Musketier Heinrich Bongartz in den Argonnen

Gastbeitrag von H. P. Schmitt
 
Wer war Heinrich Bongartz, der am 08.05.1916 in den Argonnen durch Verschüttung starb?
 
Heinrich Bongartz wurde am 09.10.1884 in Kaldenkirchen/Rheinland geboren. Die Familie war als Korbmacher dort schon seit dem 18. Jahrhundert ansässig. Sie hatten 4 Kinder, neben Heinrich zwei weitere Söhne und eine Tochter.
Heinrich Bongartz besuchte bis zu seinem 14. Lebensjahr die Elementarschule und begann danach im Nachbarort Breyell eine Lehre als Klempner und Installateur. Nach der Lehrzeit arbeitete er als Geselle bei unterschiedlichen Handwerksbetrieben in Kevelaer, Rheinhausen und Hinsbeck.
 
Nachdem er eine Zeit als Geselle gearbeitet hatte, legte er im Jahr 1910 seine Meisterprüfung als Klempner und Installateur ab. Am 09.12.1912 heiratete er Mathilde Moortz aus Leuth bei Kaldenkirchen. 1913 wurde als erstes Kind von Heinrich und Mathilde Bongartz eine Tochter geboren. Der Sohn Wilhelm erblickte am 31.10.1915 das Licht der Welt.
Die Familie erwarb 1912 ein Haus in Kaldenkirchen und alles deutet darauf hin, dass es eine glückliche bürgerliche Existenz werden würde. Heinrich Bongartz hatte wegen eines leichten Herzfehlers keinen Wehrdienst ableisten müssen.
Dies änderte sich zu Beginn des Jahres 1915. Heinrich Bongartz wurde einberufen. Begeistert war er sicher nicht, war seine Lebensplanung doch eine andere. Anfang des Jahres 1915 musste er seine Familie verlassen und wurde zum Infanterieregiment 30 eingezogen. Stationen seiner militärischen Ausbildung sind nicht bekannt.
 
Einen ersten Anknüpfungspunkt gibt es erst wieder aus der Regimentsgeschichte des IR 30. Musketier Heinrich Bongartz gehörte zur 11. Kompagnie/IR 30. Sein Zugführer war der Leutnant der Reserve St. Eve.
Die Kampftätigkeit in den Argonnen war in den ersten Tagen des Monats Mai 1916 auffallend ruhig gewesen. Dies änderte sich am Abend des 08. Mai 1916 gründlich. Abends um 20:00 Uhr erschütterten 2 gewaltige Detonationen den Abschnitt der 12. Kompagnie/IR 30. Dort wo die Stollen „Romulus” und „Rudolf” gewesen waren, gähnten zwei riesige Trichter.
Heinrich Bongartz befand sich zu dieser Zeit in einem Unterstand am Nordrand des Trichters „Quitt”. Durch eine gewaltige Quetschsprengung wurden er sowie 13 weitere Soldaten der 11. Kompagnie/IR 30 lebendig begraben.
Nur dem Musketier Rehborn gelang es am nächsten Tag, sich aus dem Trümmerschutt zu befreien und zur Kompagnie zurückzukehren. Die Leichen der übrigen Verschütteten – auch die Leiche von Musketier Heinrich Bongartz – konnten nie geborgen werden.
Der Zugführer Leutnant der Reserve St. Eve wurde im Verlauf der Kämpfe durch einen Granatsplitter tödlich verletzt. Bei einem Gegenangriff am 09.05.1916 um 02.00 Uhr konnte das IR 30 den ursprünglichen Frontverlauf wieder herstellen.
 
 
Sterbeurkunde Heinrich Bongartz
Sterbeurkunde Heinrich Bongartz
 
Im Armee-Verordnungsblatt vom 24.05.1916 wurde Musketier Heinrich Bongartz als vermisst gemeldet.
Durch die Abwicklungsstelle des Infanterieregiments 30 wurde im September 1920 mitgeteilt, dass Heinrich Bongartz am 08. Mai 1916 in den Argonnen durch Verschüttung verstorben sei. Die Familie hatte jetzt die traurige Gewissheit,dass der Vater und Ehemann sein Leben verloren hatte.
Die Witwe hat nie wieder geheiratet. Sie führte das Geschäft weiter und musste sich um die Erziehung der beiden Kinder kümmern. Es hat seit dieser Zeit seitens der Familie wohl keine Bemühungen gegeben, den Todesort näher zu lokalisieren oder gar aufzusuchen.
 
 
 
Das Deutsche Erinnerungskomitee Argonnerwald 1914 – 1918 e. V. teilte mir im Oktober 2014 auf Anfrage per Mail mit, wo die 11. Kompagnie/IR 30 eingesetzt war. Bei einem Besuch im Argonnerwald konnte ich mit Oliver Scheer vom D. E. A. 14-18 e. V. den Todesort von Heinrich Bongartz lokalisieren und aufsuchen.
In 2016 jährt sich der Todestag von Heinrich Bongartz zum 100. Mal. Gemeinsam mit meiner Frau Mathilde Bongartz Schmitt möchte ich dann den Ort, wo ihr Großvater ums Leben kam, aufsuchen und ein paar Blumen niederlegen. Für den Getöteten sind dies dann die ersten Grüße aus Heimat.
Es ist ein unglaubliches Gefühl, dass am Ort dieser grausamen Kämpfe heute in herzlicher Verbundenheit mit französischen Freunden Arbeiten durchgeführt werden, um die Erinnerung an die Toten beider Seiten aufrecht zu halten.
 
Dem D. E. A. 14-18 e. V. gilt unser besonderer Dank für die Hilfe.
 
 
 
Bongartz-01
Musketier Heinrich Bongartz
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
Auszug aus der Regimentsgeschichte des Infanterie-Regiments 30 (Major a. D. Ernst Schmidt, Verlag Tradition W. Kolk) zu den Ereignissen am 8. und 9. Mai 1916 in den Abschnitten 4 und 5 (französische Stellung „Fer à Cheval”) der Ost-Argonnen
 
…. Die ersten Tage im Mai waren auffallend ruhig, und man gab sich der Hoffnung hin, daß jetzt im Argonner Walde größere Ruhe einkehren würde.
Diese Illusionen zerstörte aber der 08. Mai gründlich; es wurde ein verhängnisvoller Tag für den Regimentsabschnitt. Abgesehen von einem zweistündigen „Artillerie- und Minenzauber“ am Nachmittage, verhielt sich der Feind ruhig.
Kaum ein Schuß fiel. In der Abenddämmerung des zur Rüste gehenden Maitages saßen und hockten die Mannschaften in der Stellung zum Teil vor ihren Unterständen, plaudernd oder friedlich ihr Pfeifchen rauchend. Da, plötzlich um 8 Uhr abends, zwei ungeheure Detonationen im Abschnitt der 12./30! Himmelhoch wurden die Erd- und Steinmassen herausgeschleudert, und wo die Stollen „Romulus“ und „Rudolf“ gewesen waren, gähnten jäh zwei riesige Trichter. Zu gleicher Zeit erbebte die Erde von einer gewaltigen Quetschsprengung am Südwestrande des Trichters „Quitt“ im Abschnitt der 11./30. Noch ehe die entsetzte, ahnungslose Besatzung der Abschnitte R und Q zur Besinnung kam, prasselte ein Hagel von Handgranaten auf die vordersten Gräben der 12./30, 11./30 und der rechts benachbarten 3./30, und unter dem Schutze eines mit größter Präzision einsetzenden Artillerie- und Minenfeuers auf die zweite deutsche Linie und die rückwärtigen Verbindungen, drangen starke französische Sturmtrupps unter Anwendung von Flammenwerfern in die neu entstandenen Trichter, sowie in die Trichter Quitt 11./30 und Philipp 3./30 ein. Auch der erst vor kurzem neu ausgehobene Verbindungsgraben zwischen den beiden letztgenannten Trichtern wurde von ihnen besetzt. Die 12. Kompagnie musste unter schweren blutigen Verlusten (15 Tote!) den vorderen Graben vorübergehend räumen, ebenso die 11. Kompagnie; durch die Quetschsprengung im Trichter Quitt waren 14 Mannschaften der 11./30, die sich in den Unterständen am Nordrand des Trichters befanden, lebendig begraben, darunter der Offz.-Stellv. Müller. Der Zugführer Lt. d. R. St. Eve versuchte sofort mit dem Rest seines Zuges sich dem eingedrungenen Feind entgegenzuwerfen, fiel aber als tapferer Held, von einem feindlichen Granatsplitter in die Stirn getroffen. Als geborener Elsässer war er am 01.4.14 bei der 8./30 als Einjähriger eingetreten, seit dem 22.3.15 Leutnant, und besiegelte seine Treue zum deutschen Vaterland jetzt mit dem Tode. Mit ihm fielen noch 5 Unteroffiziere und Mannschaften, neun wurden verwundet. Der Zug St. Eve existierte nicht mehr; die Leichen konnten nicht geborgen werden. Nur dem verschütteten Musketier Rehborn 11./30 gelang es am nächsten Tage sich aus dem Trümmerschutt
herauszuarbeiten und wieder zu seiner Kompanie zu kommen.
 
In dem Philipp-Trichter hatte ebenfalls ein wütender Kampf getobt. Der Kompagnieführer der 3./30 Lt. d. R. R. Bergner, hatte, als er die Detonationen der Sprengungen im Abschnitt 5 hörte, sofort seine Postierungen wegen Sprenggefahr vom Südrand auf den Nordrand zurückgezogen, den er zunächst zu halten versuchte. In dem entbrennenden furchtbaren Nahkampf fiel der junge Fähnrich Heipke, 23 Unteroffiziere und Mannschaften wurden verwundet. Vor der Übermacht weichend, räumt der Rest der 3./30 den Nordrand des Trichters und ging in die vordere Stellung zurück. Ein weiteres Nachdringen des Feindes wurde von allen drei betroffenen Kompagnien verhindert. Der Feind nistete sich in den Trichtern und in dem Verbindungsgraben zwischen Quitt und Philipp. Noch stundenlang setzten die französischen Geschütze und Minenwerfer ihr Vernichtungsfeuer fort. Vom „Rüpelweg” bis zum linken
Flügel der 3./30 wurden sämtliche Verbindungsgräben von der zweiten zur ersten Linie eingeebnet, die ganze Einbruchsstrecke in ein Trümmerfeld verwandelt. Auch sämtliche Zugangsgräben aus dem Meurissontal zu den Stellungen des Regiments lagen unter Sperrfeuer. Erst gegen Mitternacht flaute das Feuer ab; die Franzosen hofften scheinbar, jetzt die Einbruchsstelle fest in der Hand zu haben. Aber sie hatten sich getäuscht. Hptm. Thoma befahl, noch in der Nacht den Gegner wieder herauszuwerfen! Die 12./30 hatte sich im Rüpelgraben, die 11./30 im Quetschweg, die 3./30 in dem vorderen Graben hinter dem Abdämmungen der Quäker und Philippsappe gesammelt, geordnet und zum Gegenstoß bereitgestellt. Hptm. Schmidt, der Bataillons-Führer I./30, sandte angesichts der großen Verluste der 3./30 kurz nach Mitternacht den mit Handgranaten wohlausgerüsteten Zug des Lt. Heyer von der Reservekompagnie zur Unterstützung.
 
Um 2 Uhr nachts begann der Gegenangriff, der zu vollem Erfolge führte. Die 12. und 11./30 stürzten über Bank vor, da alle Verbindungssappen verschüttet waren; der überraschte Franzose flüchtete im Dunkel der Nacht Hals über Kopf, ohne an Widerstand zu denken. Die 12./30 nahm ihre alte Stellung wieder in Besitz, die 11./30 nistete sich wenigstens am Nordrand des Trichters Quitt wieder fest ein, die 3./30 erreichte und besetzte ebenfalls wieder den Nordrand des Trichters Philipp. In dem Handgranatenkampf, der schauerlich die warme, regnerische Frühlingsnacht mit seinem Krachen durchtobte, zeichnete sich vor allen Dingen der Untffz. Jutz 3./30 aus, der allein 6 bis 8 Franzosen im Philipptrichter zur Strecke brachte. Mit aufdämmerndem Tageslicht befanden sich alle verlorenen Gräben, Sappen und Stollen wieder in deutscher Hand.
 
 
 
 
Der Angriff wurde vom französischen Infanterie-Regiment 131 (131e Régiment d’Infanterie) ausgeführt. Das Kriegstagebuch (Journal des Marches et Opérations, SHD 26N687) dieses Regiments beinhaltet hierzu den folgenden Eintrag (Übersetzung durch das D.E.A.)
 
8 Mai 1916
 
Ruhiger Vormittag.
 
Um 18 Uhr führten wir eine kleine Unternehmung durch, um die Verteidigung des Abschnitts zu verbessern und um die starken deutschen Anlagen zu zerstören.
Wir sprengten die Minen W7, T11, W6 und W6 bis, die 4 Trichter produzierten, siehe anliegende Skizze.

Unmittelbar nachdem die hochgeworfene Erde zurückgefallen war, besetzen
 
a)
die Grenadiere der 4. Kompanie unter dem Kommando von Leutnant Hennequin die Ränder der Trichter und schützen durch Sperrfeuer mit Handgranaten die mit der Konstruktion von Postenständen beauftragten Pioniere unter den Leutnants Duprenoy und Pulhau, werfen
 
b)
Feuerwehrleute Flammen auf den Trichter von Coudainville und auf den Westteil des deutschen Grabens
„ab” (siehe Skizze). Eine Gruppe von Männern der 12. Kompanie unter dem Kommando von Leutnant Contant mit dem Auftrag, den Postenstand nördlich des Trichters von Coudainville einzunehmen und geschützt durch den Rauch des Flammenwerfers das Grabenstück „ab” zu säubern, werfen sich in diesen Graben, verwunden einen Deutschen und töten einen anderen. Nach dem der Auftrag ausgeführt wurde, kehrt die Gruppe in unsere 1. Linie zurück.
Um 19Uhr55 sind 6 Postenstände konstruiert (4 in den Süd- und 2 in den Nordrändern). Die Arbeiten zur Verbesserung der Verteidigung der Trichter werden die ganze Nacht hindurch fortgesetzt.
 
Tote: 1 Unteroffizier, 12 Männer
Verwundete: 2 Unteroffiziere, 30 Männer
 

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