 Amerikanern vorbei. Am Ausgang des Waldes waren in einem Graben, den ein leichtes MG meiner Kp. vorher eingenommen hatte, mindestens eine Gruppe Amerikaner, außerdem sah ich, daß Oblt. Vollmer und die anderen Offiziere von 8 Amerikanern umringt waren, die mit angelegten Revolvern den reinsten Indianertanz um sie herum aufführten.
Mich selbst erkannten die Amerikaner nicht als Offizier; denn ich hatte über meiner Uniform einen sogenannten Grabenmantel ohne Abzeichen. Ich wurde dann auch mit den Mannschaften von mindestens 12 Amerikanern abtransportiert, während die Offiziere für sich abtransportiert wurden. Nach meiner Schätzung müssen hier mindestens 100 Amerikaner eingesetzt worden sein, auch weist das Artillerie-Abriegelungsfeuer darauf hin, daß diese Umgehung und der Angriff planmäßig vor sich ging.
Den Oblt. Vollmer fragte ich in Varennes, wo ich ihn wieder traf, wie es kam, daß sie nicht durchkamen. Er erwiderte mir darauf: Die 210er, sowie die Mineure hätten sich schlecht gehalten, mit vorgehaltenem Revolver hätte er sie zum Vorgehen zwingen müssen. Dadurch seien die Leute der 4./ auch verwirrt worden.
Ich glaube nun Ihnen mit der wahrheitsgetreuen Schilderung der damaligen Ereignisse gedient zu haben und bin gerne bereit jede weitere Auskunft zu geben. Ich möchte hier noch erwähnen, daß die Stimmung in meiner Kompagnie eine durchaus gute war; denn von uns glaubte noch niemand an ein baldiges Ende des Krieges. Auch war die Stimmung insofern gehoben, als die Amerikaner noch nicht erreicht hatten, uns nur einen Meter Boden zu nehmen. Wie mußten immer nur auf Befehl unsere Stellung nach rückwärts verlegen.

 

 

Der andere der beiden erwähnten Berichte ist der des Lt. d. R. Glass vom 04. März 1929. Er lautet:

„Am 08. Oktober 1918 bei Tagesanbruch wurde ich als Stellvertreter für den erkrankten Bataillons-Adjutanten Lt. Bayer zum Stabe des I./LIR 120 befohlen. Das Bataillon führte Oberleutnant Vollmer (sehr wahrscheinlich der fragliche Major). Das Bataillon lag in einer Waldschlucht. Am Ausgang derselben am Waldrand lag als Sicherung und 1. Stellung die 4./Kp mit Front gegen die Straße Cornay – Chatel. Diese Kompagnie meldete Angriffsabsichten des Amerikaners. Daraufhin begab sich Oberleutnant Vollmer in Begleitung von mir und vielleicht 2 Ordonnanzen nach vorn. Wir sahen die Stellung der 4./ Kompagnie an. Die Kompagnie lag ziemlich auseinandergezogen, ein Graben war nicht vorhanden. Den Kompagnie-Führer trafen wir nicht, dagegen den Zugführer Lt. Kübler. Der Anschluß war noch nicht vollzogen, bei dem unübersichtlichen Gelände war dies bei Nacht auch kaum möglich. Hinter der Stellung der 4./ Kompagnie trafen wir einige Gruppen von einem fremden Regiment, wohl RIR 210. Dieselben hatten abgehängt, abgeschnallt und frühstückten. Vielleicht war dies der „bei der Morgenmahlzeit überraschte Stab.“ Ich kann mich nicht mehr entsinnen, ob ein Offizier dabei war. Als wir unser Erstaunen über ihre Sorglosigkeit ausdrückten, erklärten die Leute, sie seien die ganze Nacht getippelt und müßten erst mal futtern. Wir wußten, das dies die ersten Teile der versprochenen Unterstützungs-Division (45. RD) waren.

An einer Stelle, die uns über das Gesträuch wegsehen ließ, bemerkten wir halbrechts der Front der 4./ Kompagnie Amerikaner auftauchen, die rasch wieder verschwanden. Daraufhin schickte der Bataillons-Führer mich allein auf Patrouille, um zu erfahren, wo die Amerikaner blieben. Da in dem Haselnuß und Brombeer-Gesträuch ein rasches Fortkommen schwierig war, begab ich mich wieder an den Waldrand, verließ die 4./ Kompanie und drang etwa 150 m nach rechts vor. An dieser Stelle lagen etwa 3 Lederzeuge und ein toter Deutscher. (Es kann also sein, dass York hier den einen Mann erschossen hat und drei sich ergeben haben.) Von dieser Stelle aus sah ich nun die Amerikaner in geringer Entfernung auf einer kleinen Wiese am Waldrand. Sie drangen in Reihen und Doppelreihen wieder in den Wald ein. (Dies muss also schon eine stärkere Truppe gewesen sein.)
Das Gelände stieg wieder an, so dass ich sie gut beobachten konnte. Ich zog mich so rasch wie möglich auf dem gleichen Weg zurück. Ich machte Gruppen und besonders die Maschinengewehre an denen ich vorbeikam, auf den Flankenangriff oder besser gesagt Rückenangriff aufmerksam. Ich suchte nun den Bataillons-Führer und erfuhr, er sei eben etwas zurückgegangen. Vielleicht 70 m hinter der Linie sah ich in in geringer Entfernung. Ich sprang auf ihn zu, da war ich schon von einigen Amerikanern umringt. (Dies waren also andere Amerikaner, als die, die Lt. Glass vorher beobachtet hatte.) Nun erst sah ich, dass Oberleutnant Vollmer bereits gefangen war. Ob außer ihm noch Gefangene da waren und wie viel Amerikaner das waren, kann ich nicht mehr bestimmt angeben. Dagegen erinnere ich mich ziemlich deutlich an den Führer der Amerikaner, der mir die Pistole vorhielt. Es war ein großer kräftiger Mann mit rötlich gestutzten Bart, dickes Gesicht, vielleicht sommersprossig. (Diese Beschreibung passt auf York, dessen Fotografie in der schwedischen Zeitung veröffentlicht wurde.) Ich wurde nicht als Offizier erkannt. Da ich während der Kampfhandlung befördert wurde, hatte ich mir für den Mantel, den ich trug, keine Achselstücke besorgen können, ebensowenig entsprechendes Schuhzeug.Vielleicht waren bei diesen ersten Gefangenen die Unteroffiziere Willig und Kirchherr der 1./MGK, die Plätze für ihre ihnen folgenden MG suchten (Es waren also noch MG im Walde unterwegs). Außer diese beiden und dem schon genannten Lt. Kübler kannte ich niemanden von den Gefangenen.

Die Amerikaner trieben uns die Höhe hinan (also auf die südliche Höhe 2). Plötzlich sprang ein deutscher Offizier mit einigen Leuten mit aufgepflanztem Seitengewehr uns von links, also von unserer Stellung her, an. Nun gab es ein Geschrei, von dem ich nur noch die Worte weiß, die der Offizier und Oblt. Vollmer wechselten: „Ich ergebe mich nicht!“ – „Es hat keinen Sinn!“ – „Ich mache es auf ihre Verantwortung!“ Der Offizier war Lt. Thoma von der bayer. Mineur-Kompanie (Glass schrieb irrtümlich bayr. Minenwerfer-Kompagnie). Das der Amerikaner auf Oblt. Vollmer einredete und ihm drohte, mag sein. Das der Amerikaner die Begleiter des Lt. Thoma niedergeschossen, habe ich nicht gesehen.

Ob nun schon bei diesem Vorfall oder wenige Schritte später, plötzlich sahen wir vor uns einen Graben, der etwa 1 m tief gewesen sein mag, der war dicht besetzt, und zwar nicht nur auf Tuchfühlung, sondern gleichzeitig noch in Rotten. Einige MG konnte ich ebenfalls erkennen. Diesen Graben konnte ich auf etwa 30 m Breite sehen. (Dies war also wieder eine andere starke amerikanische Abteilung, die sich eingegraben hatte). Ungefähr 10 m vor diesem Graben lag ein Verwundeter mit einem Bauchschuß. Derselbe lag auf dem Rücken und der Ausschuß schien vorn zu sein. Zwei Amerikaner bemühten sich um ihn. Ich hatte ihn nicht erkannt, doch sagte Oblt. Vollmer nachher, es sei der Kp.-Führer der 4./ Kp Lt. Endress. Wir überschritten nun den Graben und kamen nachher auf die Waldwiese, die ich kurz vorher bei meinem Patrouillengang gesehen hatte. Hier war ein Trupp von 20 – 30 Amerikanern. Es kamen immer wieder einige Gefangene, und es ist nicht ausgeschlossen, daß der im Bericht genannte Korporal York die 4./ Kp. allmählich von der Seite und von hinten aufrollte. Lt. Kübler wurde ebensowenig als Offizier erkannt. Ein älterer Herr, vielleicht Lt. Link, LIR 125, ist mir auch noch in Erinnerung.

Die Gefangenen, die ich auf höchstens 80 Mann geschätzt hätte, mußten sich in Doppelreihe aufstellen. Vor dem Abmarsch nahmen die Amerikaner die 4 Ersten als Spitze. Dies waren Oblt. Vollmer und ich, soviel ich mich erinnern kann, auch noch ein anderer Offizier, aber nicht Lt. Kübler. Die Kolonne marschierte ab, und was anscheinend in der schwedischen Zeitung weg blieb, möchte ich der Vollständigkeit wegen erwähnen. Die Amerikaner bedrohten uns mit Erschiessen. Oblt. Vollmer sagte es zuerst, es verstand sonst niemand etwas. Auf die deutsche Frage: „Was wollen sie von uns?“ kam die deutsche Antwort: „Sie werden erschossen!“ Die Amerikaner rissen ihre Pistolen heraus, stellten uns unter einen Baum und unterhielten sich lebhaft. Plötzlich kam einer hinzu und und sprach ziemlich erregt mit den anderen. Daraufhin hieß er uns sitzen und begann Hr. Oblt. Vollmer auszufragen. Dann wurden ihm von einem anderen Amerikaner die Achselstücke vom Mantel abgeschnitten, der Mantel geöffnet und das Eiserne Kreuz I. Kl. weggenommen. Auf seine Proteste und Abwehrbewegungen kam nur das Wort „Stillhalten!“. Nachher bat Oblt. Vollmer den verwundeten Kompanie-Führer der 4./ mitnehmen zu dürfen, den wir nach Chatel brachten. (Dieser Vorfall ist also noch vor dem Abmarsch gewesen.) Abschließend möchte ich besonders hervorheben, daß ich mich nicht entsinnen kann, daß Leute sich auf Pfeifen des Bataillons-Führer ergeben hätten. Der Ausdruck, die Leute, die sich ergaben, seien herunter gekommen, ist mir unerklärlich, da die Kompagnie auf der Talsohle lag.“

Am 23. April 1929 reichte nun endlich Oblt. Vollmer seinen Bericht an die Reichsarchiv Zweigstelle Stuttgart ein. Er lautete:
„Nach der Schilderung in der schwedischen Zeitung kommt für die Vorgänge nur der Abschnitt unmittelbar westlich des Schloßbergs bei Chatel in Frage, der vom LIR 120 besetzt war. Im Folgenden möchte ich die in Rede stehenden Vorgänge nach meiner Erinnerung schildern. Wenn ich auch in weniger wichtigen Dingen mich täuschen mag, bin ich doch dessen gewiß, daß ich hinsichtlich des Ausschlaggebenden mich auf mein Gedächtnis verlassen kann.
In der Frühe des 07. Oktober 1918 räumte das von mir geführte, links und rechts angelehnte I./LIR 120 befehlsgemäß die im Wald von Apremont innegehabte Stellung, die trotz starken Artillerie- und Infanteriefeuers vom 30. September bis zu diesem Tage gehalten wurde, ohne im Geringsten zu weichen. Das Bataillon marschierte rückwärts in Reserve, ich selbst als Nachhut-Kommandeur folgte um 6 Uhr und hatte bereits auf dem Rückmarsch unter teilweise stärkstem feindlichen Artilleriefeuer zu leiden. Da meine Versuche, mit Regiment und Brigade Verbindung aufzunehmen, nicht gelangen, das feindliche Artilleriefeuer bedrohlichen Charakter annahm (walzenförmiges Vorverlegen) und ich bei meinem Rückmarsch die neue Frontlinie nicht einwandfrei erkennen konnte, trat ich mit dem ganzen Bataillon wieder den Vormarsch an. Unterwegs traf ich den Regimentskommandeur, Major Ziegler, der mein Verhalten billigte. Das Bataillon lagerte sich im Laufe des Nachmittags an den Hängen südöstlich des Humser-Berges. Ich selbst ging die Front ab, bis der Einruch der Dunkelheit dies unmöglich machte. Hierbei bemerkte ich, daß der gegenüber dem Schloßberg befindliche, am Waldrand von Süd nach Nord sich hinziehende Abschnitt sehr schwach besetzt war. Ich ordnete daher an, dass die 4./ Kp. unter Lt. Endriss den Waldrand besetze und die Verbindung mit den Nachbarabschnitten aufnehme. Die Nacht verbrachte ich bei den Reserve Kompagnien. Am Morgen des 08. Oktober suchte ich den Bataillons-Stab v. Sick (III./LIR 129) auf, dem ich meine lebhafte Sorge über die schwache Besetzung auf dem linken Flügel äußerte. Herr v. Sick bat mich, den Befehl über den linken Abschnitt des Regiments zu übernehmen, da der ganze Abschnitt für ihn zu groß sei. Außer dem I./L 120 war mir noch die 7. bayer. Mineur-Kompanie unterstellt, die ich aber zunächst nicht sah.
Ich begab mich zur Orientierung sofort an die Front, kroch einen Teil derselben von rechts nach links ab, wobei ich feststellen mußte, daß der Feind sich offenbar unter dem Schutz der Nacht näher an unsere Stellung herangearbeitet hatte. (Der amerikanische Angriff, der 07 Uhr vormittags das Bataillon Müller/LIR 125 am Schloßberg traf und nach Norden abdrängte, ist also hinten nicht gehört worden.) Als ich ein Stück weit vorangekommen war, gewahrte ich, daß von der Höhe südlich Cornay deutsche Gefangene abgeführt wurden, die meines Erachtens dem Nachbar-Regiment 125 angehörten. (Dies ist richtig, es liegen sogar Berichte von Leuten vor, die dort gefangen genommen wurden.)
Mit Rücksicht auf die tagszuvor festgestellte schwache Besetzung des Waldrandes gegenüber der Höhe „Schöne Aussicht“ und in der Befürchtung, daß der Feind bei LIR 125 eingebrochen sei, befahl ich einer Kompanie mit einem Zug unter Führung eines Leutnants die Verbindung mit dem Nachbar-Regiment herzustellen. (Oberleutnant Vollmer setzt also links neben 4./ Kp einen Zug einer anderen Kp. des Bataillons ein.)
Da eine Angriffsabsicht des Feindes nicht zu erkennen war, wollte ich die mir unterstellten Formationen aufsuchen. (Das ist nicht recht klar ausgedrückt, Lt. Class berichtet, der Bataillons-Stab sei nach vorn gegangen, gerade weil feindliche Angriffsabsichten gemeldet wurden, aber gerade dann mußte Vollmer die Verstärkungen heran haben.)
Ich mochte etwa 300 – 400 m vom Waldrand entfernt sein, da hörte ich aus der Gegend, wo die Kompanie Endriss eingesetzt war, heftigen Lärm. Zugleich sah ich unsere Leute, verfolgt von amerikanischen Soldaten, westwärts zurückgehen. Ich eilte mit dem Adjutanten und einer Ordonnanz nach jener Stelle und traf unterwegs die Reste des RIR 210, etwa 30 – 40 Leute. Diese schnallten ab und hatten zum Teil schon abgeschnallt. Unter Vorhalten meines Revolvers veranlaßte ich sie, den Kampf aufzunehmen. Dies geschah. Und zweifellos unter Einfluß diesen Flankenfeuers bog der Gegner nach Süden oder Südwesten ab. Im demselben Augenblick erscholl von hinten Lärm. Als ich mich umwandte, sah ich über die Mulde hinweg den nach Osten abfallenden Hang östlich der vom Humser Berg nach Süden führenden Straße auf halber Höhe von einer stärkeren amerikanischen Abteilung in Zwischenräumen von etwa 5 Schritt besetzt (Oberleutnant Vollmer müßte sich jetzt bei K, der neue Feind bei Y befunden haben). Es bestand die Möglichkeit, daß die oben genannten m.E. bei LIR 125 eingebrochenen Truppen bis hinter den Rücken unserer nach Osten gerichteten Front vorgedrungen waren, oder aber, daß der nach Süden gerichtete Teil unserer Front (gemeint ist wohl LIR 122) vom Feinde eingedrückt worden war. Ich ließ die wenigen noch in meiner Nähe befindlichen Leute das Feuer nach diesem Gegner aufnehmen (die Entfernung wäre etwa 750 m gewesen), doch bald kam aus dem Grunde der Ruf : „Nicht schießen, Deutsche sind da!“ Die Lage war kritisch, da ich ein Führer ohne Truppe und die Beobachtung in dem mit dichtem Buschwerk vermischten Wald nahezu unmöglich war.

Doch blieb zum Entschluß keine lange Zeit. Plötzlich kamen mehrere amerikanische Soldaten auf mich zu, die unaufhörlich schossen. Ich erwiderte das Feuer so gut es ging, bis ich umringt – und allein war. Es blieb mir daher nichts anderes übrig, als die Waffen zu strecken. Einer der feindlichen Soldaten wies mir mit seiner Pistole den Weg; wo die übrigen blieben, weiß ich nicht. So kamen wir der Waldfront nahe (Oblt. Vollmer wurde also die 3 – 400 m , die er zurückgegangen war, wieder nach vorn gebracht) und stießen auf die bayerischen Mineure mit dem Lt. Thoma. Wie stark diese waren, war mir nicht bekannt, ich habe nicht mehr als 4 – 5 gesehen. Übrigens wußte ich gar nicht, dass die Mineure in meinem Abschnitt Stellung  bezogen hatten. Angesichts des nach meiner Kenntnis der Lage aussichtslosen Kampfes und um weiteres unnützen Blutvergießens zu vermeiden, verständigte ich Thoma von dem Vordringen des Feindes am rechten Flügel und im Rücken des Abschnitts. Nach einigem Zögern stellte er den Kampf ein. (Oblt. Vollmer hat also nichts davon gesehen, dass York, wie er phantastisch beschreibt, die einzelnen Begleiter des Lt. Thoma abgeschossen habe. York hat vielmehr den Oblt. Vollmer durch Bedrohung mit der Pistole veranlasst, den Lt. Thoma zur Einstellung des Kampfes zu Überreden.)
Hierauf wurde ich weiter geführt, überschritt die bisherige Stellung der Kompanie Endriss, wo ich Endriss selbst mit einem Bauchschuß schwer verwundet liegen sah. Schließlich kam ich allein mit dem amerikanischem Soldaten bei der unmittelbar vor der Stellung der 4./Kompanie (Endriss) lagernden Vorposten-Kompanie an. (Also auf der Wiese vor dem Waldrande). Hier befanden sich schon viele gefangene Deutsche mit einigen Offizieren, eine größere Anzahl folgte nach. (Diese Letzteren kann York also nicht zu Gefangenen gemacht haben.) Nachdem der amerikanische Leutnant mich auszufragen versucht hatte, ließ er mich und einige weitere Offiziere mit einer nicht mißzuverstehenden Bewegung seiner Handwaffe an einem Baum Aufstellung nehmen. Durch einen des Deutschen mächtigen amerikanischen Soldaten ließ ich dem Leutnant sagen, daß wir Gefangene seien und als solche nach dem Völkerrecht behandelt zu werden verlangen. Ich bat den Offizier noch, den schwer verwundeten Endriss bergen zu lassen. Dies geschah. Darauf wurden wir Offiziere nach Chatel abgeführt. Dort wurde ich von den übrigen Offizieren getrennt, in einen ehemals deutschen Bergstollen geführt und von einem amerikanischem Major vernommen.

Wenn York es war, der mich entwaffnete und zu der amerikanischen Vorpostenkompagnie führte, ist es höchst unwahrscheinlich, daß er der Führer der Truppe war, die uns in den Rücken kam, denn die einzelnen Vorgänge folgten zu rasch aufeinander, als daß er in der kurzen Zwischenzeit von der Höhe durch das dichte Gebüsch hätte zu mir gelangen können. Wie aus obigem ersichtlich ist, bestand mein ganzer Stab aus höchstens 3 Personen. An Kaffeetrinken dachte ich nicht. Von der weiteren Erzählung des York stimmt, wenn sie auf mich zutreffen soll, nur das eine, daß York mir ständig den Revolver in den Rücken hielt. Alles andere ist in das Reich der Fabel zu verweisen und dürfte mit amerikanischem Maßstab gemessener Großmannssucht entspringen. An Maschinengewehren sah ich meines Erinnerns nur ein einziges der Kompagnie Endriss, dass am Morgen des 08. Oktober noch der amerikanischen Vorpostenkompagnie auf wenige Schritte gegenüber lag. (Es ist klar, daß hiermit das Maschinengewehrnest gemeint war.) Minenwerfer habe ich keine gesehen, ich habe auch keine Kenntnis darüber, ob und wo diese Waffe eingesetzt war.

Schließlich darf ich noch mit einigen Worten des in der Truppe (LIR 120) herrschenden Geistes gedenken. Die am 23. September 1918 mit überlegenden Mitteln begonnene und im gleichen gleichen Maße fortgesetzte Angriffsschlacht der Entente riß ganz außerordentliche Lücken. So zählte die Gefechtsstärke der mit etwa 60 – 70 Mann in die Schlacht gezogenen Kompagnien nach einer Mitteilung des Herrn Rittmeister v. Sick am Mittag des 07. Oktober noch etwa 10 – 15 Mann. Hatte das I./LIR 120 auch noch erheblich mehr Kämpfer, so waren doch die Kompagnien durch das hartnäckige, Tag und Nacht anhaltende Feuer der Amerikaner, das äußerste Wachsamkeit erforderte, außerordentlich ermüdet, zumal Unterstände irgend welcher Art nicht zur Verfügung standen. Meine hierwegen beim Regiments-Kommandeur vorgebrachten Bedenken mußte dieser mit der Mitteilung erwidern, daß keinerlei Reserven hinter uns stehen. Beim Rückmarsch in die Reserve-Stellung am 07. Oktober und noch mehr beim Vormarsch in die Kampfstellung am gleichen Tage begegnete die Truppe zahlreichen Artilleriestellungen, die zusammengeschossen waren und sich in einem chaotischen Zustande befanden. Auf der vom Humser-Berg nach Süden führenden Straße lag ein Teil meiner eigenen Kompagnie 5./ LIR 120, teils tot, teils schwer verwundet, der einer einzigen feindlichen Granate zum Opfer gefallen war. Die Ermüdung der Truppe hatte einen derartigen Grad erreicht, daß mehrere Kompagnien es nicht mehr über sich brachten, das in der Nacht vom 07./08. Oktober herangeführte Essen von den Feldküchen abzuholen. Welch guter Geist in der Truppe herrschte, erhellt am besten daraus, daß die dem feindlichen Feuer am meisten ausgesetzte Kompagnie Endriss gegenüber der amerikanischen Vorpostenkompagnie bis zum völligen Versagen der physischen Kräfte aushielt.“
Soweit der Bericht des Oberleutnant Vollmer.

Es wurde nun durch Vermittlung des bayerischen Kriegsarchiv die Anschrift des Leutnant Thoma ermittelt, und dieser um eine Äußerung gebeten. Er schreibt am 16. Mai 1929:
„Ich will die Vorgänge bei meiner Gefangennahme, soweit sie mir in Erinnerung sind, gerne schildern, obwohl ich zur Klärung des in der schwedischen Zeitung erschienenen Artikels nur wenig beitragen kann.
In der Nacht vom 07./08. Oktober wurden 2 Züge meiner Kompanie, bei denen ich mich befand, dem württembergischen LIR 120 unterstellt und von diesem dem Oberleutnant d. R. Vollmer zugeteilt. Am 08. Oktober 1918, etwa 8 Uhr vormittags (also nach dem großen amerikanischem Angriff) erhielt ich von Oberleutnant Vollmer den Befehl, eine große Lücke in der vorderen Stellung auszufüllen. Ich ging mit einem Zuge vor, während ich den zweiten Zug bis zur Erkundung der Verhältnisse  hinter einem Hang in Reserve hielt. Beim Vorgehen kamen wir an Infanterie mit einer hohen Regimentsnummer, vermutlich R.I.R. 210, vorbei, die abgeschnallt frühstückten und über deren Sorglosigkeit und Gleichgültigkeit wir erstaunt waren. (Hier haben wir also wieder den frühstückenden Bataillons-Stab). Die vordere Linie lag auf einem mit Buchen und Unterholz bestocktem Höhenhang. Am linken Flügel traf ich ein sehr schwach besetztes MG, ich glaube, es war nur 1 Mann dabei. Von diesem Punkt aus hatte man einen guten Überblick. Ich gab meinem Zugführer den Befehl, eine Verbindungs-Patrouille nach rechts zu schicken und seine Leute aufzustellen und blieb selbst beim MG. Wir hatten mehrere Kasten Munition und, soviel ich mich erinnere, 1 oder 2 leichte MG mitgebracht.

Ich ließ sofort auf die Amerikaner, die sich auf dem links vor mir unbewaldeten Hang herum trieben, das Feuer aufnehmen. Es ist nicht ausgeschlossen, daß ich anfangs auch amerikanische Truppen beschoß, welche deutsche Gefangene abführten. Nach Erkennen der Situation wurde selbstverständlich auf solche Truppen das Feuer eingestellt. Nachdem die Feueraufnahme wieder geregelt war, und ich von meinem Zugführer noch keine Meldung hatte, jedoch aus der Richtung des aufgestellten Zuges (also von rechts her) lebhaftes Gewehrfeuer kam, wollte ich die vordere Linie weiter erkunden, und mich von der weiteren Aufstellung meines Zuges überzeugen. Nach einigen Schritten schon erscholl aber im Wald ein großes Geschrei und deutlich der Ruf: „Alles abschnallen!“
Ich faßte einige meiner Leute zusammen und eilte unter lautem Rufen: „Nicht Abschnallen!“ dem Geschrei entgegen.
Wir gingen mit aufgepflanztem Seitengewehr vor. Auf einmal stießen wir im Gebüsch auf Amerikaner mit deutschen Gefangenen, von welchen ich außer einigen Gefangenen meiner Kompagnie nur den Bataillons-Kommandeur Oberleutnant Vollmer erkannte. (Ich möchte erwähnen, daß Oberleutnant Vollmer angibt, er sei in diesem Augenblick mit dem ihm mit der Pistole bedrohendem Amerikaner alleine gewesen, was aber auch den Aussagen der anderen Offiziere widerspricht.) Ich wechselte mit Oberleutnant Vollmer einige Zurufe, deren Wortlaut ich nicht mehr genau weiß. Ich sagte ihm ungefähr: „Ich lasse mich nicht gefangen nehmen.“ Vollmer antwortete etwa: „Es hat keinen Zweck, wir sind umzingelt!“ Für ein Entweichen nach rückwärts war es zu spät. da hinter mir bereits einige Amerikaner auftauchten. Ich wurde dann mit den anderen Gefangenen abgeführt. (Also auch nach dieser Darstellung ist die phantastische Schilderung von dem Niederschiessen der einzelnen Leute durch York glatt erfunden, es hat überhaupt kein eigentlicher Kampf stattgefunden, da Thoma aus dem Gebüsch, nicht Graben, zufällig auf diese Gruppe Amerikaner stieß und sich gleich auf Veranlassung von Vollmer gefangen gab.) Thoma schreibt noch: „Aufzeichnungen über die Tätigkeit der Kompanie habe ich leider nicht, ich führte auch kein Kriegstagebuch.“

Auf Wunsch des Reichsarchiv wurden durch die Zweigstelle Stuttgart auch einige von den Mannschaften um Äußerung gebeten, deren Namen in dem amerikanischen Verzeichnis der Gefangenen standen. Einer derselben schildert, wie er mit 12 – 13 anderen Leuten der 4./ LIR 120 am 08. Oktober früh zurück gegangen sei, um Lebensmittel zu empfangen. Bekanntlich nahmen solche Lebensmittelempfänger, trotz des strengen Befehls, fast nie ihre Waffen mit. Er schreibt: „Als wir nun zur Kompagnie zurück eilen wollten, kamen etwa 8 Amerikaner von hinten den Berg herunter (also etwa bei Y), schossen wie wahnsinning auf uns hinein, so dass gleich einige fielen. Sie haben uns also nicht beim Kaffeetrinken ertappt, das ist eine Lüge. Nicht lang darauf als wir gefangen waren, kam oben auf dem Berge eine Mineur-Kompagnie daher, welche uns mit den Amerikanern beobachtete. (Das wird der zurückgehaltene 2. Zug der Mineur Kompagnie gewesen sein.) Dann feuerte die Mineur-Kompagnie auf uns hinein. Durch ein Geschrei stellte sie das Feuer doch bald wieder ein. Es dauerte aber nicht lange, dann wurden sie auch in die Schlucht zu uns hinein getrieben, sodaß die Zahl der Gefangenen immer gestiegen ist.“

Dieser Mann ist auch der Ansicht, es seien Massen von Amerikanern bei I./ LIR 125 durchgebrochen und ihnen in den Rücken gekommen, der Korporal solle sich nicht einbilden mit seinen 6 – 7 Mann die 4./ LIR 125 gefangen genommen zu haben.

Von diesen Leuten ist wohl der Ruf erschollen „Nicht schießen, hier sind Deutsche!“ Es ist aber nicht ausgeschlossen, daß der Ruf: „Alles abschnallen!“ von deutsch sprechenden Amerikanern erfolgte. Ich habe festgestellt, daß amerikanische Truppen in anderen Waldgefechten vielfach ähnliche Kriegslisten angewendet haben, durch Zurufe in deutscher Sprache unsere Leute verwirrten.
Über die sonstigen eingegangenen Berichte kann ich hinweg gehen, da sie zur Klärung des Falles nicht beitragen. Die vielen Maschinengewehre, die Sergeant York erbeutet haben soll, hat keiner der damals Gefangen genommenen gesehen, sie wären aber gar nicht zu übersehen gewesen, wenn sie wirklich zur Stelle gewesen wären. Im offiziellen Bericht des amerikanischen Kriegs-Departments ist auch nur von einigen Maschinengewehren die Rede. Da in der Nacht vom 08./09. Oktober die Front hier zurückverlegt wurde bis auf den Humser-Berg ist es immerhin möglich, dass eine größere Anzahl vielleicht zerschossener MG hier in den Waldungen liegen blieben und am Morgen des 09. Oktober von den Amerikanern gefunden wurden. Auch werden gewiß 25 tote Deutsche in den Waldungen gelegen haben, die York bei seinem Patrouillengang durchschritt. Aber für die Behauptung Yorks, daß er allein diese alle getötet habe, ist das keinerlei Beweis. Wir haben ja gehört, daß mehrere getrennte größere amerikanische Abteilungen in den Wald eingedrungen und die Gefangenen machten, die nach der Wiese am Südostrand des Waldes geschickt wurden, wo eine amerikanische Kompagnie lag. Der ganze Vorfall spielte sich ab zwischen 8.30 Uhr und 11 Uhr vormittags.

Der Abtransport der Gefangenen, den York übernahm, nach Chatel erfolgte tatsächlich ohne Zwischenfall. Wir wissen, dass Rittmeister von Sick sein Bataillon, III./ LIR 125, 11.35 Uhr von der Hohenbornhöhe zurücknahm, vorher aber starker Nebel herrschte. So kam es, daß zu dieser Zeit der Gefangenentransport ungehindert zu derjenigen Stelle zurückgebracht werden konnte, die die Deutschen am frühen Morgen des 08. Oktober noch besetzt hatten. Die Vorfälle mit den auf diese Kolonne schiessenden MG sind von York frei erfunden, die Gefangenen haben davon nichts gesehen.
Ich bin anfangs überzeugt gewesen, die Angabe Yorks, der Oberleutnant Vollmer habe gepfiffen, um das Feuer abzustopfen, müsse richtig gewesen sein; denn wie sollte York auf diese Erzählung verfallen sein, da er doch nicht wissen konnte, daß bei uns der Pfiff mit der Trillerpfeife das Zeichen für das Abstopfen des Feuers ist. Nun habe ich aber erfahren, daß der Pfiff mit der Trillerpfeife in der amerikanischen Armee dieselbe Bedeutung hat. Dann gehörte keine große Phantasie dazu zu glauben, Oberleutnant Vollmer habe gepfiffen, was von den Anderen bestritten wird.

Was ist also der wahre Kern dieser Kriegslegende?
Zweifellos hat sich York tapfer und unerschrocken gezeigt. Aber das, was er tatsächlich geleistet hat, unter Wegfall des ausschmückenden Beiwerks, haben viele tausende von deutschen Stoßtruppführern in schneidigem Draufgehen auch geleistet. Ob einer derselben freilich in so brutaler Weise gegen alles Kriegsrecht gefangene feindliche Offiziere zur Erreichung seines Zweckes mit Erschiessen bedrohte, ist mir nicht bekannt. Die erstaunlich hohe Zahl von Gefangenen hat York abtransportiert und als seine eigenen ausgegeben. Er hat selbst anscheinend nur ganz wenige Leute zu Gefangenen gemacht, die übrigen waren die Beute der verschiedenen stärkeren amerikanischen Abteilungen, die wie durch die übereinstimmenden Aussagen der deutschen Meldungen und der Gefangenen hervorgeht, von mehrerern Seiten in den Wald eindrangen. Da diese zur Gefangenensammelstelle auf der Wiese gesandt wurden, war es natürlich nachträglich für den in Chatel befindlichen amerikanischen Divisionsstab unmöglich nachzuprüfen, wer in Wirklichkeit diese Gefangenen gemacht hat, so gab dieser, trotz der anfänglichen Bedenken, den ungeheuerlich aufgebauschten Bericht des Korporal York weiter.
Daß die gefangenen Offiziere, die die Aussagen verweigerten mit der Bedrohung des Erschiessens unter einen Baum gestellt wurden, belastet nicht York, sondern den amerikanischen Leutnant, der dies anordnete und die Beraubung des Oberleutnant Vollmer, dem die Achselstücke und das Eiserne Kreuz weg genommen wurden, trotz seines heftigen Sträubens, geschah durch einen anderen amerikanischen Soldaten. Diese beiden Verletzungen des Völkerrechts kommen also nicht auf das Schuldkonto des York. Immerhin ist dasselbe meines Ermessens recht belastet und klingt so sonderbar, daß dieser Mann, dessen Bibelfestigkeit besonders betont wird, sich eines solchen Verfahrens noch rühmt. Und dieser York, der in den eingesandten Berichten nur als „Prahlhans“, „Großmaul“ und „Lügner“ bezeichnet wird, erhielt neben der Beförderung zum Sergeanten eine Unmenge Orden fast aller Entente-Staaten, wird vom amerikanischem Höchstkommandierten, General Pershing, vor versammelter Mannschaft vor der Front gelobt und begeistert den Marschall Foch zu dem Ausspruch, das sei die größte Tat des ganzen Krieges gewesen, die ein einzelner Soldat jemals in Europa ausgeführt habe. Alle amerikanischen Zeitungen aber verbreiteten natürlich seinen Ruhm, ihn geradezu zu einem amerikanischem National-Helden stempelnd.
Meine Anschauung geht dahin, daß die Amerikaner im Weltkriege eine Menge außerordentlich tapfere Soldaten hatten, auf die sie mit Recht stolz sein können, daß aber der Ruhm des Sergeant York durchaus ungerechtfertigt ist. Ich bin aber auch der Ansicht, daß dies nicht eine typisch amerikanische Erscheinung ist, sondern daß sich wohl in allen Heeren während des Weltkrieges derartige Kriegslegenden gebildet haben. Nicht immer aber wird es möglich sein, dieselben so grundlich aufzuklären, wie die angebliche Heldentat des Sergeant York. Das dies möglich war, verdanken wir einerseits unseren guten Beziehungen zur Historical Section des amerikanischen Army War College, die uns durch Vermittlung des OTL Müller die offiziellen Unterlagen zur Verfügung stellte, andererseits der Unterstützung durch den Leiter der Zweigstelle Stuttgart, der an Ort und Stelle die von uns gewünschten Berichte der beteiligten Persönlichkeiten verschaffte.

Zum Schluß noch eine Feststellung: Der Ruhm der tapferen 2. württembergischen Landwehr-Division ist durch diese Vorfälle nicht im geringsten geschmälert. Aus dem jetzigen monatelangen Zögern des Oberleutnant Vollmer, sich zur Sache zu äußern, geht wohl hervor, daß er selbst das Gefühl hat, damals nicht einwandfrei gehandelt zu haben. Die unerhörten Beschuldigungen, die in dem Artikel der schwedischen Zeitung gegen ihn erhoben wurden, sind aber als maßlose Übertreibungen dieser nicht ganz einwandfreien Handlungen festgestellt worden.
Im Gegensatz zu der unglaubwürdigen Darstellung des Sergeant York entspricht der sehr vorsichtig gefaßte Wortlaut der Eintragung des amerikanischen Kriegsdepartments den Tatsachen.

 

Quelle: Original Reichsarchiv Potsdam – 803.33-61
NARA Washington

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