Leutnant Hugo Berentelg

Argonnerwald
Montag, 26. Oktober, 10 Uhr vormittags,

Nähere Lage hier unverändert. Man lebt hier in den Tag hinein ohne irgendeine Möglichkeit zu haben, etwas Besonderes leisten zu können. Auch die vier Geschütze, die jetzt bei uns stehen, werden die Lage wohl nicht ändern, haben bislang allerdings auch nicht schädlich gewirkt, indem sie etwa das französische Artilleriefeuer hierhin lenkte. Freilich sind an einzelnen Tagen Geschosse der Gebirgsbatterien bei 5./ und 8./144 eingeschlagen, haben hier auch Verluste gehabt (fünf Tote), aber es scheint noch kein zielmäßiges Schießen zu sein. Über Stimmung bei unserm Gegner verschiedene Anzeichen: Einzelne sehr „forsche“ Kerle, die sich ganz nahe heranmachen und Bäume umschlagen (wozu?), sogar mit Revolver in die Schützengräben der 10.Kompanie hineingeschossen haben; andererseits Überläufer einzelner bzw. Gefangennahme von 50 – 60 Neueingetretenen.

Daß der Gegner noch aggressiv wird, glaube ich nicht; selbst nach Aussagen eines Gefangenen vorgestern abend um 1 Uhr allgemeiner Angriff vorgesehen sei, von dem wir allerdings nichts gemerkt haben. Schmerzlich wiederum der Verlust der Kompanieführer von 1./ – 2./144 und des Pioniers; wollte vor sich neue Stellung erkunden; wäre dabei von den Feinden gefangengenommen, wogegen man gestern erzählte, zwei der Pioniere seien, durch Stiche getötet, aufgefunden. Offener Bajonettkampf oder sie als Gefangene einfach erstochen?
Glaube ersteres, denn ohne verhört zu haben, sticht man doch keinen Führer, es sei denn, daß sie den Schwarzen in die Finger fielen.
Daß unser Feind angriffsreif für uns ist, glaube ich nicht, wenigstens nicht unser Gegner auf dem linken Flügel. Generalkommando legt energisches Vorgehen nahe in längerem Befehl; gilt aber besonders wohl für 14. Division. Letztere steht rechts von uns, muß aber noch mehr rückwärts sein. Bisher hat unser Gegner wohl immer noch Verbindung mit Verdun über Straße Le Four-de-Paris – Clermont. Auch die Bahnlinie Verdun –
Clermont natürlich noch sicher in französischen Händen; denn von Norden her ist man nicht weiter als die Linie Malancourt, Vauquois, und was aus der bayerischen Armee, die bei St. Mihiel durch die Sperrfeuer gedrungen ist, geworden, darüber verlautet nichts. Ist jedenfalls nicht mit über die Maas vorgekommen; war auch nicht leicht! Verdun wäre also im Augenblick im Nordosten und Süden eingeschlossen, natürlich noch in weitem, wohl kaum ganz geschlossenem Kreise. Im Westen hat es noch
Verbindung nach Paris.
Die Belagerung wird aber jetzt doch recht ernstlich betrieben werden. Die „fleißige Berta“ ist ja hier irgendwo aufgefahren und wird die nördlichen Forts wohl in nächsten Tagen unter Feuer nehmen. Vor 15. November ist an Fall Verduns wohl nicht zu denken. Inzwischen wird hoffentlich der Kampf
an der Küste bis zur Eroberung von Calais geführt haben. Allerdings halte ich diesen Kampf nicht für leicht. Die englische Flotte kann doch dauernd unsere rechte Flanke beschießen. Und an Landtruppen wird England hier seinen letzten Mann opfern.
Denn mit der französischen Küste verteidigt England doch seinen eigenen Grund und Boden. Um so stärker natürlich unser Wunsch, hier vorzukommen. Den Haß gegen die Engländer teile ich jetzt endlich auch völlig. Glaubte anfangs, daß England nur unwillig seiner  Bundesgenossenschaft gefolgt wäre. Bin aber jetzt der Überzeugung, daß es die Gelegenheit doch nur zu gern ergriffen hat, da sie doch sein früheres Verfahren, die Kontinentmächte gegeneinander kämpfen zu lassen und selbst wenig einzusetzen, wiederholen läßt. Wie wenig es selbst riskiert,
sieht man an dem Verhalten der Flotte, die sich zurückhält.
Antwerpen hat es noch halten wollen durch die Belgier, als längst alles aussichtslos war. Der eigentliche Engländer opfert ja nur seinen Shilling,
nicht sein Blut; er operiert als Kaufmann nur mit Geld, läßt andere bluten; wie viel er einsetzt, d.h. wie lange er den Kampf fortsetzt, wird ihm auch seine kaufmännische Denkungsweise angeben. Ich glaube, daß der Krieg für England allmählich zu riskant wird, daß es nach Niederwerfung Rußlands und Frankreichs gern Frieden schließen wird, um von seinen Kolonien zu retten, was zu retten ist.

Argonnerwald,
November 1914, morgens 8.15

Über fünf Wochen jetzt schon hier. Wer hätte solche Kriegführung
im August und September für möglich gehalten! Und so
auf der ganzen Linie, nur mit dem Unterschied, daß man anderswo kleines Vorarbeiten zu versuchen hat, während Inf.-Reg. 144 genau an der Stelle liegt wie vor fünf Wochen.
Unser belgisches Heer steckt nun auch schon über 14 Tagen im Kampf bei Neuport, Ypern; es soll dazu noch sehr verstärkt sein. Woher haben England und Frankreich die Truppen, um dort so lange Stand zu halten? Gewiß, die Wasserläufe sind für den Angriff ungünstig, die englischen Schiffskanonen werden auch ihre Pflicht tun. – Belgische Kräfte sind doch in großen Mengen nicht mehr darunter. England wird natürlich auch bei
Frankreich alles aufgeboten haben, um Vordringen der Deutschen an der Küste zu verhindern. Aber trotzdem glaube ich doch, daß Anfang November Dünkirchen und dann auch Calais fielen.
Auch bei Verdun kein offenkundiger Fortschritt. Was „soll“ nicht alles schon geschehen sein! Dann heißt es, Flieger die 48er beschädigt, dann, sie  könnten wegen Bedrohung der Eisenbahnflanke durch französische schwere Artillerie überhaupt nicht herankommen. Daß Verdun bis zum 15. des Monats fällt, erscheint mir allmählich doch mehr als zweifelhaft. Glaube jetzt wieder, daß von Westen her Entscheidung hineingebracht wird.
Das Eingreifen des Islam hat mit der Kriegserklärung der Türkei wohl begonnen. Einstweilen wird die russische Flotte im Schwarzen Meer beschäftigt. Türkische Truppen werden Suez bedrohen und in Ägypten Eintritt erzwingen desgleichen von Armenien her in Kaukasien.
Persien wird sicher mitmachen. Russisch-Kaukasien, desgleichen
Ostturkestan werden sich erheben und mit Türkei und Persien gemeinsame Sache machen. Der Einmarsch Afghanistans und persisch-türkische Truppen werden Indien bedrohen und werden dort (gleich den anderen Gebieten) eine zwiespältige Bevölkerung finden. Die 130 Millionen Mohammedaner werden jedenfalls unsern Gegnern sehr viel zu schaffen machen.
Hoffentlich auch in Nordafrika. Aber! Wie wird das die Stellung Italiens beeinflussen? Wird weiterer Aufstand in Tripolis Italien in die Arme der Entente-Mächte treiben? Wie weit hat unsere Diplomatie da vorgearbeitet? Das wäre fatal! Bulgarien und Griechenland kommen im Laufe der …hier endet der Eintrag

Argonnerwald,
Dienstag, 10. November 1914, 16 Uhr

Bedauere, Tagebuch hier nicht eifriger geführt zu haben. Aber es lag nicht nur am schlechten Willen. Man hat hier ja den ganzen Tag zu seiner Verfügung, wird aber in seinen persönlichen Angelegenheiten, besonders auch im Briefschreiben, durch alles Mögliche gestört; bald Besuch, bald dicke Luft. Besonders beehrt uns Holtmann, Pressevertreter der Zeche aus Essen oft.
Sein Besuch an sich sehr willkommen, da Holtmann mir wohl gefällt. Auch Appelle, Besichtigung der Schanzarbeiten nehmen Zeit in Anspruch; besonders auch viel die Zeitungslektüre. „Merkur“ wird auch von Schneider mit viel Interesse gelesen.
Endlich körperliche Beschäftigung durch Schanzen. Unsere Lage hier unverändert. Nur belästigt uns hier die französische Artillerie, während unsere sich ausschweigt. Es soll an Munition fehlen, desgleichen sollen die Rohre schon sehr gelitten haben. Ob die Franzosen diese Nachteile nicht haben?
Jedenfalls hat die französische Artillerie schon viele Opfer gefordert. Bei 1./144 den ganzen Offiziersstab durch einen Einschlag; daher Befehl, daß Offiziere bei Artilleriefeuer nicht zusammen in einer Bude sind. Wir haben schon vorige Woche unterirdischen Anbau gemacht an unserem Bau; 1 – 1,50 m Steindecke darüber; bauen augenblicklich noch sicheren Unterstand, da die Division darauf aufmerksam machte, daß 3 m Decke erst
Sicherheit böte. Kersten als Bergmann arbeitet hauptsächlich daran.

Bei 9./144 (rechts von uns) gestern Mittag Durchbruchversuch, bewarfen Posten dauernd mit Bomben, bis er durch sein Zurückgehen den Feinden Eintritt in den Schützengraben ermöglicht. Reserven kamen vor; Feind zurück, aber der gute Lt. Opper (heute ein Vierteljahr verheiratet, aus Osnabrück) mit fünf Leuten gefallen! Franzosen sollen schwere Verluste gehabt haben. Wir machten uns auf die Meldung von dem Sturm hier zur Abwehr fertig. Aber bei uns alles ruhig geblieben; bei unserer Aufstellung hier wird ein Durchbruch nicht gelingen. Stellung der Gegner war zu zersplittert; sie hatten keine kampfkräftige Schützenlinie voran.
Die Artillerie befeuert auch besonders die Essenholer; Tote
und Verwundete. Gestern soll La Placardelle genommen sein; von wem?
13.Armee-Korps? Jedenfalls sehr wichtig, da der Ausgang der vor uns liegenden Täler von uns z.T. verstopft.
Heute nördlich von uns schweres Artilleriefeuer (Schnellfeuer) den ganzen Tag im Gang. Vermutlich wird die 34. Division den Gegner nach Westen herausrufen auf La Placardelle zu und ihn damit in den Rachen des 13.Armee-Korps treiben.

Freitag, 20. November

Unsere Lage 11./144 unverändert; nur das französische Artilleriefeuer noch heftiger geworden. Die 34. Division hat obige Hoffnung nicht erfüllt. Steht noch weiter zurück als wir, wenigstens mit dem Hauptteile. Inzwischen ist Höhe nördlich von Vienne-le-Chateau genommen, daher rührte also das heftige Artilleriefeuer am 10. November. Nach amtlichem Bericht soll drei Wochen um die Höhe gekämpft sein. Ob Franzosen nun bald eingeschlossen werden? Es hieß schon mal, es sollen 3.700 Franzosen dort gefangen sein. Anderseits sind die Franzosen am Tal vor uns noch recht unternehmungslustig. Infanterie-Regiment 30 war Mittwoch in französische Stellung gerückt, soll ca. 200 Gefangene gemacht haben; aber in der folgenden Nacht von den Franzosen überrumpelt und wieder heraus geworfen sein. Außerdem ist die französische Artillerie seit einigen Tagen sehr gefährlich, schießt auch bei Nacht. Einige unter den Trümmern der Höhle begraben, andere verletzt. Gestern auf Kersten Armschuß, an der Stelle, wo ich andauernd arbeite! Alles das, ferner Ärger über die nach R. V. deutschfeindliche Stimmung in den Vereinigten Staaten verdarben gestern die Stimmung. Dazu das völlige Versagen unserer Artillerie! Die schwere Artillerie hatte gestern über 50% Versager! Munition bei den Franzosen gebessert, bei uns verschlechtert; unsere vier Geschütze schießen schon seit vierzehn Tagen nicht mehr. Apremont mußte geräumt werden, da unter französischem Artilleriefeuer seit vierzehn Tagen. Also alles, was wir hier sehen, ist wenig ermutigend.
Mit den Russen scheint man leichter fertig zu werden. Vorgestern Meldung, daß 23.000 wieder gefangengenommen seien. Kautschukstrategie! In Ostpreußen und Lemberg sind die Russen wieder weit vorgedrungen; auch wieder Kautschukstrategie. In Österreich wohl kaum!
Im Westen sollen nach gestriger Meldung 65.000 Franzosen eingeschlossen sein. Wenn’s sich nur bestätigt. Man erwartet ja seit acht Tagen Durchstoß bei L. M. [Lille?]
Am 13. November E.K. erhalten.

Montag, 23. November 1914

Lage dieselbe. Siegesnachricht von Arras – Lille nicht bestätigt. Scheinen doch dort auf äußerst starken Widerstand zu stoßen. B. von 173 erzählte, daß Seine Majestät zu Mudra gesagt habe, in Belgien stünden fünf frische Corps; die würden den Durchbruch erzwingen. Das ist aber schon 2 – 3 Wochen her! Es werden allerdings ja einige Teilerfolge gemeldet, aber wo bleibt der grand coup? Englische und französische Presse redet von Bankrott der deutschen Strategie, Na, ich wette noch immer 70 zu 30, daß der Durchbruch gelingt. Zühlkes Bruder erzählte ferner, die Gefangenen (200) wären in dem Glauben, im Schwarzwald zu sein! Es wären junge Soldaten, die auf Fahrt drei Tage unterwegs und dann nachts hier ausgesetzt wären. Die Russen rückten von München her heran. Frankreich sei vom Feinde frei! Dazu stimmt Äußerung des türkischen Gesandten in Bordeaux, beim Lesen der ersten nicht-französischen Blätter. Laut Presse hat er geäußert, alle Welt und Bordeaux glaube, daß Frankreich frei von Deutschen.
Ich glaube derartigen Meldungen nicht; besonders nicht der Meldung über den türkischen Gesandten. Der bekommt wohl mehr zu sehen als die französischen Zeitungen.
Wo bleibt die oft berufene russische Revolution? Es sollen Gegner darunter sein! Wohl nur einzelne. Ich kann nicht glauben, daß Japan je Truppen zum europäischen Kriegsschauplatz schickt.
1.) widerspricht das den Grundsätzen der allgemeinen Wehrpflicht, und
2.) auch dem Interesse Japans.
Je mehr Rußland geschwächt wird, um so besser für Japan. Es wird unsere Südseeinseln, soweit es die Engländer noch nicht getan haben, erobern, das ist seine Interessensphäre. Freilich wird der Gegensatz zu Japan dadurch verschärft. Es wird sich auch gern gegen Indien, Persien, auch wohl für Rußland gegen China gebrauchen lassen, aber nie Truppen nach Europa schicken; auch nicht um Besitz von Kiautschau zu sichern. Bekommen wir Kiautschau wieder? Ja, wenn wir über England siegen; dann würden wir z.B. Hongkong an Japan gegen Herausgabe von Kiautschau abtreten lassen; also auf Kosten der geschlagenen europäischen Mächte würden wir Kiautschau wiedergewinnen. Werden wir England schlagen im Lande selbst? Glaube nicht an Truppenlandung. B. wußte, daß besondere Schiffe für Transport gebaut würden. Daß jede Woche eines fertig wurde;
alles für Kampf gegen England. Glaub’s noch nicht!

Betontrümmer eines MG-Bunkers nahe Four de Paris