Das Tagebuch des Josef Reiß

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Josef Reiß wurde am 06. Februar 1885 in Biberach bei Heilbronn geboren. Seinen Wehrdienst versah er von 1905 bis 1907 beim Füsilier-Regiment „Kaiser Franz Josef von Österreich, König von Ungarn“ (4. Württembergisches) Nr. 122, 5./Kompanie in Heilbronn. Nach seinem Wehrdienst gründete der gelernte Maurer ein Baugeschäft in Salach/Fils. Dort arbeitete der Maurermeister bis zum Ausbruch des Weltkrieges. Im Weltkrieg führte er über seine täglichen Ereignisse genau Tagebuch.

Nach dem ersten Kontakt mit der Familie des Josef Reiß halfen wir zuerst mit der Recherche nach Orten, die oftmals in Lautschrift geschrieben waren. Im weiteren Kontakt machten wir uns auf die Recherche nach der militärischen Einheit. Der erhaltene Wehrpaß brachte uns auf die richtige Spur. Im württembergischen Hauptstaatsarchiv in Stuttgart fanden wir schließlich die Stammrolle (Anmerkung: militärischer Lebenslauf). Mit den in der Stammrolle beschriebenen Versetzungen kam nun Bewegung in die Sache. Vom eintönigen Wache schieben im Jahr 1915, Stollenbau bei Beaumont im Norden von Verdun, über die Abwehrschlacht am Toten Mann bis hin zu den Rückzugskämpfen gegen die Amerikaner; jetzt konnten wir alles nachvollziehen. Während einer Verdun-Tour im August 2021 suchten wir einige der im Tagebuch beschriebenen Orte auf. Wir erkannten schnell die Bedeutung der historischen Ereignisse des Landstürmers Josef Reiß. Es gab nur sehr wenige Landsturmeinheiten die ab 1916 an der Westfront bis zum Waffenstillstand 1918 eingesetzt waren.

Wehrpass Josef Reiß

Der Weg des Josef Reiß im Weltkrieg

Westfront im Jahr 1916 – OpenStreetMap
Reiß

Bereits am 10. August 1914 wurde Josef Reiß zunächst zum Landwehr-Infanterie-Regiment Nr. 124 nach Gmünd eingezogen.
Am 26. November erfolgte die Versetzung zum Landsturm-Infanterie-Bataillon Ehingen XIII. 10. Mit der 3./ Kompanie ging es ab dem 10. Dezember 1914 ins Feld. Die Kompanie war im Bahnschutz entlang der französisch/belgischen Grenze eingesetzt.
Am 11. September 1916 wechselte Josef Reiß in das Landsturm-Infanterie-Bataillon LIB Heilbronn XIII. 15. Hier diente er ab dem 21. September in der neu aufgestellten 1./ Maschinengewehr-Kompanie. Mit dieser Kompanie kam er aus dem Etappengebiet im Hinterland um Montmédy an die Verdun-Front. Miserabel in Baracken untergebracht, lag die Verdun-Schlacht in ihren letzten Zügen. Die Landstürmer aus Heilbronn lernten schnell die Tücken des Artilleriefeuers kennen, es wurde ihr täglich Begleiter auf dem Marsch zu den Arbeitsstellen an der zweiten Frontlinie.
Die französische Gegenoffensive vom 15. Dezember 1916 bestanden die Heilbronner Landstürmer nahezu unbeschadet.

Aus dem Tagebuch: die Etappen des Josef Reiß
Reiß

1915
Landsturm-Infanterie-Bataillon Ehingen

  • Bahnhofswache in Carignan nah der französisch/ belgischen Grenze
  • Ortswache in Puilly-et-Charbeaux

Das erste Tagebuch ...
Josef Reiß beschreibt das eintönige Leben des Wachdienstes, die Ungerechtigkeit der viel jüngeren Offiziere gegenüber den lebensälteren Mannschaften, die Mühen die Verpflegung aufzubessern, das Warten auf Feldpost…

Reiß

1916
Landsturm-Infanterie-Bataillon Heilbronn, I. Maschinengewehr-Kompanie

  • Reinigungs- und Instandsetzungsarbeiten in Barackenlager Laneuville-sur-Meuse
  • Ortswache in Romagne-sous-Montfaucon
  • Marsch über Sivry-sur-Meuse nach Barackenlager bei Ville-devant-Chaumont
  • Stollen- und Stellungsbau südlich Beaumont
  • 15./16. Dezember 1916 französische Gegenoffensive von Vacherauville bis Bezonvoux

Das zweite Tagebuch …
Das Bataillon wird aus der Ausbildung gerissen und an die Front geschickt. In katastrophalen Unterkünften untergebracht, stellt sich bald der Hunger ein. Die täglichen stundenlangen Märsche im Artilleriefeuer zu den Arbeitsstellen an der zweiten Kampflinie fordern alle Kräfte der Soldaten…

1917
Landsturm-Infanterie-Bataillon Heilbronn, I. Maschinengewehr-Kompanie

  • Stollen- und Stellungsbau südlich Beaumont und im Fay-Wäldchen – Jan. bis Februar 1917
  • Schul- und Gefechtsschießen bei Damvillers – 07. bis 09. Februar 1917
  • Besetzung der Reservestellung südlich Beaumont 11. Februar 1917
  • Im Ruheqartier in Remoiville, Fortführung der Ausbildung am Maschinengewehr, Schul- und Gefechtsschießen – 09. März 1917
  • Beförderung zum Unteroffizier – 07. April 1917
  • Im Ruheqartier in Wavrille, Fortführung der Ausbildung am Maschinengewehr, Schul- und Gefechtsschießen
  • In Stellung im Fay-Wäldchen und Beaumont-Schlucht
  • Im Ruheqartier in Wavrille, Fortführung der Ausbildung am Maschinengewehr, Schul- und Gefechtsschießen
  • In Stellung bei Beaumont
  • Im Ruheqartier in Wavrille, Fortführung der Ausbildung am Maschinengewehr, Schul- und Gefechtsschießen
  • In Stellung bei Beaumont
Einsatzorte nach Kriegsstammrolle des Landsturm-Infanterie-Bataillons Heilbronn
  • Schlacht v. Verdun 24.10.16-14.12.16
    • 15./16.12.16 Kämpfe bei Louvemont und Bezonvaux
  • 17.12.16-9.3.17 Stellungskämpfe v. Verdun
  • 8.4-11.8.17 Stellungskämpfe v. Verdun


27.06. bis zum 24.08.1917 Aufenthalt in verschiedenen Lazaretten (Etraye und Stenay)
18.09.17 SK (Scharfschützenkompanie) 536, Madeleine-Ferme
24.09. – 09.10.17 Abwehrkämpfe vor Verdun
10.10.17 – 24.03.18 „Stellungskämpfe vor Verdun“
26.03. – 09.05.18 „Stellungskämpfe zwischen Maas und Mosel“
18.05. – 27.06.18 „Kämpfe auf den Maashöhen im Abschnitt Langeau-Tal, Chevalier-Wald
28.06. – 14.07.18 „Stellungskämpfe zwischen Maas und Mosel“,
15.07. – 11.11.18 „Stellungskämpfe vor Verdun“

Über das Landsturmbataillon Heilbronn im Weltkrieg

(Anm. 1914) In der zweiten Hälfte des Jahres 1914 wurde gleichzeitig mit andern Landsturmformationen das Landsturm-Bataillon Heilbronn aufgestellt. Schon am 28. des Monats, 8 Uhr abends, fuhr es hinaus ins Feld. Auf dem Bahnhof hatte sich eine solche Menschenmenge angestaut, Familien der Fortziehenden und Neugierige, daß das Bataillon selbst nur mit größter Mühe durchkommen konnte.
Nach schöner Fahrt bei vortrefflicher Verpflegung auf verschiedenen Bahnhöfen wurde am 29. August abends Diedenhofen (Anm. Thionville) erreicht, am 01. September der Vormarsch nach der französischen Grenze angetreten und diese am 02. des Monats, am Jahrestag der Schlacht von Sedan, überschritten.
Dann rückte das Bataillon in die zugewiesenen Bahnschutzabschnitte nördöstlich Verdun bis gegen Diedenhofen und Sedan hin. Bald aber wurden die Heilbronner – kompanieweise rings um Montmédy auseinandergerissen – zu allerhand Etappendienst verwendet, zum Gefangenentransport, zum Absuchen von Wäldern, Dörfern und Gefechtsfeldern nach Waffen und zum Bergen derselben, zu landwirtschaftlichen Arbeiten und zur Grenzsperre gegen Luxemburg. Es waren zwei Jahre überaus notwendiger, mühseliger, doch wenig geschätzter und gewürdigter Arbeit.
Oft bekam ein Heilbronner Landsturmmann auch den deutschen Kronprinzen zu sehen und wurde von ihm angeredet, jedesmal in leutselig höflicher Art.
(Anm. 1916) Da traf am 27. September 1916 von der Etappen-Inspektion der Befehl ein, das Bataillon sei zum Einsatz am Feind auserlesen. Zugleich wurde aus Mannschaften des Bataillons eine Maschinengewehr-Kompanie aufgestellt und einexerziert.
Nach nur sechswöchentlicher Ausbildung für den Stellungskrieg im Barackenlager von Laneuville kam das Bataillon an die Front im Wald von Malancourt. Mit gewöhnlichen und mit Gasgranaten erteilte ihm der Feind hier alsbald die Feuertaufe, die ersten Verluste traten ein, doch blieben sie zunächst in mäßigen Grenzen. Es folgten von November ab Arbeiten im Ausbau von Stellungen, sie erforderten höchste Anstrengung im fortgesetzten Störungsfeuer durch die französische Artillerie. Zwischenhinein lagen die Kompanien als Kampftruppe im Schützengraben. Hier und im Nockenlager (Anmerkung: vermutlich am Weg Ville-devant-Chaumont – Kap der Guten Hoffnung) mit seinem tiefen Schlamm zwischen den vielfach zerschossenen Baracken, aus welchen heraus das Bataillon täglich zum Arbeitsdienst marschierte, mehrten sich die Verluste recht bedenklich. Auch wurde der genannte Arbeitsdienst wiederholt unterbrochen durch Alarmbereitschaft, wenn feindlicher Angriff die vorderen Linien bedrohte.
(Anm. 1917) Hart waren jene Zeiten, und erst Ende Januar 1917 konnte man den Heilbronnern einen weniger gefährdeten Abschnitt mit leichterer Tätigkeit zuweisen.
Zu Anfang März 1917 zog man das Bataillon heraus aus der Front, es sollte bei Rémoiville und Jametz seine Kampfausbildung beenden, die man 4 Monate zuvor im Drang der Verhältnisse vorzeitig hatte abbrechen müssen. Eine zweite Maschinengewehr-Kompanie kam nunmehr zum Bataillon, im April lagen die vier Infanterie- und zwei Maschinengewehr Kompanien wieder am Feind, vorwärts von Wavrille. Hier hielten sie aus, tapfer und unverdrossen, trotz ihrer Verluste. Dann folgten abermals Wochen schweren Arbeitsdienstes. Nicht nur Schweiß und Schwielen kosteten sie, sondern auch wieder neue blutige Opfer. Die beiden Maschinengewehr-Kompanien der Heilbronner blieben die ganze Zeit über, auch während die andern Arbeitsdienst taten, in Stellung.
Wie eine Erlösung erschien es jedermann, als zu Anfang August dem Bataillon ein selbstständiger Abschnitt, vorwärts Sivry, zur Besetzung zugewiesen wurde. Kam man doch los von dem ewigen Materialschleppen durch Dreck und Schlamm hindurch in einem Feuer, dem man preisgegeben war, ohne es erwidern zu können. Drei Infanterie- und eineinhalb Maschinengewehr-Kompanien standen jetzt in vorderer Linie, der Rest in Reserve.

Friedhof Heilbronn
Denkmal auf dem Neuen Heilbronner Friedhof (heute Hauptfriedhof)


Der 12. August 1917 brachte dem Bataillon nach voraufgegangener starker Fliegertätigkeit der Franzosen eine lebhafte Artilleriebeschießung, es war der Auftakt zur Abwehrschlacht von Verdun. Die Verpflegung konnte nur noch in der Morgendämmerung herangeschafft werden, warme Kost den Tag über war damit ausgeschlossen. Am 18. des Monats hielten die Landsturm-Kompanien gegen französische Angriffe stand mit einer Tapferkeit und Ausdauer, mit welcher sie sich jeder aktiven Truppe redlich an die Seite stellen können. Bis auf den letzten Mann, bis auf das letzte Maschinengewehr mußte die Reserve eingesetzt werden.
Da drangen die Franzosen links neben den Heilbronnern in die deutsche Stellung ein, der eigene Schützengraben war somit in der Flanke umfaßt und unhaltbar geworden. Befehlsgemäß mußten jetzt die Kompanien zurückgehen. Sie taten das, Schritt für Schritt, in tadelloser Ordnung und ständiger Gegenwehr gegen den nachdrängenden Feind. Mit einbrechender Dunkelheit sammelte sich das Bataillon an den Maaswiesen und stellte sich hier bereit zu weiterem Kampf. Doch die Franzosen unternahmen nichts mehr. Während der Nacht wurde das Bataillon aus der Gefechtsstellung herausgezogen.
Das war der Ehrentag des Heilbronner Landsturms, der ihm einen Verlust von 30 Toten und 108 Verwundeten brachte, einschließlich der Gasvergifteten, aber auch reiche Anerkennung in Gestalt von Eisernen Kreuzen und württembergischen Orden. Es gilt als alte militärische Erfahrungswahrheit, daß der innere Wert einer Truppe am meisten in unglücklichem Gefecht und beim Rückzug sich zeigt. Das Bataillon hat sich bei dieser Prüfung glänzend bewährt.
Wenige Tage nur waren den schwer erschöpften Kompanien zur Rast gegönnt, dann galt es schon wieder zu schaffen und zu schanzen, zwischenhinein auch Schützengräben zu besetzen, an teils mehr, teils weniger gefährdeter Stelle. Von kurzer, von vorübergehender Verwendung am Feind war die Rede gewesen in jenem Befehl der Etappen-Inspektion vom 27. September 1916, der die Kampfausbildung des Bataillons verfügte. 18 Monate ohne Ruhezeit von nennenswerter Dauer sind daraus geworden, bis endlich die vier Infanterie-Kompanien zurückkamen aus der Front. Für sie schlossen sich jetzt wieder Monate des Etappendienstes an, meist in Belgien.
(Anm. 1918) Die beiden Maschinengewehr-Kompanien jedoch wurden am Feind belassen. Sie holten sich noch weitere Lorbeeren bei St. Maurice, darauf im September bei den Kämpfen von Verdun und schließlich bei der Verteidigung und Wiedereroberung des hohen Eichbergs südlich Haraumont im November des Jahres. Die Verluste beider Kompanien waren schon bei Verdun sehr groß gewesen, sowohl an Menschen als an Gerät. Aber Offiziere wie die Mannschaften setzten ihre letzte Kraft ein, um den ungeheuren Massen, welche der Feind in den Kampf warf, Halt zu bieten. Es war vergebens.
Nach diesen Kämpfen, am 26. September, stelle man aus den Resten der zwei Kompanien zwei starke Züge zusammen. Durch Ergänzung an Mannschaften, Pferden und Gerät wieder auf zwei Kompanien mit zusammen 16 Gewehren verstärkt, brachten sie den Amerikanern am hohen Eichberg schwere Verluste bei. Deutsche Truppen hatten hier die Stellung schließlich räumen müssen, sie wurde wieder genommen in heldenmütigem Angriff, bei welchem sich die württembergischen Landsturm-Maschinengewehre rühmlichst beteiligten.
Es kamen die traurigen, die entsetzlichen Tage des deutschen Zusammenbruchs. Zur Ehre des Bataillons sei es gesagt, wie die beiden Maschinengewehr-Kompanien am Feind, ebenso bewahrten die vier Infanterie-Kompanien in der Etappe stets den guten Geist. Die Ordnung, die Mannszucht blieben auch in dieser schlimmen Zeit des Mangels und der Not erhalten bis zur Rückkehr nach Heilbronn, wo die Infanterie-Kompanien am 25. November, die Maschinengewehr-Kompanien am 25. November eintrafen.
Die Gesamtverluste des Bataillons betrugen an Toten 2 Offiziere und 61 Mann, verwundet wurden 7 Offiziere und 264 Mann. Hohe Zahlen für ein Landsturm-Bataillon! Doch nach jeder Verwendung, sei es in der Etappe, sei es auf Arbeit am Feind oder im Kampf gegen diesen, holte das Bataillon sich rückhaltlose Anerkennung und vollstes Lob aller Vorgesetzten, denn furchtlos und treu hat das Landsturm-Bataillon Heilbronn allzeit seine Soldatenpflicht erfüllt.

Aus dem Ehrenbuch der Stadt Heilbronn

Denkmal Landsturm Heilbronn
Gedenktafel des Landsturm-Infanterie-Bataillons Heilbronn am Rathaus
Zuguterletzt: Wer oder was ist der Landsturm?

Der Begriff Landsturm stammt aus der Zeit der Befreiungskriege des deutschen Volkes gegen Napoleon. Zum Schutz der Heimat stellte man milizartige Truppen auf. Erst mit der allgemeinen Wehrpflicht 1813 wurde auch der Landsturm neu organisiert und ein regulärer Teil der preußischen Armee. Teile der wehrfähigen, männlichen Bevölkerung sollten als letztes Aufgebot dem ins Reichsgebiet eingedrungenen Feind entgegentreten. Die Landsturmpflicht galt nicht zu Friedenszeiten; 1914 jedoch wurde der Landsturm zu den Waffen gerufen.

Im ursprünglichen Sinne sollte der Landsturm die Heimat schützen. In der Etappe im Feindesland waren die Landwehr-Truppenteile vorgesehen. Da es jedoch mit dem Zweifrontenkrieg überall an Truppen mangelte, übernahm der Landsturm diese Dienste in der Etappe. Lager, Depots, Bahnhöfe und -strecken wurden bewacht und mancher Hilfsdienst in Frontnähe geleistet.

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