Die Feld-Luftschiffer-Abteilung 6 vor Verdun

05. Mai 1916

Selten wird eine Luftschiffer Abteilung einen solch ereignisreichen Tag, oder besser gesagt Abend zu verzeichen haben wie die unsere.
Wir standen damals an einer Waldparzelle zwischen Natillois und Gesnes and der Straße Cierges – Epinonville – Very. Unser Beobachtungsabschnitt war Höhe 304Toter Mann.

Luftschiffer
Die Luftschiffer vor Verdun

Der 5. Mai war ein Tag wie für den Luftschiffer geschaffen. Gute Sichtverhältnisse, fast Windstille und im Ballon ein guter Beobachter, der oft geradezu Fabelhaftes leistete. Herr Vizefeldwebel Reisert, später Leutnant d. R. und längere Zeit Ballonzugführer, als die Abteilungen in 2 bis 3 Züge geteilt wurden, machte gerade gute Beobachtungen und Schuß auf Schuß folgte von der ihm zugeteilten Batterie auf den feindlichen Punkt. So ging es bis zum Abend. Da mit einem Male der Schrecken des Luftschiffers. Eine Sturmbö zeigte sich über dem feindlichen Horizont. Wir in der Mulde sahen noch nichts davon, aber der Beobachter meldete: „Herr Hauptmann, ich bitte eingeholt zu werden, eine Sturmbö kommt.“
„Sie bleiben oben“ war das Wort des Herrn Hauptmanns. Wenige Minuten später die gleiche Bitte, nur noch viel dringlicher, jedoch ohne Erfolg in Anbetracht der guten Beobachtung und des wichtigen Punktes. Jetzt fing der Ballon zu schaukeln an, sogar wir am Boden spürten schon die Vorboten des Sturms. Ein drittes mal vom Ballon her: „Bitte eingeholt zu werden, Ballon in Gefahr!“

Da wurde das Signal gegeben: „Ballon einholen!“. Die Motorwinde arbeitete mit äußerster Kraft, die Mannschaft, die im Lager arbeitete am Barackenbau, war gerade beim Abendessen-Empfang, ließ Geschirr und alles liegen und lief dem Ballon zu. Da – welch bisher ungesehenes Schauspiel : Die Bö war schon so nahe mit einer Heftigkeit herangekommen, daß sie den Ballon, der noch etwa 300m hoch war, mit einem Male zu Boden drückte und im selben Augenblick wieder in die Höhe riß. Dieses wiederholte sich noch einmal; als der Ballon am Boden war, legte sich eben im Laufschritt angekommene Mannschaft auf das am Boden liegende Kabel mit dem Oberkörper, mußte jedoch im nächsten Moment wieder wegspringen, da die Bö den Ballon wieder in die Höhe schnellte.
Und da, was war’s? Ein Krach, ein Ruck und fort ging’s mit dem Ballon und seinem Insassen. Die Bö war so stark, daß sie die achtfach verankerte, 90 Zentner schwere Motorwinde aus den Ankern riß und umwarf und das Kabel (8mm Stahldrahtkabel) riß.
Der sich nun frei bewegenden Ballon war ein Spiel der Elemente und Herr Vizefeldwebel Reisert war für die erste Zeit machtlos. Er warf sofort Kartenbrett und Karabiner herab und wir sahen ihn mit dem Ballon mal in den Wolken, die zugleich mit dem Winde kamen, verschwinden, und dann wieder fast am Boden, je nach Stärke der Wellenbö.
Dies war das Schauspiel für die erste Viertelstunde! Plötzlich ein Hallo! Ein vom Franzmann abgerissener Ballon kam über unsern Aufstiegsplatz, dann folgte noch einer und immer wieder einer, bis ein ganzes Dutzend voll war. Unsern eigenen Verlust vergaßen wir über der Freude an den feindlichen Ballonen. Das Glück war uns ja zuteil, da die Windrichtung von der Front zu unsern Etappen ging, womit die Hoffnung bestand, daß unser Ausreißer doch gerettet werden konnte. Nach etwa 3/4 Stunde sahen wir, daß unser Ballon hinter einem Wald verschwand, aber nur für kurze Zeit, dann wurde er wieder hochgerissen. Kurz nachdem wurden 2 feindliche Ballone auch in derselben Richtung zu Boden gedrückt, kamen aber nicht mehr in die Höhe. Noch am selben Abend erfuhren wir, daß Herr Vizfeldwebel Reisert in der Nähe von Bantheville dem Ballon entstiegen war, denselben aber nicht halten konnte, jedoch dafür zwei französische in Sicherheit gebracht hatte mit Hilfe herbeigeeilter Leute einer Fuhrparkkolonne, die in der Nähe im Quartier waren. Unser Jubel war groß, doch mußten wir unsern Ballon noch dem Schicksal überlassen. Am nächsten Morgen erfuhren wir von der Flieger-Abteilung in Stenay, daß unser Ballon dort festgehalten wurde. Wir holten noch am selben Tag die beiden französischen und unsern Ballon, nebst unserm Freiballonfahrer Reisert. Leider war in den feindlichen Ballonen keine Besatzung mehr, die war noch über ihrer Stellung mit den Fallschirmen abgesprungen, was unser Beobachter nicht konnte, da wir kurz vor dem Ereignis eine Fallschirmprobe mit einer Puppe von Mannesschwere machten und er ohne denselben oben blieb.

Luftschiffer bei Spincourt – April 1916

Später hörten wir, daß einer von den feindlichen Ballonen bis über Danzig kam und dort gefangen wurde. Nach Aussagen der beiden Insassen glaubten diese, schon über der russischen Front zu sein und somit bei ihren Verbündeten landen zu können.

Aus dem Bayernbuch vom Weltkrieg 1914 – 1918

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.