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Darstellung der Kämpfe des
eingeschlossenen amerikanischen Bataillons von amerikanischer
Seite
Übersetzung eines Artikels aus der Saturday Evening Post
von O.Brandis und G.Klemm
Von Generalmajor a.d. Hunter Ligget
und E. Wesley
Das „Lost Battailon“ wurde durch einen Angriff gerettet.
Der 16 km nordöstlich der Stelle im Argonnerwald erfolgte,
wo es in eine Umzingelung geraten war. Vorher war jeder Versuch,
es auf dem direkten Weg zu entsetzen, fehlgeschlagen. Major Charles
W. Whittlesey befehligte ein zusammengesetztes Bataillon der 77.
Infanterie-Division, das sich zusammensetzte aus sechs Kompanien
des IR 308 der K-Kopanie des IR 307 und den C- und D-Kompanien
des MG-Bataillon des IR 306. Er hatte den Auftrag, bestimmte Höhenzüge
zu nehmen und zu halten. Mit schweren Verlusten entledigte sich
Whittlesey seiner Aufgabe. Den folgenden Schützenlinien der
77. ID gelang es jedoch nicht, in unterstützender Verbindung
mit dem rechten und linken Flügel der vorderen Linie zu bleiben.
Der Feind kam schnell in den Rücken des Bataillons, verriegelte
die Bergschlucht, durch welche es vorgegangen war, mit Drahthindernissen
und schloss es ein. Getreu dem Befehl, der besagte, dass die erreichte
Stellung zu halten sei, machte das Bataillon keinen Versuch, sich
rückwärts wieder durchzuschlagen.
Die New York National Army bestand aus der 77. ID, auch Freiheits-Division
genannt, die außerordentlich verstärkt war durch die
40. ID, die auch Sonnenschein Division hieß. Letztere rekrutierte
sich aus National-Garde-Truppen aus Kalifornien, Utah, Colorado,
Arizona und New Mexiko., die im Lager Kearny in Kalifornien ausgebildet
waren. So kämpften fern in den Argonnen in der Division Männer
aus West und Ost.
Wenige Tage vorher war das kombinierte Bataillon ebenfalls abgeschnitten
worden, wenn auch nicht vollständig. Negertruppen von der
92. ID waren mehr als 2 Kilometer zurückgegangen, so dass
am linken Flügel der 77. ID eine Lücke klaffte, in die
der Feind eindrang und dadurch das Bataillon bis zum 01. Oktober
stark flankierte. An diesem Tage befreite sich das Bataillon aus
dieser misslichen Lage durch einen erfolgreichen Angriff, geriet
aber, nichtsdestoweniger wieder in den anfangs erwähnten
Hinterhalt. Der Feind schloss Whittlesey so eng ein, dass die
deutsche Artillerie ihn nicht beschießen, sonder nur mit
MG- und Infanteriefeuer, mit Minenwerfern und Handgranaten beikommen
konnte. Unsere Leute waren nur mit eisernen Rationen versehen
und hatten daher 100 Stunden kein Essen und sozusagen kein Wasser.
Sie löschten ihren Durst mit Tau und stillten ihren Hunger
mit Wurzeln und Blättern des Waldes.
Unsere Leute hatten Leuchtpistolen
und Fackeln zum Zeichengeben in der Nacht und legten weisse Tuchfelder
zum Signalisieren bei Tage aus. Die Letzteren wurden auf die Erde
ausgelegt, um unsern Fliegern Nachrichten zu geben und Nachrichten
zu erhalten. So wurde z. Bsp. angefragt: „Sage uns, wie
es rechts von uns aussieht“ oder „Melde, dass wir
vorgehen wollen“ oder „Erstes Ziel erreicht“
– Whittlesey hatte auch Brieftauben bei sich. Die letzte,
die er am 4. Oktober fliegen ließ, brachte folgende Kunde:
„Leute leiden sehr unter Hunger und Witterung, die Verwundeten
leiden sehr. Kann nicht sofort Hilfe gesandt werden?“ Wir
wussten genau, wo das Bataillon und wie verzweifelt seine Lage
war. Unter anderem versuchten wir, ihm Lebensmittel durch Flieger
zu übersenden. Ihnen gelang es aber nie, die Lebensmittelpakete
auf kleinem Raum innerhalb des feindlichen Einkreisungsringes
abzuwerfen. Neun Leute des Bataillons krochen, ohne Erlaubnis
zu haben, ins Niemandsland zwischen die Kampflinien, um Nahrungsmittelpakete
zu erbeuten, die dorthin von unseren Fliegern abgeworfen wurden.
Fünf von ihnen fielen, die übrigen vier wurden gefangen
genommen. Einer von den vieren, Private Growell R. Hollinghead,
wurde gezwungen, nachdem ihm die Augen verbunden wurden, Whittlesey
die schriftliche Aufforderung zur Kapitulation zu überbringen.
Diese war von Leutnant Heinrich Prinz, der vor dem Krieg sechs
Jahre lang in Seattle gelebt hatte, und der jetzt der 76. Res.-Div
angehörte, in vorzüglichem englisch abgefasst. Prinz
führte die deutsche Abteilung, die Whittlesey in den Rücken
gekommen war und man hatte den Verdacht, dass er die Kenntnis
der englischen Sprache dazu benutzt habe, falsche Befehle an unsere
Truppen zu geben. Es konnte nämlich für verschiedene
durch Lautsprecher gegebene Befehle der Befehlsausgeber nicht
festgestellt werden.
Die deutsche Aufforderung zur Kapitulation war sehr höflich
und etwa in Form eines Geschäftsbriefes gehalten. Major Whittlesey
beantwortete sie nicht mit der abschlägigen Antwort: „Geh
zum Teufel“ („Go to hell“), wie die Zeitungen
zu berichten wussten, sondern ignorierte sie vollständig.
Nach seinen eigenen Worten schien ihm keine Antwort die beste.
Die deutsche Aufforderung forderte, dass er eine weiße Fahne
zeigen sollte, wenn er zu kapitulieren beabsichtigte. Um nun jeder
falschen Annahme beim Feind vorzubeugen, entfernte Whittlesey
seine weissen Tuchfelder. Dadurch verlor er die letzte Verbindung
mit unserer Armee. Er tat dieses trotz seines verhängnisvollen
Mangel an Munition und trotz des verheerenden Feuer des Feindes
und trotzdem sich seine Leute in höchster Not befanden. Ich
verbrachte während dieser Zeit jede Stunde, die ich erübrigen
konnte, bei General Alexander im Divisionsstabsquartier im Walde
und überlegte, wie dem Bataillon Hilfe gebracht werden könnte.
Selbstverständlich wussten die Boches, dass wir nichts unversucht
lassen würden. Sie verhinderten deshalb auch alle Entsetzungsversuche,
die wir tags und nachts, rechts und links, machten.
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Beginn der Hilfsaktion
Inzwischen hatte am 04. Oktober die zweite Phase
der Mosel-Argonnen-Schlacht begonnen. Die Armee griff an jenem
Tag, ohne vorhergehendes Artilleriefeuer an und überraschte
so die Deutschen. Von meiner Korpsfront nahm die 1. ID Exermont
aus welchem einige Tage vorher die Patrouillen der 35er vertrieben
waren. Sie drang weiter vor bis Fléville an der Aire. Die
rechte Brigade der 28. ID unter General Dennis Lonan, der auf
sein Gesuch hin vom Stab des Großen Hauptquartier an die
Front versetzt worden war, erreichte die Aire hart südlich
von Fléville und dehnte sich bis südlich Aprémont
aus. Eine Lücke blieb zwischen dem linken Flügel der
1. ID und dem rechten Flügel der 28. ID im Aire-Tale. Am
folgenden Tage drangen wir 1 Kilometer an die Aire heran. Am 06.
Oktober lief unsere Korpslinie von südlich Sommerance bis
Fléville, um dort dicht am Fuße der Argonnen entlang
bei Chatel Chehery auf das linke Flussufer abzubiegen. Von dort
verlief die Front an der Chene-Tondu-Höhe vorbei, am Ostrand
des Waldes entlang, über la Viergette im Walde weiter durch
den Wald bis in die Gegend nördlich Binarville. Von diesem
– einst ein blühendes Dorf – war nicht ein Stein
auf dem anderen geblieben. Es war 1914 durch Artilleriefeuer vollständig
zusammengeschossen worden. Die Boches hatten dann die Trümmerhaufen,
die noch stehen gebliebenen Mauern und alles andere zur Herstellung
von Strassen weggeschafft.
Der Vormarsch der 1. ID am 5. Oktober auf dem rechten Flügel
des Korps brachte die erste Erleichterung für Whittlesey,
dessen Bataillon vor dem linken Flügel des Korps eingeschlossen
war. Er ermöglichte einen Flankenangriff auf die Argonnen
aus der Linie Aprémont – Fléville mit der
Absicht, die Boches aus dem Wald zu vertreiben. Mit anderen Worten,
der Feind hatte infolge der Abwehr des Angriffs der 77. ID im
Walde seine eigene Flanke ungedeckt gelassen. Ich arbeitete im
Korpshauptquartier einen Vorschlag aus und gab ihn sofort durch
Fernsprecher an das Armeehauptquartier durch. Darin empfahl ich
einen sofortigen Angriff der 82. ID, unserer Korpsreserve, die
jetzt unter dem Befehl des Generals Duncan stand, in nordwestlicher
Richtung über die Aire gegen Cornay und anschließende
Höhen in Verbindung mit einem gleichzeitig auszuführenden
Angriff der rechten Brigade der 28. ID gegen Höhe 244, die
vor dieser lag.
Meine Absicht war, nicht nur die Boches vollständig aus dem
Wald zu vertreiben, wodurch das „verlorene“ Bataillon
befreit würde, sondern es sollte dadurch auch die neue Stellung
der 1. ID gegen das Flankenfeuer von der Ostseite des Waldes aus
der Gegend Cornay geschützt werden. Ohne alle Fragen handelte
es sich um eine riskante Sache. Die Flanke der angreifenden Truppen
würde ungedeckt und einer konzentrischen Beschießung
jeder Art ausgesetzt sein. Die feindlichen Stellungen lagen auf
steilen, schroffen Klippen auf Höhen bis zu 300 Fuß,
von wo aus sie das Tal beherrschten. Dabei war die Aire nur an
einigen seichten Stellen passierbar, die man in Eile ausfindig
machen musste. Das Armeehauptquartier zögerte daher, meinem
Plan zuzustimmen. Erst, nachdem General Mc. Andrew, der Chef des
Stabes und General Connor, der Operationschef, ihn mit mir in
meinem Hauptquartier durchgesprochen hatten, wurde er bewilligt.
Sämtliche französischen Offiziere, welche meinem Stab
attachiert waren, sprachen sich einstimmig gegen meinen Vorschlag
aus. Von meinem eigenen Stabe pflichtete ihm nur der Chef, Malin
Craig, bei.
Für meinen Vorschlag hatte ich verschiedene Gründe;
einer davon ging von der Tatsache aus, dass man Krieg nicht nur
von Sicherheiten aus führen kann. War mein Plan von Erfolg
gekrönt, großartig! Missglückte er, dann würde
ich zum Teufel gejagt werden. Aber das ist nun mal das Los eines
Offiziers. Der Angriff würde für uns gefährlich
sein, aber ebenso auch für den Feind. Und endlich: das großartige
Verhalten und die Entbehrungen, die Whittleseys Bataillon aushielten,
waren einen blutigen Kampf zu dieser Befreiung wert. Ich gönnte
ferner den Boches nicht den Ruhm, eine Abteilung der American
Expedition Force gefangen zu nehmen.
Die Argonnen frei
Glücklicherweise stand ein Regiment der 82.
ID, das unter dem Kommando des Obersten Ely stand und mehrere
Tage hinter der 28. ID, die im Aire-Tal lag, als Divisionsreserve
gelegen hatte, zur Verfügung. Ebenso waren einige Führer,
wenn auch nicht in ausreichender Anzahl, für den Aire Übergang
zur Hand. Da keine Zeit vorhanden war, Pontons heranzuschaffen,
durchwatete oder durchschwamm am Morgen des 07. Oktober im dichten
Nebel dieses Regiment die Aire. Zur selben Zeit stürmte die
Brigade Nolan der 28. ID die Höhe 244. Wäre es uns gelungen,
eine ganze Brigade der 82. ID am Morgen des 07. Oktober über
die Aire zu bringen und hätten diese durch die andere Brigade
unterstützen können, dann hätten wir nicht nur
alle deutschen Truppen im Walde abgeschnitten und gefangen genommen,
sondern wahrscheinlich hätten wir Grandpré, den Bois
de Loges und Champigneulle genommen. Alle diese Stellungen waren
schwach besetzt, solange sich der Feind noch im Wald befand. Sie
lagen überhöhend mit einem meilenlangen, offenen Gefälle,
ohne jede Deckung bis hinunter zur Aire. Sie stellten die stärkste,
kurze Front dar, die ich je an der Westfront sah. Sie kostete
uns Verluste von 4 – 5000 Mann und eine Woche verzweifelten
Kampfes, um sie zu besetzen. Da an jenem Tage nur einige 6 Kompanien
von einem Regiment der 164. Brigade (82. ID) eingesetzt werden,
kann man ermessen, welchen Erfolg ein vollkommen gemeinsamer Angriff
der ganzen Brigade, wie er befohlen war, gehabt haben würde.
Indessen, wenn der Erfolg nicht den Erwartungen entsprach, wie
das meistens der Fall ist, erfüllte er doch seinen unmittelbaren
Zweck. Die Deutschen waren im Wald überflügelt und zogen
sich eiligst aus ihm zurück. Das „verlorene“
Bataillon war gerettet, die 1. ID befreit von einem verheerenden
Flankenfeuer aus dem Walde her. Die Argonnen waren entgültig
in unserem Besitz. Whittesey war mit 500 Offizieren und Mannschaften
in den Kampf gegangen. Nur 194 konnten befreit werden. Von einer
Kompanie, A-Kompanie des 308. IR, waren es nur drei Überlebende,
die nicht auf Tragen getragen werden brauchten. Im Verlaufe dieser
Operation entbrannte in der Gegend von Cornay ein heftiger Kampf,
während dessen die Deutschen ständig Gegenangriffe machten,
um für ihren Abzug Zeit zu gewinnen. In der Nacht vom 7.
auf dem 8. Oktober kam es noch einmal zu einem heftigen Nachtgefecht.
Jedoch am 10. erreichte die 77. ID das südlich Ufer, gegenüber
von Grandpré.
Der Artikel ist K. Klemm und F. Prinz zugesandt worden, um ihrerseits
eine Schilderung der damaligen Kämpfe zu geben. K. Klemm
führte damals das I./252, dass gegen das „Amerikanernest“
eingesetzt war. Prinz, der Ordonnanzoffizier im Regimentsstab,
ist in dem Artikel besonders erwähnt.
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